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Haltern
Austausch-Schüler aus Haltern wurden per Los ausgewählt

Haltern. Der Polizeibus vor dem Haupteingang des Joseph-König-Gymnasiums ist verschwunden, dafür riegeln am Tag nach der Flugzeugkatastrophe rund 100 Polizisten das Gebäude ab. "Gestern waren wir viele. Heute sind wir allein", haben Schüler auf eine Papptafel geschrieben, die direkt vor dem Eingang der Schule inmitten eines Meeres aus Hunderten Kerzen und Blumen ragt. Davor stehen junge Mädchen mit feuchten Augen, die sich an den Händen halten und eine Kette bilden. Sie gedenken ihrer 16 Mitschüler und der zwei Lehrerinnen, die bei dem Absturz ums Leben gekommen sind. Von Christian Schwerdtfeger

In Haltern am See konzentriert sich die weltweite Trauer über das Unglück am stärksten. Hunderte Journalisten aus der ganzen Welt berichten aus der westfälischen Kleinstadt, die wie keine andere Gemeinde unter der Katastrophe zu leiden hat - denn in Haltern kenne jeder jeden, sagt Bürgermeister Bodo Klimpel.

Das Haltener Stadtoberhaupt wird von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) persönlich angerufen. Sie erkundigt sich bei ihm über die Situation in Haltern und teilt ihm ihr Beileid mit. "Ihre Anteilnahme tut gut", sagt Klimpel. "Man rückt dann halt in einer Stadt wie Haltern am See enger zusammen, um sich gegenseitig zu trösten."

NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) ist gestern Morgen in die Schule gekommen, hat mit den Schülern und Lehrern getrauert, geweint und ihnen Mut zugesprochen. "Wenn jemand weint, dann weint er. Wenn jemand still ist, dann ist er still", sagt die Ministerin, die angesichts der Tragödie selbst um Fassung ringt. "Den Schmerz kann keine Macht der Welt den Menschen nehmen, wir können ihn nur gemeinsam teilen."

Löhrmann dankt den vielen Seelsorgern und Psychologen, die sich aufopferungsvoll um die Schüler kümmern und angesichts der gewaltigen Trauer zum Teil selbst psychologische Hilfe benötigen. Dem Schulleiter des Gymnasiums, Ulrich Wessel, streichelt Löhrmann während der Pressekonferenz im Ratssaal, die live in viele Länder übertragen wird, mehrmals tröstend über den Rücken, als dieser kaum Worte dafür findet, um das auszudrücken, was er empfindet. Er steht unter Schock. "Ich weiß nicht, wie ich den morgigen Tag überstehe", sagt Wessel. An normalen Unterricht sei in den nächsten Tagen jedenfalls nicht zu denken. In Wessels Augen spiegelt sich das ganze Leid einer Gemeinde wieder, die wie gelähmt zu sein scheint. "Das Unglück hat eine tiefe Wunde in unsere Stadt gerissen, die nur langsam wieder verheilen und tiefe Narben hinterlassen wird", sagt Wessel. "An unserer Schule wird nichts mehr so sein, wie es einmal war." Als er gefragt wird, wie viele Schüler auf sein Gymnasium gehen, wird es auf einmal ganz still im Ratsaal. "1286", sagt er. "Nein, ich muss mich leider korrigieren. Jetzt sind es ja 16 weniger. Entschuldigung." Dann bricht er in Tränen aus.

Die Schüler gingen in die zehnte Jahrgangsstufe, seit einem Jahr lernten sie Spanisch. Weil die Teilnahme an dem seit sechs Jahren bestehenden Austauschprogramm sehr beliebt war, wurden die Plätze für den einwöchigen Trip ausgelost. Das Los sei auf die ums Leben gekommenen Jugendlichen gefallen, sagte eine Sprecherin der Bezirksregierung. Einer der Schüler sei erst über eine Liste für Nachrücker in die Austauschgruppe gekommen. In ihrer spanischen Gastschule hatten sie von morgens acht Uhr bis zum Nachmittag Unterricht. Anschließend folgten Ausflüge - unter anderem ans Meer. An einem Abend gingen sie kegeln, am Samstag guckten sie das Fußballspiel Barcelona gegen Real Madrid im Fernsehen.

Josef Hovenjürgen wohnt im Halterner Ortsteil Lavesum. Von dort kommen zwei verunglückte Schülerinnen, 15 und 16 Jahre alt. Hovenjürgen ist Landtagsabgeordneter (CDU). Er kennt die betroffenen Familien gut. "Es ist eine menschliche Katastrophe", sagt er, zieht ein Papiertaschentuch aus der Hose und lässt seinen Emotionen freien Lauf.

Auch um die beiden Lehrerinnen herrscht große Trauer. Der Schulleiter beschrieb sie als fröhliche Menschen. Eine der beiden hatte erst im Herbst geheiratet, die andere wollte bald vor den Traualtar treten. "Was soll man ihren Männern sagen, wenn sie vor einem stehen und fragen, warum das passiert ist", fragt der Schulleiter.

Quelle: RP
 
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