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Siegen
Automaten-Sprenger lebte im Untergrund

Siegen. Jahrelang war er untergetaucht und hatte von dem Geld gelebt, das er aus gesprengten Geldautomaten stehlen konnte. Nun muss ein Mann aus dem Siegerland für die Serie von Explosionen knapp sieben Jahre ins Gefängnis. Von Jörg Taron

Mit einem kaum merklichen Kopfnicken stimmt der Mann auf der Anklagebank dem Richterspruch zu. Zu sechs Jahren und zehn Monaten hat das Landgericht in Siegen gestern den Mann verurteilt, weil er ein Dutzend mal Geldautomaten in die Luft gejagt oder es erfolglos versucht hatte. Bei zwei Taten erbeutete er jeweils rund 80.000 Euro, insgesamt summiert sich die Beute des Mannes auf 230.000 Euro.

Irgendwie scheint der 46-Jährige nach der Urteilsverkündung erleichtert zu sein. Er lacht noch mit seinem Anwalt, bevor ihn die Wachmänner abführen. "Er war froh, dass es zu Ende ist", hatte der Anwalt im Prozess zum Tag der Festnahme gesagt. Denn sein Mandant sei von den Jahren im Untergrund gezeichnet gewesen. "Er hat sich teilweise von ungekochten Ravioli und nur aufgetauter Tiefkühl-Pizza ernährt, hatte keine sozialen Kontakte mehr und auch keine Krankenversicherung."

Die kriminelle Karriere hatte der Architekt 2007 begonnen. Seine Beziehung sei gescheitert gewesen, seine Teilhaber im Planungsbüro hätten ihn ausgebootet, und familiäre Kontakte seien zerbrochen, schilderte er dem Gericht. Wegen der finanziellen Probleme habe er sich auf seine Chemie- und Technik-Kenntnisse besonnen und die "Schnapsidee" entwickelt, Geldautomaten zu sprengen und dann zu plündern. Er wird wegen Diebstahls, vorsätzlichen Herbeiführens einer Sprengstoff-Explosion und für Tankbetrug verurteilt.

Um die Wirkung des von ihm genutzten Spreng-Gases zu testen, hatte er auf einer Müllkippe mit Panzerband umwickelte Kühlschränke in die Luft gejagt. Denn - das glaubte das Gericht dem Mann - er habe immer versucht, möglichst niemanden zu gefährden. "Er hat möglichst wenig Gas genutzt, wenn Menschen in der Nähe waren", sagte die Richterin. Bei einigen der Sprengungen hatte er direkt neben dem Automaten gestanden.

Bei einer Tat an der Uni Siegen, die ihm rund 80.000 Euro Beute brachte, hatte er allerdings reichlich Gas genutzt. Trotz einer 50 Meter langen Lunte seien ihm noch Teile des Geldautomaten "um die Ohren geflogen".

Das stundenlange Geständnis, das der Mann im Prozess im Plauderton abgelegt hatte, hätte auch eine Weiterbildung für angehende Geldautomaten-Knacker sein können. Verschiedene ältere Typen bezeichnete der 46-Jährige als "Pappteile", die kaum Sicherheit böten. Bei der Suche nach möglichen Tatorten habe er vor allem darauf geachtet, dass die nächste Polizeiwache weit entfernt gewesen sei: "Die Polizei ist ja chronisch unterfinanziert. Da ist die Chance, dass da eine Streife in der Nähe ist, gering."

Und abgezockt scheint der 46-Jährige auch gewesen zu sein: Bei seiner letzten Tat in einer Autobahn-Raststätte bei Siegen im Sommer 2015 hatte er alles für die Sprengung vorbereitet, als ein Trucker vorbeikam. "Ich sagte "N'abend" und er sagte "N'abend". Und als er weg war, habe ich gezündet", hatte der Angeklagte dem Gericht erzählt.

So lange die Beute reichte, hatte sich der Mann mal ein Hotel gegönnt, war in Urlaub ins Ausland gefahren. Nach der dritten Tat mit Beute habe er keinen Weg zurück ins bürgerliche Leben gesehen und sei untergetaucht, urteilte das Gericht. Das waren die Zeiten, in denen er in seinem Kombi schlief und nur unterwegs sein konnte, wenn er den Sprit stahl. Für seine Tankbetrügereien hatte er sich eigens Nummernschild-Doubletten anfertigen lassen.

Mit Bildern von den Tatorten oder der Video-Überwachung von Tankstellen wurde jahrelang auch mehrfach in der ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY ... ungelöst" nach ihm gefahndet. Dann wurde er im vergangenen November in einer Lagerhalle in Hamburg festgenommen.

Der Mann war ein Einzeltäter, doch laut Polizei sind für die Serie von gesprengten Geldautomaten in NRW mehrere Banden verantwortlich. Allein in diesem Jahr hat es schon rund 60 Sprengungen gegeben.

(dpa)
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