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Düsseldorf/Brüssel
Brand im belgischen "Bröckel-Meiler"

Düsseldorf/Brüssel. Erneut hat es eine Panne im belgischen Atomkraftwerk Tihange gegeben. Diesmal brannte es in einem Reaktorblock. Der Meiler steht nur wenige Kilometer von der deutschen Grenze bei Aachen entfernt. NRW fordert die Abschaltung. Von Claus Haffert und Christian Schwerdtfeger

Für Anja Schroeder ist es seit vielen Jahren Normalität, Jodtabletten zu schlucken, die vor Schilddrüsenkrebs schützen. Die 29-jährige Aachenerin hat schon als Kind von ihren Eltern regelmäßig die Tabletten bekommen. "Zudem benutzt meine Mutter bis heute immer nur Jodsalz in der Küche", sagt sie. So wie Familie Schroeder machen es viele Menschen, die in der Aachener Grenzregion zu Belgien wohnen - aus Sorge vor einem Gau im nur 70 Kilometer entfernten Atomkraftwerk Tihange. "Wir haben nicht direkt Angst, dass dort etwas Schlimmes passieren könnte. Aber man weiß ja nie. Das Werk gilt ja als störungsanfällig", betont Anja Schroeder.

Erst am vergangenen Freitag war es in der belgischen Anlage wieder zu einem Zwischenfall gekommen. Im Reaktorblock I war ein Feuer ausgebrochen, das aber schnell wieder gelöscht werden konnte. Der Reaktor hatte sich daraufhin automatisch abgeschaltet. Der Zwischenfall habe keine Auswirkungen auf die Arbeiter, die Bevölkerung oder die Umwelt, so die Betreiberfirma Electrabel.

Die Anlage rund 70 Kilometer westlich von Aachen steht seit längerem in der Kritik. Der über 30 Jahre alte Reaktorblock Tihange 2 war am Montag wieder angefahren worden. Der Block war seit März 2014 wegen Sicherheitsbedenken abgeschaltet, weil Haarrisse am Reaktorbehälter entdeckt worden waren. Nach einer Überprüfung hatte die belgische Nuklearaufsichtsbehörde AFCN aber mitgeteilt, dass es sich dabei um ein Problem handele, das keine Gefahr für die Sicherheit der Reaktoren darstelle.

Nach dem erneuten Zwischenfall fordert die nordrhein-westfälische Landesregierung das Aus für die Atomanlage. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und das Bundesumweltministerium müssten "jetzt Abschalt-Gespräche mit Belgien aufnehmen", verlangte der NRW-Umweltminister Johannes Remmel (Grüne) über den Kurznachrichtendienst Twitter. In einem nicht-nuklearen Teil der Anlage hatte es gebrannt.

Wirtschaftsminister Garrelt Duin (SPD) nannte den Betrieb von Tihange unverantwortlich. "Tihange muss vom Netz. Endgültig", twitterte er. Auch der nordrhein-westfälische CDU-Vorsitzende Armin Laschet forderte: "Skandalreaktor muss sofort vom Netz! Was hilft deutscher Atomausstieg, wenn Unsicherheitsreaktoren direkt hinter Grenze stehen?"

Auch der Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU) forderte die sofortige und endgültige Stilllegung aller Reaktorblöcke des umstrittenen Atomkraftwerks. Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Oliver Krischer, forderte die Bundesregierung auf, bei der belgischen Regierung Druck zu machen. "Die Bundesregierung darf sich nicht länger hinter Floskeln verstecken, sondern muss gegenüber der belgischen Regierung endlich Klartext reden."

Der Krisenstab der Stadt Aachen hatte bereits vor dem Brand am Dienstag zum ersten Mal für einen atomaren Katastrophenfall geübt. Nach Angaben der Stadt wurde dabei der größte anzunehmende Unfall (GAU) am AKW Tihange unterstellt. Zudem hat das Land Jodtabletten für den Ernstfall im Universitätsklinikum deponiert und will sie im Ernstfall verteilen.

(dpa/RP)
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