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Bruckner, wie man ihn kaum kennt

Das Finale von Anton Bruckners letzter Sinfonie blieb Fragment. Als "Abschied vom Leben" hat er zwar selbst den weltentrückten dritten Satz bezeichnet; für den Fall, dass ihm die Vollendung des vierten Satzes nicht mehr gelingen sollte, hatte er aber verfügt, an dessen Stelle sein "Te Deum" einzusetzen, das er den "Stolz meines Lebens" nannte. Von Regine Müller

Diese Aufführungstradition hat sich jedoch bis heute nicht durchgesetzt. In der Johanneskirche konnte man nun diese vom Meister autorisierte Fassung erleben.

Kirchenräume sind für Symphonik nur begrenzt geeignet. Im Falle Bruckners, der seine Neunte "dem lieben Gott" widmete, scheint die Berechtigung indes mehr als gegeben. Dennoch – um den monumentalen Apparat überhaupt unterzubringen, mussten die Veranstalter mehrere Sitzreihen opfern.

In den ersten Reihen saß man so nah am Geschehen, dass man das Kolophonium der Streicher rieseln hörte, aber – im Auge des Orkans – die triumphalen Blechgewitter gemildert ans Ohr drangen.

Wolfgang Abendroth ging es mit den Bochumer Symphonikern zunächst bedächtig an: Es herrschten gemessene Tempi, die dramatischen Ausbrüche und Steigerungen klangen fast domestiziert, gleichwohl klangschön und präzise. Eine defensive Herangehensweise, die sich noch im ersten Satz des "Te deum" fortsetzte, dessen Erregung etwas seltsam Stampfendes hatte.

Doch dann spürte man, dass Abendroth als Chorbändiger erst so richtig zu sich kam. Das mächtige Aufgebot aus Johanneskantorei und dem Reading Festival Chorus folgte mustergültig und mit imponierender Durchschlagskraft, das Solistenquartett setzte markante Akzente. – Großer Applaus.

Quelle: RP
 
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