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Düsseldorf
Herausforderung Bürgermeisteramt

Gewinner und Verlierer der Stichwahlen in NRW
Gewinner und Verlierer der Stichwahlen in NRW FOTO: dpa, rwe fpt
Düsseldorf. Die rechtlichen Hürden, um Bürgermeister in NRW zu werden, sind nicht sehr hoch. Man muss mindestens 23 Jahre alt sein, die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen oder EU-Bürger sein. Soziale Kompetenzen sind nicht vorgeschrieben. Von Christian Schwerdtfeger

Britta Schulz von der Wählergemeinschaft "Forum Kalkar" ist erleichtert. Die zurückliegenden zwei Wochen harter Wahlkampf haben sich für sie ausgezahlt. Vorbei ist erst einmal die Zeit, in der ihre politischen Gegner öffentlich anzweifeln, ob sie dem Amt überhaupt gewachsen sei, in das sie die Bürger Kalkars am Sonntag gewählt haben. 57,2 Prozent der Stimmen erhielt sie bei der Stichwahl gegen den langjährigen Amtsinhaber Gerhard Fonck von der CDU, dem lediglich 42,8 Prozent der Wähler ihr Vertrauen aussprachen.

Schulz, Jahrgang 1959, steht stellvertretend für eine Reihe neuer Stadtoberhäupter in NRW, die anders als viele ihrer Vorgänger keine klassische Verwaltungslaufbahn durchlaufen haben und auch keiner traditionellen Partei angehören. Schulz ist Agrarwissenschaftlerin und arbeitet noch in einer Grundschule in Emmerich, wo sie aber spätestens bis zur Amtsübergabe am 21. Oktober aufhören wird. "Wir wollen noch mehr Bürgernähe realisieren", betont sie.

Damit steht sie genau für das, was den meisten Menschen einer repräsentativen Umfrage zufolge an einem Bürgermeister wichtig ist. Neben Glaubwürdigkeit und Führungsqualitäten sind das Bürgernähe und Parteiunabhängigkeit. So gaben 79 Prozent aller Befragten einer gemeinsamen Studie der Bertelsmannstiftung und der Kommunalen Spitzenverbände an, dass Bürgernähe für sie eine "sehr wichtige" persönliche Eigenschaft eines Bürgermeisters sei.

Doch welche Voraussetzungen muss man eigentlich erfüllen, um in Nordrhein-Westfalen Oberhaupt einer der 396 Städte und Gemeinden werden zu können? Rechtlich gesehen seien die Hürden nicht hoch, sagt ein Sprecher des Innenministeriums. So müsse man nicht mal in der Stadt gemeldet sein, in der man sich für das Amt bewirbt: "Man muss in NRW mindestens 23 Jahre alt sein, deutscher Staatsangehöriger oder EU-Bürger sein."

Dagegen sind etwa soziale Kompetenzen und Nachweise über Führungsqualitäten, über die ein Bürgermeister verfügen sollte, nicht in der Gemeindeordnung vorgeschrieben. Ein Fehler, finden Experten. So hat der Politikwissenschaftler Gerhard Banner beobachtet, dass in den Bundesländern, in denen die Direktwahl der Bürgermeister erst in den 1990er Jahren eingeführt wurde, auffällig oft Kandidaten aufgestellt werden, denen seiner Meinung nach die erforderliche Qualifikation fehle. "Parteien verkennen, dass das kommunale Spitzenamt ein Beruf ist, der hohe Anforderungen stellt", sagt Banner. Daher müsse der Druck auf die Parteien, sich um qualifizierte Kandidaten zu bemühen, stärker werden. Der öffentliche Charakter des Amtes bringe enorme Herausforderungen mit sich, sagt der Politikwissenschaftler. Dazu zählten die überzeugende Repräsentation der Kommune, der offene und kontroverse Dialog mit der Bürgerschaft, die überbrückende Zusammenarbeit mit dem Stadtrat und der Einsatz für die nachhaltige Lebensqualität und die Entwicklungschancen der Stadt. "Dieses komplexe Anforderungsprofil macht das Bürgermeisteramt zu einem der anspruchsvollsten Berufe, die unsere Gesellschaft zu vergeben hat", sagt Banner.

In Leverkusen ist ein Fachmann für Damen-Oberbekleidung neuer Oberbürgermeister. Uwe Richrath (SPD) verdiente sein Geld bislang als selbstständiger Unternehmer im Einzelhandel. Der 54-Jährige ist sich sicher, den komplexen Anforderungen des Amtes zu genügen. Er bringt Erfahrung aus sechs Jahren Ratsarbeit und Mitgliedschaften in Aufsichtsräten und Gremien städtischer Tochtergesellschaften mit. Auch in Radevormwald leitet künftig kein klassischer Politikprofi die Amtsgeschäfte. Der unabhängige Kandidat Johannes Mans (57) ist von Haus aus Sozialarbeiter und hat zuletzt mehrere Senioren-Wohnheime geleitet. Mit 73,8 Prozent der Stimmen ist in Hünxe der parteilose Dirk Buschmann zum neuen Bürgermeister gewählt worden. Der 48-Jährige arbeitete zuvor in der Privatwirtschaft als Projektmanager. Als bekanntester Quereinsteiger gilt aber nach wie vor Daniel Zimmermann (33), der 2009 als Lehramtsabsolvent für Französisch und Physik zum Bürgermeister von Monheim gewählt wurde. Auch er war anfangs der Kritik ausgesetzt, mit seinem beruflichen Werdegang ungeeignet für das Amt des Stadtoberhauptes zu sein. Das wiederlegte er. Im vergangenen Jahr wählten ihn die Monheimer mit 95 Prozent der Stimmen für eine zweite Amtszeit.

So wie Daniel Zimmermann will auch Britta Schulz ihre Kritiker überzeugen. Auch wenn sie gerade erst ins Amt gewählt worden ist und sie den Wahlabend erst noch richtig verarbeiten muss, ist ihr Blick bereits nach vorne gerichtet. Sie habe das Gefühl, sagt Schulz, dass die Bürger in Kalkar sich wünschten, dass mal etwas Neues in ihrer Stadt passiere - was das sein soll, ließ sie offen.

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Quelle: RP
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