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Der Frisör als Clown
Die Deutsche Oper am Rhein an der Heinrich-Heine-Allee spielt derzeit Mozarts Oper "Le nozze di Figaro" in einer Fassung für Kinder. Regisseurin Barbara Klimo hält ihr kleines, enorm spielfreudiges Ensemble schwer auf Trab; die sängerischen Leistungen sind tadellos. Von Regine Müller

Mozarts "Le nozze di Figaro" ist eine komplizierte Oper. Es geht um Gesellschaftsverhältnisse, die ins Rutschen geraten sind, um alte Abhängigkeiten und neue Freiheiten, um Liebe und um Triebe. Eine turbulente Geschichte voller Verwirrungen und Verwechslungen, in der keine klaren Frontverläufe auszumachen sind, denn jeder täuscht hier jeden. Mit anderen Worten: Man kann sehr leicht die Übersicht verlieren in Mozarts Oper, deren Textvorlage, Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais' Komödie "La folle journée" im Habsburgischen Österreich damals übrigens verboten war. Zu brisant, zu revolutionär.

Außer dass sich bei "Figaros Hochzeit" einige Leute öfters mal verkleiden, spricht bei Lichte betrachtet also ziemlich wenig für die Kindertauglichkeit dieser Oper. Daher musste das Bearbeitungsteam der Rheinoper – Regisseurin Barbara Klimo und Theaterpädagogin Maike Fölling – recht beherzt eingreifen, um das Geschehen einigermaßen verständlich zu machen. Die intrigierenden Randfiguren wurden kurzerhand gestrichen und die Handlung von einem Schloss in der Nähe Sevilla in den "Zirkus Almaviva" verlegt.

Dieser ist über die volle Breite des Rangfoyers aufgebaut, mit drehbaren Versatzstücken ausgestattet, die Verstecke und Gemächer andeuten und mit bunten Lämpchen anheimelnd verziert. (Bühne: Sarah Büchel) 120 Plätze bietet das Foyer, die meisten in Form von hübschen roten Sitzwürfeln, die kein braves Stillsitzen erzwingen, das Mini-Orchester besteht aus einem Streichquintett und Klavier und ist geschickt auf dem Umgang des zweiten Rangs positioniert.

Die Zirkus-Metapher ist im Kindertheater beliebt, denn sie erlaubt erstens märchenbunte Kostüme für drollige Figuren und zweitens einen prima Verfremdungseffekt, durch den sich Verwickeltes erklären lässt. So tritt Figaro hier als Clown mit Riesenschuhen und roter Pappnase auf und erklärt geduldig die verkürzte Handlung: Der Graf ist der eitle Zirkusdirektor, der sich nur für einen Grafen hält, Susanna ist wie bei Mozart Figaros Braut, während der pubertierende Cherubino zum Kleindarsteller für wechselnde Tierrollen wird.

So wird das Geschehen zwar nicht wirklich plausibel, Barbara Klimo hält ihr kleines, enorm spielfreudiges Ensemble aber schwer auf Trab. Da wird unablässig gerangelt, sich versteckt, mit Requisiten genestelt und hin- und hergetrappelt, dass die Kulisse wackelt. Die Kostüme sind herrlich bunt (Frank Bloching) und die Details witzig. Zum spritzigen Arrangement von Patrick Francis Chestnut und Matthew Ottenlips wird famos gesungen. David Jerusalem (Spross des berühmten Tenors) zeigt als Figaro einen kernigem Bariton, enormes Spieltalent und präzise Diktion, Luzia Fatyols Susanna singt mit warm timbriertem Sopran, Elisabeth Selle glänzt als Gräfin mit leuchtender Höhe, James Bobby beweist als Graf Mut zur Überzeichnung, und Geneviéve King als Cherubino überzeugt mit groß angelegtem Mezzo. Aisha Tümmler (Barbarina) und Lukasz Konieczny (Antonio) erfüllen ihre Aufgaben ohne Fehl.

Gelegenheiten zur Intervention seitens des jungen Publikums gibt es leider kaum. Überhaupt sind verdächtig wenige Reaktionen zu verzeichnen, stattdessen staunt man über vorbildliche Andacht. Offenbar faszinierend, das bunte, klingende Treiben.

Quelle: RP
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