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Desserts, Winzlinge und alte Flügel

Drei neue Klassik-CDs sind eng mit Düsseldorf verwoben: Pianist Tobias Koch entdeckt den früheren Kapellmeister Ferdinand Hiller, Udo Falkner widmet sich dem Klavier-"Tagebuch" von Georg Kröll – und Komponist Thomas Blomenkamp wird umfangreich porträtiert. Von Wolfram Goertz

Diese beiden Herren kommen aus dem schönen Kempen am Niederrhein, einer lauschigen Stadt mit hohem Freizeit- und Kulturaufkommen und einer trutzigen Stadtmauer, die das Innere bewacht. Kempen gilt als bodenständig, doch überaus spirituell, mit tollem Musikleben. Wer dort als Musiker groß wird, dürfte namhaften Künstlern begegnet sein.

Jetzt begibt es sich, dass zwei selbst namhafte Pianisten aus Kempen, die es beruflich vor Jahren nach Düsseldorf verschlug, zeitgleich zwei überaus unterschiedliche, aber jede für sich bedeutende Klavierplatten vorgelegt haben. Tobias Kochs Aufnahme ist für Düsseldorf insofern aufregend, weil sie Klavierkompositionen des früheren Düsseldorfer städtischen Kapellmeisters Ferdinand Hiller vorstellt. Hiller wirkte hier von 1847 bis 1850, also als Nachfolger Mendelssohns und Schumanns – und hinter diesen beiden braucht er sich auch künstlerisch nicht zu verstecken. Koch (44), weithin geschätzter Experte für historische Tasteninstrumente, spielt diesmal auf einem Pianoforte der französischen Firma Érard von 1842.

Hillers Werke sind bissig, phantasievoll, niemals geistig mickrig. Ein Sekundant neben Größeren ist er mitnichten. Die "Huit Mésures variées" op. 57 fordern einen reifen Interpreten, der auch über eine tapfere Virtuosität verfügt. Köstliche Einfälle bündeln sich im Impromptu "Zur Guitarre" op. 97, und auch die "Rhythmischen Studien" op. 52 sind mehr als nur Handwerksfutter. Koch hat Hiller schlau mit Chopin ("Nocturnes") und Liszt ("Harmonies poétiques et religieuses" kombiniert – und auch in der unmittelbaren Konkurrenz wirkt Hiller immer noch sehr beachtlich. Kochs Musikalität und Brillanz erfreuen den Hörer sehr.

Der andere Kempener am Rhein ist der Pianist Udo Falkner (59). Er gilt als ausgewiesener Fachmann für die Klaviermusik der Gegenwart, ebenfalls ein sehr spezielles Segment, das einer gewissen Zähigkeit und Unerschütterlichkeit bedarf. Jetzt hat Falkner das "Tagebuch" von Georg Kröll aufgenommen, des 1934 in Linz am Rhein geborenen Komponisten, der Schüler von Frank Martin und Bernd Alois Zimmermann ist und seit langem die Museumsinsel Hombroich berät. Sein "Tagebuch", das Kröll immer noch beständig fortschreibt, besteht bis jetzt aus mehr als hundert Miniaturen, die sorgfältig aus dem Material einer Arnold-Schönberg-Reihe kompiliert und gestreckt wurden. Die zum Teil nur wenige Sekunden langen Werke, die an die Winzlinge Weberns erinnern, sind erhellend geistreich und tiefsinnig – und auf ebensolchem Niveau spielt Falkner. Nur wirklich kompetenten Pianisten gelingt es ja, derlei spekulative Materie zu luzidem Leben zu befreien.

Eine wahre Freude ist auch die neue Porträt-CD für den in Meerbusch lebenden, zum erweiterten landeshauptstädtischen Denkerkollektiv zählenden und hier geborenen Komponisten Thomas Blomenkamp (57). Die Doppel-CD bringt unter anderem die "Fünf Stücke für großes Orchester", die dem Schreiber dieser Zeilen jetzt noch besser gefallen als bei der Uraufführung 2007, bringt auch die exquisiten "Sept Desserts Rythmiques" für Bläser oder die beinahe vibrierende "Barkarole" für Klavier (die zeigt, dass Blomenkamp im Nebenberuf ein glänzender Pianist ist). Diverse Musiker aus Düsseldorf und Umgebung spendieren dem Freund und Kollegen überaus animierte, Interpretationen.

Quelle: RP
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