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Köln
Fehlstart für neue Privatbahn

Köln. Mit dem Fahrplanwechsel der Bahn am Sonntag hat der britische Verkehrskonzern National Express die beiden Verbindungen RE 7 und RB 48 übernommen. Doch auf den Strecken kommt es seitdem zu Verspätungen und Ausfällen. Von Jessica Kuschnik

Ihren Feierabend hatte sich Nicole Reichert anders vorgestellt: Statt der üblichen 23 Minuten vom Kölner Hauptbahnhof nach Neuss saßen sie und Hunderte andere Fahrgäste am Montag fast eineinhalb Stunden lang im RE 7 auf freier Strecke fest. Die Durchsage, dass es einen technischen Defekt gebe und sich die Fahrt um wenige Minuten verzögere, war längst zum schlechten Scherz geworden. "Wir waren gerade einmal fünf Minuten aus dem Hauptbahnhof raus, als der Zug stehenblieb", erzählt Reichert. Erst gegen 20.30 Uhr ging es weiter. "Im Schneckentempo. Dann gab es die Durchsage, dass der Zug so kaputt sei, dass er nur bis nach Köln-Longerich fahren könne". Von dort aus mussten die Fahrgäste alleine sehen, wie es weitergeht. Der hinter dem defekten RE 7 fahrende nächste RE 7 jedenfalls hielt nicht an, erzählt Reichert.

Ein Zug, der so marode ist, dass er nicht weiterfahren kann, ist vielleicht nichts Ungewöhnliches - wenn es sich bei dem Zug der betroffenen Linie nicht um ein brandneues Fahrzeug handeln würde. Erst am Sonntag hat das britische Privat-Bahnunternehmen National Express zwei Verbindungen in NRW übernommen, den Rhein-Münsterland-Express (RE 7) zwischen Rheine und Krefeld sowie die Rhein-Wupper-Bahn (RB 48) zwischen Wuppertal und Bonn. Eingesetzt werden 35 fabrikneue Züge. Doch seit dem Start sieht sich das Unternehmen mit einer Pannenserie konfrontiert.

Bereits am ersten Betriebstag kam es zu Verspätungen, ein Zug fiel wegen technischer Probleme aus. Am Montagmorgen fuhr die RB 48 nur mit einem statt mit zwei Triebwagen, vier Fahrzeuge konnten überhaupt nicht starten. Hinzu kamen Verzögerungen und Verspätungen. Marcel Winter, Sprecher des National Express, räumt ein, dass es Startschwierigkeiten gibt. "Am Montag hat es zwei größere Vorfälle gegeben. Im Münsterland hatten wir einen Personenschaden auf der Strecke, so dass diese komplett gesperrt wurde und es zu Verspätungen und Ausfällen kam." Der zweite Vorfall war der auf der Strecke RE 7.

Winter sieht in der anfänglichen Pannenserie eine Mischung vieler Komponenten: "Es sind zum einen neue Fahrzeuge, zum anderen auch neue Abstellgleise, wo wir erst seit Sonntag die Züge parken können. Das hat zu Verspätungen und technischen Problemen geführt. Man muss uns ein paar Tage Zeit geben, bis alles reibungslos läuft." Gestern Morgen habe es schon weniger Kapazitätsausfälle gegeben - doch das bedeutet, dass es auch an Tag drei immer noch nicht richtig läuft. Das Unternehmen arbeite mit Hochdruck und in Nachtschichten an der Lösung der Probleme.

Laut Lothar Ebbers vom Fahrgastverband Pro Bahn sind viele Probleme, mit denen National Express gerade zu kämpfen hat, hausgemacht. Zunächst sei der Starttermin zum Fahrplanwechsel am 13. Dezember denkbar schlecht gewählt, da es um die Adventszeit ohnehin eine erhöhte Auslastung gebe. "Das haben uns die Betriebswirte der Bahnunternehmen irgendwann einmal eingebrockt", sagt Ebbers. Einige Bundesländer seien schon dazu übergegangen, den Wechsel in den Juli zu legen, wenn weniger Menschen Zug fahren. Dass National Express zeitgleich startet, war eine Vorgabe, auf die das Unternehmen keinen Einfluss hatte, sagt Winter: "Der Mai wäre sicher günstiger gewesen."

Auch mit den neuen Fahrzeugen ist Pro Bahn unzufrieden. Dabei handelt es sich um Talent-2-Züge des Herstellers Bombardier. "Die haben die gleichen Kinderkrankheiten, die vor drei Jahren beim Rhein-Sieg-Express aufgetreten sind", sagt Ebbers. 2010 fiel dieser Zugtyp durch Fehler in der Computersteuerung, an den Motoren und Bremsen auf. Beim Rhein-Sieg-Express lockerten sich 2012 Schrauben im Bereich der Türen. "Man hätte sich für den Zugtyp Flirt des Herstellers Stadler entscheiden sollen. Der ist zwar teurer, dafür aber pannenfrei."

Es gibt aber auch Anfangsschwierigkeiten, die sich in wenigen Wochen eingespielt haben dürften, sagt Ebbers. So fahre das Personal noch sehr vorsichtig auf den neuen Strecken - gerade in der Dunkelheit, daran müsse man sich erst gewöhnen. Dem pflichtet Marcel Winter bei: "Im Testbetrieb sind wir 100.000 Kilometer statt der vorgegebenen 20.000 gefahren, da es sich um sehr anspruchsvolle Strecken handelt." Der Druck sei nun hoch, sagt Ebbers, sei doch vertraglich festgelegt, dass der National Express eine Verspätungsrate von zwei Minuten nicht überschreiten dürfe.

Nicole Reichert jedenfalls hat in einem gewissen Rahmen Verständnis für die Anfangsschwierigkeiten. Jedoch müsse National Express noch am Service arbeiten. "Die Informationspolitik war nicht sehr gut, die Durchsagen haben nicht geholfen - und dann war auch noch der Toilettenwagen kaputt. Das Personal kann nichts dafür, aber man hätte uns besser informieren müssen." Dafür gibt es eigentlich die 24-Stunden-Hotline - doch die war zu der Zeit, als Reichert im RE 7 festsaß, nicht erreichbar.

Quelle: RP
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