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Willich
Feldmaus-Plage kostet Bauern Millionen

Feldmaus-Plage kostet Bauern Millionen
Sehen putzig aus - können aber zur echten Plage werden: Feldmäuse. FOTO: dpa/Anja Tinter
Willich. Die Population der Feldmaus ist explodiert. Ein Gift, das das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit genehmigt, gibt das NRW-Umweltministerium aber nicht frei. Von Martina Stöcker

Mit Wühlmäusen hat sich Josef Deselaers arrangiert. "Wir können mit ihnen sehr gut leben: Sie fressen eine Möhre im Feld, und dann ist es auch gut", sagt der Geschäftsführer der Brocker Möhren GmbH in Willich, die auf 1000 Hektar Karotten anbaut. Anders sieht es mit dem Appetit der Feldmaus aus. "Sie wandert kilometerweit, um in unseren Feldern die süßeste Möhre zu finden", sagt Deselaers. Und weil sie sich nicht entscheiden kann, haut sie ihre Zähnchen Reihe für Reihe in jede Möhre hinein - direkt oben am Grün. Mit solch einem Verbiss ist das Gemüse nicht mehr vermarktbar, oft beginnen die Bissstellen zu faulen - das bedeutet einen Komplettausfall. Schon im vergangenen Jahr hat die Feldmaus bei dem Willicher Betrieb ein Zehntel der Ernte vernichtet.

Der kleine Nager mag aber nicht nur Möhren, er knabbert auch Getreide und Wurzeln an. "Bei Obstbaum- und Beerenkulturen haben wir im Raum Meckenheim Totalverluste auf mehr als 50 Hektar - wir sprechen da von mehreren Millionen Euro Schaden", sagt Bernd Lüttgens, stellvertretender Geschäftsführer des Rheinischen Landwirtschafts-Verbands. Im Jahr 2014 hätten Bissschäden für 7,5 Millionen Euro Mehr-Aufwand bei Gemüsebetrieben gesorgt, weil sie Ware sortieren oder ganz abschreiben müssen. "Die Feldmäuse sind eine regelrechte Plage geworden", betont Deselaers. Ihre Population entwickelt sich zyklisch, zudem haben milde Winter die Vermehrung begünstigt.

Schädlinge in Haus und Garten FOTO: dapd, dapd

Hilfe erhoffen sich die Landwirte von einem Wirkstoff namens Chlorphacinon. Das Mäusegift wurde jahrzehntelang eingesetzt, ist aber seit 2007 in der EU verboten. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) in Berlin hat allerdings ab dem 1. September eine Notfallzulassung erteilt. Nur: Das NRW-Ministerium für Umwelt und Landwirtschaft von Johannes Remmel (Grüne) erlaubt den Einsatz nicht. "Wenn wir Anfang September damit begonnen hätten, würden wir das Mäuse-Problem noch in den Griff bekommen", sagt Gerd Sauerwein, bei der Landwirtschaftskammer NRW Betriebsberater für Gemüsebau. Nun sei es fast zu spät.

Das Ministerium sieht aber keinen Grund, seine Meinung zu ändern. "Schon in den Jahren 2012 und 2013 hat das BVL die Notfallzulassung ausgesprochen - jetzt wieder", sagt ein Sprecher. Es könne nicht sein, dass Landwirte in NRW über Jahre einen "nicht-zugelassenen und hochtoxischen Wirkstoff" einsetzten. Dass Berlin die Sondernutzung freigegeben habe und Düsseldorf dem nicht folge, sei nicht überraschend - schließlich sei bekannt, dass es bei Umwelt- und Verbraucherschutz Differenzen zwischen Bund und Land gebe. Das NRW-Ministerium will deshalb Alternativen prüfen.

Das Pflanzenschutzrecht erlaube aber, so eine BVL-Sprecherin, auch bei nicht mehr zugelassenen Wirkstoffen eine Sondernutzung unter strengen Regeln. "Nicht jeder Landwirt darf es einfach so einsetzen", betont sie. So muss zum Beispiel die konkrete Anwendung vom zuständigen Pflanzenschutzamt in Absprache mit der Naturschutzbehörde angeordnet werden. Sie ist nur erlaubt, wenn es einen sehr starken Befall mit Feldmäusen gibt und keine bedrohten Wildtiere wie der Feldhamster dort leben. Die Köder müssen auf bewachsenen Flächen ausgestreut werden, so sind sie für Vögel schlechter erreichbar.

"Es handelt sich bei Chlorphacinon um ein Verfahren, das wir dringend bräuchten", betont Lüttgens. Die Gemüsebauern und Landwirte wollten "aus der Not heraus" innerhalb der engen, festgelegten Grenzen das Mittel gezielt einsetzen. Sie können nicht nachvollziehen, warum das Ministerium ihnen das verweigert. "Von der Politik sind wir maßlos enttäuscht", sagt Deselaers. "Und die Mäuse lachen sich halbtot und fressen weiter."

Gift ist aber nicht die einzige Methode, mit der die Gemüsebauern die Nager vertreiben wollen. So wurde die Erde aggressiv bearbeitet und tief gepflügt, um alle Nester zu zerstören. Es wurden Sitzstangen installiert, auf denen Bussarde Platz nehmen und die Beute entdecken sollen. Ein Bussard-Paar mit Nachwuchs erlegt täglich bis zu 40 Mäuse. Außerdem wird schon anderes Gift in die Löcher gestreut - das ist aber sehr aufwendig, weil personalintensiv. Und Deselaers hat Gräben ziehen lassen um seine Möhrenfelder: 30 Zentimeter breit und 60 Zentimeter tief. Dort fallen die Mäuse rein und kommen nie wieder raus, weil der Fuchs sich dort drinnen gerne über sie hermacht.

Der Nabu NRW begrüßt das Verbot des Giftes. Es sei nicht zielführend, wenn die Mäuse sinnlos getötet und Greifvögeln oder Füchsen dadurch die Nahrung entzogen würde, sagt Geschäftsführerin Birgit Königs. Außerdem sei nicht auszuschließen, dass Tiere Schaden nehmen, wenn sie die vergifteten Mäuse fressen. Laut Angaben des BVL wirkt das Gift aber weder auf größere Säugetiere noch auf Wildvögel. Es gebe nur zwei dokumentierte Todesfälle: In dem einen Fall ging es um Bussarde, die vorsätzlich vergiftet wurden, in dem anderen um Hasen, bei denen die Umstände unklar blieben. Das Gift stelle für Haustiere praktisch kein und für Wildtiere nur ein geringes Risiko dar. "Die Giftmenge ist für etwa 20 Gramm schwere Mäuse bemessen", heißt es, "und sie wirkt nur, wenn es an mehreren Tagen in Folge aufgenommen wird." Die vom Gift geschwächten Mäuse zögen sich in ihren Bau zurück und seien für Hunde, Katzen oder wilde Räuber schwer erreichbar.

Josef Deselaers glaubt nicht mehr daran, dass das Ministerium Chlorphacinon freigibt. "Die sitzen das aus", sagt er. In vier bis fünf Wochen seien eh alle Möhren geerntet, die Schäden auf den Feldern seien deutlich sichtbar. "Wir kriegen die Erlaubnis - wenn überhaupt - erst, wenn es zu spät ist." Wohl auch in diesem Jahr wird der wirtschaftliche Schaden in die Millionen gehen, schätzt er.

Quelle: RP
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