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Bochum
Feuer in Klinik wütet über Stunden

Bochum. Bei dem Brand in der Uniklinik Bergmannsheil in Bochum wurden zwei Menschen getötet und 16 verletzt. Durch die schnelle Evakuierung wurden mehr als 100 Menschen gerettet. Die Ursache war möglicherweise Brandstiftung. Von Martin Oberpriller und Helene Pawlitzki

An einem Balkongitter im sechsten Stock des Bettenhauses im Bochumer Bergmannsheil-Krankenhaus hängen noch zwei aneinandergeknotete Laken. Auf der anderen Seite des Gebäudes steht ein Rollstuhl auf einem Balkon. Jalousien sind durch die Hitze geschmolzen, sie baumeln an der Fassade, Fenster sind herausgedrückt. Wenige Stunden zuvor sind bei dem Großbrand zwei Menschen in dem Klinikgebäude ums Leben gekommen, 15 weitere erlitten Verletzungen, sieben schweben in Lebensgefahr. Um 2.35 Uhr in der Nacht zu gestern wurde der Feueralarm ausgelöst. Kurz danach begann das Personal, Betten zu verschieben und Patienten aus dem Haus zu geleiten. Kurz darauf wurde die Abteilung im sechsten Stock des Gebäudes geräumt, in der das Feuer in einem Patientenzimmer ausgebrochen war.

Als erste Rettungskräfte sechs Minuten später am Krankenhaus eintrafen, war der Brand schon "untypischerweise viel weiter fortgeschritten, als es zu erwarten gewesen wäre", sagte Einsatzleiter Gottfried Wingler-Scholz. Die Lage sei "sehr, sehr brenzlig" gewesen, das Feuer habe sich auf darüberliegende Etagen ausgebreitet. Teils sei hinter den Menschen, die sich an Fenstern bemerkbar machten, schon der Feuerschein zu sehen gewesen.

Erschwert wurden die Rettungsmaßnahmen vom dichten Rauch, der sich rasend schnell in dem Haus ausbreitete. So konnten einige Patienten nicht mehr über das Treppenhaus in Sicherheit gebracht werden. Deshalb kämpfte sich die Feuerwehr mit einer Drehleiter zu den Eingeschlossenen vor - so gelang es am Ende doch noch, auch diese Menschen zu retten. Pfleger, Schwestern und Ärzte trugen zudem die teilweise schwer verletzten Menschen über sechs Etagen nach unten. Unter den Geretteten war nach Angaben von Wingler-Scholz auch der Patient, der sich wohl mit den zusammengeknoteten Laken vom Balkon abseilen wollte.

Nach 45 Minuten war das Gebäude evakuiert. Pflegekräfte, Ärzte, Polizisten hätten "beherzt an allen Ecken und Enden mitgeholfen, die Leute in sichere Bereiche zu bringen", berichtete der Einsatzleiter. 126 Patienten wurden aus dem Haus geholt, vier von ihnen waren so schwer verletzt, dass sie mit Hubschraubern am Vormittag in Spezialkliniken geflogen werden mussten. Für zwei Patienten kam jede Hilfe zu spät. In dem Krankenzimmer, in dem das Feuer ausgebrochen war, starb eine 69-jährige Frau. Sie gilt als mutmaßliche Brandstifterin. "Suizidale Absichten sind nicht auszuschließen", teilte die Polizei mit. Das zweite Todesopfer, ein 41-Jähriger aus Marl, wurde tot aus dem Nachbarzimmer geborgen.

Für eine solche Notlage gebe es "festgelegte Pläne, die auch immer wieder geübt werden", sagte der Klinikdirektor Thomas Schildhauer. Alles habe entsprechend den Plänen funktioniert. Vor eineinhalb Jahren habe es eine sehr große Übung mit der Simulation einer ähnlichen Lage gegeben. Ärzte, Schwestern, Pflegekräfte seien "betroffen und erschöpft, aber auch froh, dass sie so viele Patienten retten konnten". Auch der Bochumer Oberbürgermeister Thomas Eiskirch (SPD) lobte die Leistung von Krankenhaus-Personal, Feuerwehr und Polizei. "Ein Feuerwehrmann hat mir erzählt, dass er so etwas noch nie gesehen hat", sagte Eiskirch. Damit habe der Helfer die Menschen gemeint, die auf den Balkonen um Hilfe gerufen hatten. "Das hat auch die Einsatzkräfte sehr mitgenommen."

Auch Anwohner wie Waltraut Kersting zeigten sich erschüttert. Um halb sieben habe die Polizei sie geweckt, damit sie ihr Auto umparkt, erzählte Kersting. Rund um das Krankenhaus sind die Straßen schmal. "Vorige Woche habe ich selbst hier im Krankenhaus gelegen", sagte sie. "Und mein Mann war sogar mal auf der Station, auf der es gebrannt hat." Das sei ein komisches Gefühl. "Man fragt sich ja doch: Was, wenn es mich oder einen Angehörigen getroffen hätte?"

Tatsächlich aber kehrte gestern Nachmittag schon wieder so etwas wie Normalität in die Stadt zurück. Da durch das Feuer keine Intensivstation oder wichtige Operationssäle zu Schaden gekommen seien, sei das Hospital nicht funktionseingeschränkt, erklärte Eiskirch. Für die Betten würde nun auf anderen Stationen Platz geschaffen, die Notfall-ambulanz sei bereits wieder anlaufbar. Durch die Löscharbeiten ist auch die Küche stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Es gebe aber eine Ersatzküche. Andere Kliniken und das Technische Hilfswerk hätten Hilfe bei der Versorgung der Patienten mit Essen angeboten. Am späten Vormittag fuhr schon ein Transporter eines anderen Bochumer Krankenhauses auf das Gelände der Klinik Bergmannsheil. "Wir bringen Essen", sagt der Fahrer, "ist doch klar, dass wir aushelfen."

Quelle: RP
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