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Düsseldorf
Frau Amend geht

Düsseldorf. Nach 41 Jahren im Schuldienst hat Gisela Amend ihre letzte Stunde gegeben. Die Düsseldorfer Lehrerin erinnert sich an anfängliche Zweifel, Kindergekrakel in Klausuren und Rock'n'Roll mit Kartenständern. Von Martina Stöcker

Das letzte Mal hat Gisela Amend genossen. Das letzte Mal Konferenz, das letzte Mal Klassenbücher kontrollieren, das letzte Mal die Bio-Bücher einsammeln. Nun ist ihr Fach im Lehrerzimmer leer, der Platz am Gruppentisch aufgeräumt. Das Arbeitszimmer zu Hause hat sie "ausgemistet" und das Material an die jungen Kollegen weitergegeben. Für Gisela Amend ist Schluss. Nach 41 Jahren im Schuldienst geht sie in Pension.

Wie viele Klassenarbeiten sie korrigiert und wie viele Schüler sie unterrichtet hat, kann die 64-Jährige nicht zählen. Aber viele Eltern, die ihre Kinder zum Gymnasium Gerresheim in Düsseldorf schicken, hat sie selbst im Unterricht gehabt. Auch ein Mitglied des Elternrates, der bei der Verabschiedung am letzten Schultag Wein und Blumen übergibt, war ihre Schülerin. "Gisela, du bist stark, du weißt immer, wo es langgeht", sagt Cornelia Wilfert, die kommissarische Schulleiterin. Es gibt ein Buch für den Garten, für den nun mehr Zeit ist.

Mit Gisela Amend werden fünf weitere Kollegen verabschiedet - vier gehen wie sie in Pension, einer wechselt an ein Gymnasium in Norddeutschland. Wer sie ersetzen soll, ist unklar. "Wir ziehen die Personaldecke von links nach rechts, aber sie ist einfach zu dünn", betont Wilfert. Das bedeute für alle ab August Mehrarbeit. Das Kollegium schrumpft von 70 auf 64 Köpfe.

Wie viele Lehrer in diesem Schuljahr den Dienst aus Altersgründen verlassen, kann das NRW-Schulministerium auf Anfrage nicht sagen. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass es dann wohl auch nicht weiß, wie viele neue Lehrer benötigt werden. Aber, so wird betont, es seien in diesem Jahr schon 6500 zusätzliche Lehrerstellen wegen Flüchtlingskindern geschaffen worden. Die neuesten Zahlen zum "Altersschwund im Lehrerzimmer" liefert das Statistische Landesamt IT NRW. 2014 schieden 7145 Lehrer aus. 41,9 Prozent quittierten den Dienst auf eigenen Wunsch mit dem 63. Lebensjahr, 34,7 Prozent mit Erreichen der Regelaltersgrenze.

Gisela Amend geht ein halbes Jahr früher, als sie müsste. "Das ist jetzt der richtige Zeitpunkt, ich verspüre keine Wehmut." In ihren letzten Unterrichtsstunden macht die Lehrerin für Biologie, Erdkunde und praktische Naturwissenschaften mit einer achten Klasse Suchtprophylaxe. Sie sprechen über körperliche und seelische Folgen. "Was passiert, wenn Abhängige keine Drogen mehr nehmen?", fragt sie. "Es geht ihnen schlecht", sagt ein Junge. "Kannst du das genauer sagen?", fragt Amend. Ein anderer meldet sich und nennt das Wort "Entzug". "Entzug! Genau, Entzug! Das Wort wollte ich hören", lobt sie. "Beim Entzug haben die Menschen Schmerzen." Dann will sie einen Film vorführen und kämpft mit der Technik. "Das ist typisch", murmelt sie, ein Mädchen hilft ihr.

Wie viel lehrertypisches Verhalten nimmt sie mit in den Ruhestand? "Wenn Kinder sich irgendwo streiten, gehe ich dazwischen und versuche zu schlichten", sagt sie. Und - Stichwort Entzug - sie wiederholt viel, sagt mehrmals das Gleiche, damit es auch ja jeder mitbekommt. Auch ihr Lebensgefährte Wolfgang war Lehrer und wiederholt deshalb auch gerne Sachverhalte. Praktisch ist es: Dann geht ihnen bei den geplanten Reisen der Gesprächsstoff nicht so schnell aus.

Aufgewachsen ist Gisela Amend in Erkelenz, dort besuchte sie ein Mädchen-Gymnasium. Nach dem Referendariat - ebenfalls an einer Mädchen-Schule - kam sie 1978 an das Gymnasium Gerresheim, eine ehemalige Jungen-Schule und deshalb in den oberen Stufen noch ohne Schülerinnen. "Die Großen haben sich gekloppt und mit dem Kartenständer im Klassenzimmer Rock'n'Roll getanzt", sagt Gisela Amend. "Erst habe ich gedacht, das packe ich nicht, aber nach drei Wochen wollte ich nicht mehr woanders hin." Sie hat beide Systeme erlebt und ist Verfechterin der Ko-edukation. Die Reformen, die sie in all den Jahren erlebt hat, kann sie nicht zählen, die schlimmste aber sei G8, die verkürzte Gymnasialzeit. "Es fehlt ein wichtiges Jahr in der Mittelstufe, die schwächeren Schüler bleiben auf der Strecke", kritisiert sie. Ansonsten ist der Papierkram immer mehr geworden.

Als sie Anfang der 80er Jahre schwanger wurde, runzelten die Kollegen die Stirn. "Dabei bin ich nach nur einem halben Jahr Mutterschutz wieder zurückgekommen, es drängte mich zurück." Die Frauen, so erinnert sich auch Cornelia Wilfert in ihren Abschiedsworten, seien damals im Kollegium in der absoluten Minderheit gewesen. Als sie ihr zweites Kind erwartete, habe sich sogar ein Kollege im Sitzstreik vors Rektor-Zimmer gesetzt und gesagt: "Das geht nicht, dass Frau Wilfert schon wieder schwanger ist." Heute ist die Mehrheit des Kollegiums weiblich, und die jungen Väter gehen ganz selbstverständlich auch in Elternzeit.

Mit der Unterstützung von Kinderfrauen und der ihrer Mutter organisierte Gisela Amend die Betreuung. Als ihr Sohn größer war, gab es schon mal Klausuren mit Kinder-Kritzeleien zurück. "Das war halt so, da musste ich zu stehen." Lehrerin war immer ihr Traumberuf. Der Kontakt zu den Schülern, ihnen etwas beizubringen oder bei Problemen zu helfen - das war ihr Ding. Sie sei streng, mache aber auch mal einen Witz. "Ich komme immer noch jeden Tag nach Hause und bin glücklich", betont sie.

Aus der Fotowand vorm Sekretariat wurde Gisela Amend schon vor ein paar Tagen entfernt, obwohl da ihr Abschied noch bevorstand. Sie nimmt es locker. "Jeder muss mal gehen." Der Kontakt zu vielen Kollegen wird bleiben. Jeden Dienstag treffen sich die Pensionäre. Sie nennen es ironisch "Mumien-Treffen".

Quelle: RP
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