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Düsseldorf
Frauen nicht erwünscht

Düsseldorf. Vivi Gadau schrieb 120 Bewerbungen, um einen Ausbildungsplatz als Kfz-Mechatronikerin zu ergattern - und kassierte 118 Absagen. Das ruft jetzt sogar den Handwerkskammerpräsidenten auf den Plan. Von Kirsten Bialdiga

Wenn sich der Düsseldorfer Handwerkspräsident Andreas Ehlert in der Kammerzeitschrift zu Wort meldet, dann geht es normalerweise um Themen, die den Betrieben sehr am Herzen liegen. Die Qualität der dualen Ausbildung etwa oder die Folgen neuer Gesetze. Gemessen daran ist das, was den Handwerkern in NRW in diesen Tagen mit ihrem "Deutschen Handwerksblatt" ins Haus flattert, eine kleine Sensation. Unter der Überschrift "Ein Skandal: Null Bock auf Bewerberinnen" hält der Düsseldorfer Handwerkspräsident den 58.000 Mitgliedsbetrieben der Region eine gehörige Standpauke. "Für alle Unternehmerkollegen, die die Zeichen der Zeit noch nicht erkannt haben", wettert er in seinem Beitrag, "das Handwerk ist an weiblicher Verstärkung hoch interessiert." Dafür setze er sich auch persönlich sehr ein. Schließlich habe sich seine Handwerkskammer zum Ziel gesetzt, den Frauen-Anteil von zurzeit 20 auf 30 Prozent zu erhöhen.

Was den Präsidenten derart in Rage bringt, ist der Fall von Vivi Gadau. Die heute 22-jährige Bottroperin musste sage und schreibe 120 Bewerbungen an Autohäuser in der Rhein-Ruhr-Region schicken, um einen Ausbildungsplatz zu ergattern - und kassierte 118 Absagen. Dabei ist ihr Berufswunsch keineswegs ungewöhnlich. Kfz-Mechatronikerin wollte sie werden, am liebsten für Rennwagen, schon lange hatte sie davon geträumt. "Als ich fünf Jahre alt war, habe ich meinen ersten Ölwechsel gemacht", erzählt sie. Der Opa zeigte ihr, wie man Autos repariert. Für sie war es das Normalste von der Welt. Sonst aber für kaum jemanden.

Abstrus sind die Absagen, die der Bewerberin mit passablem Realschulabschluss zugemutet werden - und die sich auch bis zum Handwerkspräsidenten inzwischen herumgesprochen haben. Die Werkstatt sei nicht entsprechend ausgestattet. "Oder auch ganz unverblümt: Man wolle keine Frau", zitiert Ehlert. In einem Fall sogar sei die Ablehnung damit begründet worden, die Bewerberin auf diese Weise vor möglichen sexuellen Übergriffen zu schützen.

Vivi Gadau kann es auch im Nachhinein noch nicht fassen: "Sie behaupteten, gegen Sexismus zu sein - und sind selbst sexistisch." Vier Monate lang hagelte es Absagen, zwischenzeitlich überlegte sie, doch etwas anderes zu machen, wusste aber zugleich, dass sie damit nicht glücklich würde.

Doch dann bietet ihr das Bottroper Autohaus Verstege und Lux ein Praktikum an - immerhin. Sie greift sofort zu. Das Praktikum wird verlängert und schließlich klappt es mit einem Ausbildungsplatz in dem Autohaus. "Arbeitgeber, Ausbilder und Kollegen dort sind hoch zufrieden mit der selbstbewussten Auszubildenden", schreibt der Handwerkspräsident.

Verändern mussten sie in dem Autohaus für ihre einzige weibliche Kfz-Auszubildende nichts. Ohnehin sind separate Umkleiden oder Toiletten für Frauen gar nicht mehr vorgeschrieben, wie die Handwerkskammer betont. Es reiche aus, wenn die Räume getrennt, also auch nacheinander, nutzbar seien und wenn sie abgeschlossen werden könnten. Und Hebezeug für schwerere Teile sei in der Regel sowieso vorhanden. "Denn es existieren keine harten Vorschriften, die die Einstellung einer Frau erschweren. Für Umkleiden oder Waschräume genügt zum Beispiel eine organisatorische Regelung zur getrenntgeschlechtlichen Nutzung", ruft Ehlert seinen Kollegen in Erinnerung und betont: "Es gibt schlicht keine triftigen Gründe, einer Schulabgängerin ihren Ausbildungswunsch im Handwerk zu verwehren."

Wie eine Studie nahelegt, gibt es vielmehr sogar triftige Gründe, im Handwerk gerade nach Frauen Ausschau zu halten. Und zwar nicht nur wegen des drohenden Fachkräftemangels. "Der partizipative Führungsstil und die hohe soziale Kompetenz von Frauen können positive Auswirkungen auf die Führungskultur im Handwerk haben", heißt es in einer Studie des Volkswirtschaftlichen Instituts für Mittelstand und Handwerk der Uni Göttingen. Hiervon könne das gesamte Handwerk profitieren. Zumal in vielen Betrieben die Nachfolger fehlen.

Vivi Gadau, inzwischen in ihrem zweiten Ausbildungsjahr als Kfz-Mechatronikerin angekommen, hat jedenfalls der Ehrgeiz gepackt. Sie macht gerade nebenbei ihr Abitur, danach will sie Maschinenbau studieren. Noch eine Branche, der ein paar Frauen mehr gut tun.

Quelle: RP
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