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Germanwings-Copilot Andreas L.
Ermittler hoffen auf Auswertung des Computers

Ermittlungen im Fall Andreas L.
Ermittlungen im Fall Andreas L. FOTO: Federico Gambarini
Düsseldorf/Montabaur. Andreas L. war an der Universitätsklinik Düsseldorf in Behandlung. Die Ermittler nehmen an, dass er seine Erkrankung vor seinem Arbeitgeber Germanwings geheim hielt. Jetzt hoffen die Ermittler auf die Auswertung seines privaten Computers. Von Christian Schwerdtfeger und Marc Ingel

Draußen ist es längst dunkel, als Polizisten mit mehreren Umzugskartons aus dem Mehrfamilienhaus am Düsseldorfer Stadtrand kommen. Mehr als vier Stunden haben sieben Fahnder die Mietwohnung von Andreas L. vorgestern Abend nach Hinweisen durchsucht, die Aufschluss darüber geben könnten, wieso der 27-Jährige den Germanwings-Flug 4U9525 offenbar bewusst in eine Felswand der französischen Alpen gesteuert und damit 149 unschuldige Menschen mit in den Tod gerissen hat. Einen Abschiedsbrief oder ein Bekennerschreiben finden sie nicht.

Dafür entdecken die Ermittler aber eine zerrissene Krankschreibung in einem Papierkorb. Der Todespilot soll für den Flugtag krankgeschrieben gewesen sein. "Das stützt nach vorläufiger Bewertung die Annahme, dass der Verstorbene seine Erkrankung gegenüber dem Arbeitgeber und dem beruflichen Umfeld verheimlicht hat", heißt es in einer Mitteilung der Staatsanwaltschaft.

Auch bei der Durchsuchung des Elternhauses von L., die zeitgleich im rheinland-pfälzischen Montabaur stattfindet, sollen die Ermittler Papiere sichergestellt haben, die auf eine bestehende Erkrankung und entsprechende ärztliche Behandlungen hinweisen. An welcher Krankheit L. genau litt, ist noch nicht bekannt. Ob es sich um eine körperliche Erkrankung handelte, oder ob er seelische Probleme verheimlichte, darüber schweigen die Staatsanwälte.

Fest steht, dass L. Patient an der Universitätsklinik Düsseldorf war. Dort soll er zuletzt am 10. März gewesen sein. Einer Kliniksprecherin zufolge war er aber nicht wegen Depressionen in Behandlung. Den Grund wollte sie mit Verweis auf die ärztliche Schweigepflicht nicht nennen. Seine Krankenakten sind der Staatsanwaltschaft übergeben worden.

Germanwings-Absturz: Trauergottesdienst in Düsseldorf FOTO: Bretz, Andreas

L. hat in Düsseldorf wohl gemeinsam mit seiner Freundin gewohnt, einer Lehrerin an einer weiterführenden Schule. Auf dem Klingelschild der Wohnung stehen zwei Namen. Nach Informationen des "Focus" soll L. vor wenigen Wochen in einem Autohaus in der Nähe von Düsseldorf zwei neue Audi gekauft haben. Ein Wagen soll für ihn selbst, der andere für seine Freundin bestimmt gewesen sein. Eines der Autos soll erst in der vergangenen Woche an L. übergeben worden sein.

Matthias Albers ist ein erfahrener Psychologe und Experte für Suizid an einer Kölner Psychiatrie. Er kann sich nicht erklären, wieso Andreas L. die Maschine absichtlich zum Absturz gebracht haben könnte. "So eine Handlung ist auch für einen Selbstmörder extrem untypisch und kommt eigentlich nicht vor", sagt er. Wer so etwas tue, müsse schon lange eine Lebenskrise oder schwere Depressionen gehabt haben. So etwas mache man nicht aus dem Bauch heraus, nicht spontan. "Eigentlich müsste seinen Kollegen oder Freunden in den vergangenen Tagen, Wochen und Monaten etwas an ihm aufgefallen sein, zum Beispiel, dass er sich verändert hat in seinem Wesen."

Nach Informationen der "Bild" soll Andreas L. bereits seine Pilotenausbildung unterbrochen haben, weil er unter psychischen Problemen litt. Demnach wurde er mehrfach wegen Depressionen in seinen Flugschulkursen zurückgestuft. 2009 soll bei ihm zudem eine "abgeklungene schwere depressive Episode" diagnostiziert worden sein. Etwa anderthalb Jahre soll er in Behandlung gewesen sein. Lufthansa-Chef Carsten Spohr wollte unter Berufung auf die Schweigepflicht nichts zu den Gründen für die Auszeit von L. sagen.

Fotos: Tag vier der Bergungsarbeiten am Absturzort FOTO: EPA/FRANCIS PELLIER/DICOM/MINISTERE INTERIEUR/HO

Sein Elternhaus in Montabaur wird nach wie vor von der Polizei bewacht, auch in den Seitenstraßen des noblen Wohnviertels stehen Streifenbeamte. Die Sorge, dass sich die Wut über die Tat auf seine Familie projizieren könnte, ist groß. Wichtige Erkenntnisse über die Beweggründe erhofft sich die Staatsanwaltschaft auf dem Computer von Andreas L. zu finden, den die Ermittler in seinem Elternhaus sichergestellt haben. Die Fahnder wollen wissen, welche Seiten er im Internet besucht hat, ob er an speziellen Chats teilgenommen hat, in denen sich Suizidgefährdete austauschen. Die Ermittler schließen nicht aus, dass er in Foren mit Gleichgesinnten möglicherweise über seine Absichten und seine Gefühlswelt gesprochen haben könnte. "Auf seinem Rechner könnten sich entsprechende Spuren finden lassen, die Rückschlüsse auf sein Surfverhalten schließen lassen", so ein Polizeisprecher.

Die Nachbarn beschreiben Andreas L. als freundlichen Mann, der immer gegrüßt habe und hilfsbereit gewesen sei. "Er hat auf seine Gesundheit geachtet, Sport getrieben, nicht geraucht. Er war ein guter Kerl", sagt Johannes (23), der im Nachbarhaus wohnt. L. joggte in seiner Freizeit. Er nahm an Laufwettbewerben teil, zum Beispiel am Sparkassen-Halbmarathon 2009 in Köln. Die Leidenschaft fürs Fliegen hat er schon früh entdeckt. Seine ersten Flugstunden absolvierte er als Jugendlicher auf dem Segelflugplatz des Luftsportclubs Westerwald in Montabaur.

Dort, so sagen Anwohner, soll er immer mit dem Fahrrad hingefahren sein. Beim Nachwuchs galt er als Vorbild. Die Jugendlichen schauten zu ihm hoch, sagt Fluglehrer Klaus Radke, weil er es vom Segelflieger zum Piloten eines Airbus 320 geschafft habe. Seine ehemaligen Flugkameraden hatten eine Todesanzeige für ihren Freund auf ihrer Internetseite veröffentlicht. Da wussten sie allerdings noch nicht, dass L. verantwortlich für das Unglück sein soll.

Am Düsseldorfer Stadtrand ist von Polizei nichts mehr zu sehen. Es geht wieder beschaulich zu im Süden der Stadt. Ein Nachbar aus dem Mehrfamilienhaus schaut aus dem Fenster. Nein, er könne nichts Schlechtes über L. sagen: "Er war, glaube ich, ganz nett - depressiv wirkte der bestimmt nicht." Ein Hundebesitzer kommt vorbei. "Ja, ich kannte ihn vom Sehen", sagte er. "Er wirkte verschlossen, hat den Blick gemieden. Wir haben uns nicht gegrüßt."

Die Unglücksstelle am Tag nach dem Absturz FOTO: dpa, sh

Die internationalen Fernsehteams sind ebenfalls fast alle vor dem Mehrfamilienhaus verschwunden. Einige wenige sind in ein nahegelegenes Waldstück ausgewichen, filmen Jogger, weil ja auch Andreas L. ein begeisterter Läufer war. Eine ältere Frau, die im Wald spazieren geht, meint sich sicher zu sein, ihn häufiger gesehen zu haben. "Er ist hier schon mehrfach vorbeigelaufen." Viel mehr kann sie über ihn nicht sagen, so wie die meisten in dem ländlichen Viertel. L. lebte sehr zurückgezogen und nahm kaum am öffentlichen Leben teil. Die Spaziergängerin sagt dann das, was wohl viele in dem Ortsteil denken. "Ich finde es unglaublich, dass hier bei uns ein Mörder wohnte", sagt sie. "Das hätte ich niemals für möglich gehalten." Niemand hätte das. Nicht in Düsseldorf. Nicht in Montabaur. Nirgends.

Quelle: RP
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