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Roswitha Müller-Piepenkötter
"Geschädigte an Prozess beteiligen"

Die Vorsitzende des Weißen Rings kritisiert die Strafverfahren.

Seit 40 Jahren gibt es den Weißen Ring. Hat sich die Lage für Opfer von Verbrechen mittlerweile verbessert?

Roswitha Müller-Piepenkötter Ja. Das Opferentschädigungsgesetz ist ausgebaut worden, und die Rechte für Opfer in Strafverfahren wurden gestärkt. Auch unser Angebot ist professioneller, sowohl bei der Beratung als auch bei der materiellen Unterstützung etwa für Rechtshilfe oder traumatologische Beratung.

Wo hakt es nach wie vor?

Müller-Piepenkötter Der Gesetzgeber reagiert oft zu langsam - beispielsweise, wenn es darum geht, den Opferbegriff im Opferentschädigungsgesetz auszuweiten. Es gilt immer noch der tätliche Angriff als Maßstab, aber auch psychische Attacken etwa durch Stalking oder Cyber-Mobbing können Therapien notwendig machen. Zudem werden diese nicht ausreichend bezahlt.

Viele Opfer sind also mit der Rechtsprechung unzufrieden?

Müller-Piepenkötter Die Vorstellung von Gerechtigkeit wird oft nicht befriedigt. Im Strafverfahren brauchen wir mehr Transparenz durch Information der Opfer. Es muss besser erklärt werden, warum ein Gericht eine Entscheidung trifft. Das würde eine größere Zufriedenheit schaffen. So ist ja in Strafverfahren ein sogenannter Deal gesetzlich zugelassen, was Opfer meist nicht verstehen. Deshalb müssen sie stärker beteiligt werden.

Wie steht es um die Popularität des Weißen Rings? Als Verein ist er ja rein spendenfinanziert und daher auf Öffentlichkeit angewiesen.

Müller-Piepenkötter Die gute Arbeit des Weißen Rings hat sich herumgesprochen. Dazu ist der Verein auch durch unsere Präventionsarbeit etwa in Schulen sehr präsent. In vielen Polizeidienststellen wird Opfern empfohlen, sich an unseren Verein zu wenden. Wir haben zum Glück auch keine Probleme, Mitarbeiter zu gewinnen, obwohl bis auf ganz wenige Festangestellte bei uns nur Ehrenamtliche arbeiten.

Was viele nicht wissen: Der Verein engagiert sich auch bei der Verbrechensvorbeugung.

Müller-Piepenkötter Wir arbeiten eng mit der Polizei zusammen, erstellen etwa gemeinsam Broschüren. Darin geht es darum, wie man sich vor Einbrüchen schützt, aber auch mit Stalking umgeht.

Wie haben sich die Delikte in den vergangenen 40 Jahren verändert?

Müller-Piepenkötter Stalking gibt es schon lange, aber die Wahrnehmung ist heute eine andere, es wird ernst genommen. Neu dazugekommen ist etwa das Cyber-Mobbing, dem sich Betroffene kaum entziehen können. Ansonsten teilen sich die Hauptdelikte zu je 30 Prozent auf in Gewalttaten und Sexualstraftaten. Hinzu kommen als wesentliche Taten Raub sowie Einbruch.

Im europäischen Vergleich: Wie steht Deutschland beim Opferschutz da?

Müller-Piepenkötter Recht gut. Unterm Strich hat sich die Stellung von Opfern in den vergangenen Jahren deutlich verbessert, und wir arbeiten auch auf europäischer Ebene daran, das weiter auszubauen.

J. ISRINGHAUS FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
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