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Gewalttat an Euskirchener Schule
"Schüler brauchen jetzt Normalität"

Euskirchen. In einer Gesamtschule in Euskirchen wurde ein Zwölfjähriger ins Koma geprügelt. Mitschüler, Eltern und Lehrer stehen unter Schock. Im Interview mit unserer Redaktion spricht Sozialwissenschaftler Frank C. Waldschmidt über die Folgen und Gefahren. 

Herr Waldschmidt, was sagen Sie als Experte: Was hilft den Schülern an der Gesamtschule in Euskirchen, wo ein Zwölfjähriger ins Koma geprügelt wurde, gerade am besten?

Frank C. Waldschmidt: Das ist eine enorme Stresssituation. Ganz wichtig ist Alltag. Der stabilisiert, und die Schüler wollen ihren Alltag auch sehr schnell zurück. Sie haben natürlich Fragen zum Ereignis. Vor allem wollen sie wissen, wie es dem Jungen geht. Sie brauchen ihre Klasse, ihre Lehrer – und ihre Familie. Sie müssen wissen, dass sie jemanden haben, mit dem sie über alles sprechen können. Sie brauchen aber auch ganz viel Normalität. Kinder regulieren anders als Erwachsene. Die wollen dann irgendwann auch nicht mehr darüber reden, reagieren genervt. Sie regulieren ihre Emotionen über ihre Mitschüler, Aktivitäten oder Sport. Für die Eltern ist das jetzt eine Chance, die Beziehung zu ihren Kindern zu pflegen. Sie können ihnen aufmerksam begegnen. Kinder spüren, ob sie wertgeschätzt und ernst genommen werden.

Ein solcher Fall wirkt sich doch aber sehr auf den Alltag aus. Was kann die Schule tun?

Frank C. Waldschmidt ist Experte für Krisen- und Bedrohungsmanagement. Seine Beiträge sind aktuell in dem Buch "Krisenmanagement in Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen" erschienen. FOTO: Waldschmidt

Waldschmidt: Ja, es ist ein systemischer Krisenfall, weil das ganze System irritiert ist. Es hätte einen selbst treffen können. Und die Eltern fragen sich natürlich: Was ist da los? Kann ich mein Kind da noch hinschicken? Es gibt einen Kontrollverlust. Die Lehrer geben sich möglicherweise eine Mitschuld: Hab ich etwas falsch gemacht? Etwas übersehen? Wann kommt die erlösende Nachricht, dass es dem Opfer besser geht? Das wäre ein wichtiger Beitrag, damit sich das System wieder stabilisieren kann. Man guckt jetzt erst einmal in den Klassen in derselben Altersgruppe, dann schaut man: Gibt es Geschwisterkinder? Wo sind die, die etwas mitbekommen haben könnten? Die Lehrer müssen den Schülern viele Informationen geben, aber auch Gesprächsangebote machen, sich selbst fragen: Wie gehen wir mit dem Thema langfristig um? Pädagogisch, aber auch psychologisch.

Die beiden mutmaßlichen Täter sind auffallend jung, gerade zwölf Jahre alt. Sind das Ausreißer oder haben Sie oft mit derart jungen Tätern zu tun?

Waldschmidt: Ähnlich wie bei Suiziden, nehmen wir auch bei Gewalttaten wahr, dass Täter und Opfer auch immer häufiger in jüngeren Altersklassen zu finden sind. Erst kürzlich wurde ich mit dem Suizid eines Zehnjährigen konfrontiert, und ein Drittklässler versuchte, seine Grundschullehrerin mit einem Brecheisen hinterrücks zu verletzen.

Worauf führen Sie das zurück?

Waldschmidt: Das ist sehr komplex und nicht monokausal zu erklären. Viele Dinge spielen eine Rolle. Wohlstandsverwahrlosung, die Beziehungsqualität im Elternhaus lässt deutlich nach, Überforderung, Stress, aber natürlich auch der Einfluss von Medien: Das Gesamtpakt spielt eine Rolle. Gute Vorbilder sind wichtig. Wie wird das Thema Gewalt in wichtigen Entwicklungsphasen behandelt in der Familie? Da gibt es auch kulturelle Unterschiede. In manchen Kulturen wird Gewalt etwa als Regulation genutzt. Und das kommt dann auch in Konfliktsituationen zum Ausdruck.

Lässt sich denn verhindern, dass Schüler derart ausrasten?

Waldschmidt: Es gibt an Schulen Parallelwelten, die sich der Aufmerksamkeit von Lehren und Eltern entziehen. Da leben Schüler ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten. Das ist einfach so. Wichtig ist, dass auch verbale Gewalt nicht toleriert wird. Für Schüler ist ganz wichtig wahrzunehmen: Wo sind die Grenzen hier an der Schule? Wie weit kann ich gehen? Sie müssen erfahren: Hier wird keine Gewalt toleriert – auch keine verbale.

Könnte es denn auch sein, dass der Schüler in einer Art Kurzschluss-Reaktion zugeschlagen- oder getreten hat?

Waldschmidt: Meiner Erfahrung nach ist es ein Mythos, dass es plötzliche Gewaltausbrüche gibt, die aus heiterem Himmel kommen. Also dass ein Schüler vorher in keiner Weise auffällig geworden ist. Das ist eher ungewöhnlich. Es scheint sich auch im Fall des Täters von Euskirchen zu verdichten, dass es eine Geschichte gibt. Das nehme ich in vielen anderen Fällen auch wahr. Es sind häufig schon vorher Dinge vorgefallen. Das erfährt man dann aus der Peergroup desjenigen, also aus seinem direkten Umfeld. Da gab es dann vielleicht schon mal Gewaltphantasien oder es gab schon mal eine Bedrohung. Für Schulen müssen das die Indikatoren sein, zu intervenieren. Das scheint so auch hier der Fall gewesen zu sein. Häufig spielt Demütigung eine Rolle, die zu einem Selbstwertverlust geführt haben. Da tropft dann stetig etwas in ein Fass, das dann irgendwann überläuft – dann kommt es zu solchen explosionsartigen Ausbrüchen.

Welche wahrnehmbaren Anzeichen gibt es denn?

Waldschmidt: Es gibt eine Entwicklung zu einem solchen Ausbruch, die beobachtet werden kann. Dahingehend trainieren wir die Schulen: Das sind die Anzeichen, das müsst ihr hingucken. Oft sind es sehr dünnhäutige Kinder oder Jugendliche. Oder man erlebt auch nicht selten, dass aus dem Umfeld hinterher erzählt wird: Der hat mich mal erpresst oder von Gewalt gesprochen. Es ist ganz wichtig, rechtzeitig zu intervenieren. Wenn ein Schüler kommt, der sagt: Ich bin besorgt. Schulen müssen ein gutes "Bedrohungsmanagement" haben. Man muss mit den Schülern in Kontakt treten und fragen, was los ist, wie ernst müssen wir das nehmen. Manchmal hat es auch einfach nur mit dem Wunsch nach Aufmerksamkeit zu tun. Wir erleben bei vielen Kindern, die sich intensiv mit medialen Welten beschäftigen – Computerspielen – dass sie sehr intensive Gewaltphantasien haben.

Wozu führt ein solches Ereignis im Schulumfeld?

Waldschmidt: So etwas führt natürlich zu einem Sicherheitsverlust, zu einer Bedrohungserfahrung, die auch jetzt noch nicht abgeschlossen ist. Die Frage ist: Was war die Ursache? Lässt sich das abstellen, lässt es sich kontrollieren? Es gibt Erklärungsversuche. Wenn man sagen kann: "Der war psychisch krank" - dann kann man etwa das Sicherheitsgefühl ein Stück weit wiederherstellen. Gewaltereignisse haben eine ganz andere Wirkung als etwa ein Unfall oder ein Suizid. Ein solches Ereignis wie in Euskirchen ist ein Man-Made-Disaster. Wenn ein Mensch einem anderen etwas antut berührt das das Grundsicherheitsempfinden. Man fragt sich zum Beispiel: Gibt es vielleicht Mitwisser? Manchmal kommen bei den polizeilichen Ermittlungen auch ganz andere Dinge raus, als man zunächst dachte. Das sind Dinge, die psychosoziale Auswirkungen auf alle haben: Schüler, Eltern, Lehrer. Die Arbeit beginnt jetzt erst. Das Wichtigste ist für alle: Was passiert mit dem verletzten Jungen? Viel hängt davon ab, wie es mit ihm weitergeht. Alle hoffen natürlich jetzt, dass es gut ausgeht für ihn, dass er wieder gesund wird.

Das Interview führte Claudia Hauser.

 
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