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Heimat in Moers
Als in Moers noch die Tram fuhr

Heimat in Moers: Als in Moers noch die Tram fuhr
1952 fährt die Linie 1 auf der Homberger Straße - hier kurz vor Erreichen des Bahnhofs Moers. FOTO: Peter Boehm/ Sammlung Axel Reuther
Moers. Eine Straßenbahn in Moers und Umgebung? Das kann sich heute kaum noch jemand vorstellen. Dabei existierte von 1908 bis 1953 ein dichtes Netz aus sieben Straßenbahnlinien. Von Stephan Lücke

Stephan Lücke präsentiert in seinem Buch "Straßenbahnen im Altkreis Moers" rund 120 seltene und unveröffentlichte Bilder und Dokumente, die die historische Entwicklung der Moerser Straßenbahn dokumentieren.

Sie hat ihren Ursprung in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Im Zuge der aufblühenden Kohleindustrie wurde 1848 eine Verbindungsstraße zwischen der damals etwa 5000 Einwohner zählenden Stadt Moers und der am linken Rheinufer liegenden Nachbargemeinde Homberg gebaut. Auf der Moers-Homberger Aktienstraße (der heutigen Homberger bzw. Moerser Straße) entwickelte sich ein lebhafter Personenverkehr mit pferdebespannten Postkutschen. 1883 wurde auf der Moers-Homberger Aktienstraße eine von Dampflokomotiven gezogene Straßenbahn gebaut. Die "qualmenden und lärmenden Ungeheuer" waren bei den Bürgern nicht sonderlich beliebt. Bei schlechtem Wetter wirbelte die Bahn Schmutz der unasphaltierten Straße auf Passanten und Wohnhäuser. Zudem soll es immer wieder zu Beschädigungen und Unfällen gekommen sein.

1915: das vornehmlich weibliche Fahrpersonals der Straßenbahn Moers-Homberg FOTO: Stephan Lücke

1908 wurde die Dampfbahn durch eine elektrisch betriebene Straßenbahn ersetzt, die den Königlichen Hof in Moers mit dem Staatsbahnhof Homberg verband. Jahre später wurde die Strecke verlängert: Ab 1915 fuhren die Wagen von der Gastwirtschaft "Steinschen" in Hülsdonk bis zum Friedrichsplatz in Ruhrort. Zum Einsatz kamen Triebwagen eines Düsseldorfer Herstellers, die 60 Personen Platz boten. Sie waren in einem hellen Gelbton angestrichen und mit Goldlinien verziert. Die Züge fuhren in der Hauptverkehrszeit viertelstündlich, sonst alle 30 Minuten. Der Fahrpreis für die gesamte Strecke betrug 25 Pfennig. Auf der 6,4 Kilometer langen Strecke gab es 35 Haltestellen. Alle waren mit gusseisernen Schildern gekennzeichnet, die an Gebäuden oder Straßenbahnmasten angebracht waren.

Im Zuge der aufblühenden Industrie entstanden im damaligen Kreis Moers zwei weitere Trambetriebe: 1909 nahm die Linie der Straßenbahngesellschaft Homberg ihren Betrieb auf, die von Baerl über Homberg und Rheinhausen bis nach Friemersheim fuhr. 1915 folgte die Straßenbahn Moers-Kamp-Rheinberg: Diese Linie begann am Moerser Südring und führte zunächst über die Steinstraße, wo sie sich die Gleise mit der Straßenbahn Moers-Homberg teilte. Am Altmarkt bogen die Züge in die Kirchstraße ab und setzten ihren Weg fort über Utfort, Eick und Repelen bis nach Lintfort. Dort verzweigte sich die Linie. Ein Teil fuhr über die Moerser Straße bis zur Endhaltestelle Kamp, der andere Teil verkehrte weiter auf der Rheinberger Straße bis zum Bahnübergang Rheinberg. Die Strecke endete somit kurz vor dem Rheinberger Stadtgebiet, weil die Gleisanlagen der Eisenbahnstrecke Duisburg-Kleve keinen kreuzungsfreien Betrieb erlaubten. Das letzte Stück in dem Ort musste somit zu Fuß zurückgelegt werden.

1920: ein Wagen der Straßenbahn Moers-Kamp-Rheinberg am Moerser Altmarkt FOTO: Stephan Lücke

Neben den drei Betrieben in Moers und Homberg fuhren auch zwei Straßenbahnlinien mit Überlandcharakter aus Düsseldorf und Krefeld auf dem Moerser Stadtgebiet: Die Fernbahnlinie C (später Linie M) der Rheinischen Bahngesellschaft AG wurde im Jahr 1901 eröffnet. Sie verband die Städte Meerbusch und Uerdingen und wurde aufgrund erfreulicher Fahrgastzahlen in zwei Schritten über die Orte Rumeln-Kaldenhausen, Trompet und Schwafheim verlängert. Ab dem 16. Dezember 1911 fuhr die Linie C bis zum Königlichen Hof in Moers.

Die Linie 12 der Krefelder Straßenbahn AG wurde 1920 eröffnet. Sie startete am Krefelder Hauptbahnhof und führte über die Moerser Stadtteile Vennikel, Kapellen, Bettenkamp und Hülsdonk bis zur Repelener Straße nahe der Gaststätte "Steinschen" - der Endhaltestelle der Straßenbahn Moers-Homberg. Die Fahrzeit betrug 45 Minuten. Von 1925 und 1939 existierte zudem ein Gemeinschaftsbetrieb mit der Straßenbahn Moers-Homberg: Die Linie 12 fuhr im 60-Minuten-Takt von Krefeld über Moers und Homberg bis Ruhrort.

Mitte der 1920er-Jahre wurden die drei nebeneinander arbeitenden Betriebe zusammengefasst und es entstand ein einheitliches Liniennetz: Linie 1 fuhr alle 15 Minuten von Moers-Hülsdonk nach Homberg, Linie 2 alle 30 Minuten von Ruhrort über Homberg und Rheinhausen nach Friemersheim, Linie 3 alle 60 Minuten von Homberg nach Baerl, Linie 4 alle 20 Minuten von Moers-Steintor über Lintfort nach Kamp und Linie 5 alle 60 Minuten von Lintfort nach Rheinberg.

Im Zweiten Weltkrieg wurde Moers immer wieder das Ziel von Bombenangriffen und auch die Straßenbahn erheblich in Mitleidenschaft gezogen. Im Frühjahr 1945 musste sie ihren Betrieb völlig einstellen. Nach Kriegsende äußerte sich der für den Wiederaufbau verantwortliche Verkehrsdirektor über den Zustand der Kreis Moerser Verkehrsbetriebe so: "Wo man hinschaute nur Trümmer, die Werkstätten, Hallen und Gebäude entweder völlig zerstört oder stark beschädigt; die Gleisanlagen unterbrochen, Brücken gesprengt, Magazine ausgeplündert, der Fahrzeugpark zerstört, beschädigt, dezimiert. Es sah wirklich trostlos aus und es gehörte schon Mut dazu, wieder anzufassen."

Obwohl die zerstörte Straßenbahn zügig wiederaufgebaut wurde, hatte sie ihren Zenit längst überschritten. So wurden alle Kreis Moerser Straßenbahnlinien ab 1952 auf Oberleitungsbus-Betrieb umgestellt. Die meisten Moerser trauerten den fehleranfälligen, lauten sowie oft überfüllten und verspäteten "alten Schaukelkästen" nicht nach. Die Umstellung der Straßenbahnlinie Moers-Homberg erfolgte zum 17. Mai 1953. In der Rheinischen Post war dazu zu lesen: "Heute abend, Punkt 19:58 Uhr, schlägt eine historische Stunde: Es fährt die letzte Straßenbahn ab Homberg Gleisdreieck. Grüngeschmückt, von singenden, schunkelnden Fahrgästen und nicht minder fidelen Schaffnern besetzt, rattert die alte Arche dahin. Wer den denkwürdigen Augenblick miterleben will: Einsteigen bitte. Aber nicht, dass die Schaffner vor lauter Fidelitas vergäßen, die Groschen abzukassieren!"

Das Buch ist im Internet über "www.verlagshaus24.de" und im Buchhandel erhältlich. Der Preis beträgt 20 Euro.

Quelle: RP
 
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