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Krefeld
De Greiff und das Stadtbad

Krefeld: De Greiff und das Stadtbad
Das Kaiserzimmer, eigens hergerichtet für einen Besuch des Kaisers. Das Bad war zunächst für die Krefelder Oberschicht bestimmt; 1897 wurde eine Brauseabteilung eröffnet. Das Duschen kostete demnach 10 oder 25 Pfennig; inklusive Handtuch und Seife. FOTO: Philip Lethen
Krefeld. Neben all den technischen Neuerungen dürfte Cornelius de Greiff der Umstand besonders beeindrucken, dass dieses Bad zuletzt von vielen Schulkindern genutzt wurde - dass überhaupt alle Kinder zur Schule und nicht zur Arbeit gehen. Von Jens Voss

Ein Besuch im Stadtbad ist immer wieder erhebend, weil dieses Bad so schön ist - und leider, leider verfällt. Cornelius de Greiff dürfte schon über den Zuwachs an öffentlich geförderter Hygiene erfreut und erstaunt gewesen sein. Bis tief ins 19. Jahrhundert war die Waschschüssel das einzige Instrument der Körperreinigung. Erstaunt dürfte er auch zur Kenntnis genommen haben, dass im Stadtbad ganze Schulklassen schwimmen gingen - vor allem wegen der damit verbundenen Befreiung der Kinder vom Zwang zu arbeiten. Hier seine Eindrücke:

Fast ein Suchbild: Cornelius de Greiff begutachtet den großen Schwimmsaal; ein Bad dieses Ausmaßes dürfte er nie zuvor gesehen haben. FOTO: Philip Lethen

An die hochwohllöblichen Krefelder anno domini 2017!

Euer Stadtbad ist formidabel schön, obwohl es schon seit 17 Jahren geschlossen ist. Überhaupt: Wisst ihr Heutigen, wie gut ihr es habt mit euren Bädern, euren Wasserkränen? Wie war es doch wenig ersprießlich zu meiner Zeit; so manche Verrichtung war eine Last, von der zu reden uns Anstand und guter Geschmack verbieten. Beschämend für uns Damalige ist etwas anderes: Diese öffentliche Badeanstalt war auch für Schulkinder geöffnet, welcher Umstand mich doch zum Eingeständnis führt, dass es zu meiner Zeit kein Kinderspiel war, ein Kind zu sein. 1829 beschäftigte die Seidenmanufaktur Cornelius und Johannes Floh 390 Kinder. Generell schätzte damals die Industrie- und Handelskammer, dass auf 30.000 Krefelder 3000 arbeitende Kinder kamen. Ja die Zeit wusste es nicht besser. Nicht selten begann der Arbeitstag im Sommer um fünf in der Früh und dauerte bei dreistündiger Unterbrechung bis neun oder zehn Uhr am Abend.

Verfall und Schönheit im Hintergrund: Wände und Treppen sind aufwendig im Gründerzeitstil gearbeitet. FOTO: Philip Lethen

Immerhin trieb das Thema die Obrigkeit um; Krefelds Bürgermeister Jungblut hatte an Landrat Cappe über Kinderarbeit in Krefeld zu berichten. Demnach arbeiteten bei 14 Samt- und Seidenfabrikanten 2650 Kinder, wobei die Kinder nicht direkt bei den Seidenbaronen, sondern bei ihren Eltern zu Hause am Webstuhl oder bei fremden Meistern arbeiteten. Die preußische Regierung sah wohl, dass dies Brot für Kinder gar zu hart verdient ist: In einem Schulgesetz von 1839 wurde bestimmt, dass Kinder in Fabriken und Bergwerken nur ab dem Alter von neun Jahren beschäftigt werden durften, dabei nicht nachts, sonn- oder feiertags.

Auch 1864 gingen nicht alle Kinder zur Schule; gerade armer Leute Kinder teils schon deshalb nicht, weil sie keine anständige Kleidung hatten, weswegen die Stadtverwaltung 1864 beim Rat den Antrag stellte, 2000 Taler für Schulkleidung auszugeben und so armen Kindern den Schulbesuch zu ermöglichen. Ich erlaube mir demütigst darauf hinzuweisen, dass in meinem Testament 50.000 Taler für die offene Armenpflege vorgesehen waren; von den Zinsen dieses Geldes wurde unter anderem Schulkleidung besorgt.

Der Freimaurer-Saal: Hier tagten früher Krefelds Geheimlogen, die sich den Prinzipien der Aufklärung verpflichtet fühlten. Das Wandgemälde im Hintergrund zeigt die Burg Cracau. FOTO: Philip Lethen

Wohl weiß ich, dass es lange Zeit brauchte, bis sich in Deutschland die Schulpflicht durchgesetzt hat; das geschah 1919 in der Verfassung der Weimarer Republik. So ist es recht.

Aber das Stadtbad? Seh ich den Zustand heute, möchte man fast noch einmal sterben und 450.000 Taler zur Herrichtung dieses vortrefflichen Gebäudes bereitstellen. Es ist ein Jammer! Ihr scheinet vergessen zu haben, wie mühsam es war, öffentliche Versorgungen aller Art zu entwickeln. 1759 wurden in Krefeld auf den Hauptstraßen Laternen installiert. 1854 und 1876 nahmen in der Stadt Gaswerke ihren Betrieb auf, 1877 wurde das Wasserwerk eröffnet, 1899 folgte das städtische Elektrizitätswerk. Und 1890 wurde das Stadtbad eröffnet!

Cornelius de Greiff im Treppenhaus - selbst dieser funktionale Durchgangsraum ist aufwendig gestaltet. FOTO: Philip Lethen

Auch wenn ihr Heutigen alle einen Zuber zum Baden zu Hause euer Eigen nennt, ist es doch nicht löblich, dies schöne Bad so verkommen zu lassen. Nun also; wisstet, wie schön es ist, seinen Körper allüberall reinlich halten zu können! Ehret diesen Fortschritt und ehret das Haus, das ihm zu verdanken ist! Und seid froh, dass eure Kinder zur Schule gehen dürfen und schwimmen lernen können. Der Arbeit Mühe hebet noch früh genug an!

Moderne Edelstahltreppe trifft historischen KachelmusterChic: De Greiff wäre von beidem angetan gewesen. FOTO: Philip Lethen

Es grüßt euch, wackere Bürgerschar,

demütigst

euer

Cornelius de Greiff

Hier geht es zur ersten Folge der Serie: "Wiedersehen mit Cornelius de Greiff".

Hier geht es zur zweiten Folge der Serie: "De Greiff bei den Krefeld Pinguinen".

Hier geht es zur vierten Folge der Serie: "De Greiffs Greiffenhorst-Desaster."

Hier geht es zur fünften Folge der Serie: "Cornelius de Greiff im Zoo".

Hier geht es zur sechsten Folge der Serie: "Ein Seidenbaron besucht den Chempark".

Hier geht es zur siebten Folge der Serie: "Der Burgherr".

Hier geht es zur achten Folge der Serie: "De Greiff und die alte Feuerwache".

Quelle: RP
 
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