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Krefeld
De Greiff und Siempelkamp

Krefeld. Zwei Punkte dürften Cornelius de Greiff an dem Unternehmen gefallen: Dass die Geschicke der Firma lange weitgehend in Familienhand liegen - und der Vorsprung der Technik. Von Jens Voss

Technisch hat Cornelius de Greiff keine wirklich großen Sprünge erlebt: Erfindung des Laufrades, erste Eisenbahn, langsamer Vormarsch von Dampfmaschinen. Als Seidenweber hat er lebenslang auf den klassischen handbetriebenen Webstuhl gesetzt. Die Geschwindigkeit der Innovation von heute würde ihn mindestens beeindrucken, oder ängstigen?

An die hochwohllöblichen Krefelder anno domini 2017!

Meine Zeit war nicht immer gemütlich, schon gar nicht besser, denn bedenkt: Jede entzündete Zahnwurzel konnte einen umbringen! Die Technik, in der ihr Heutigen wie in einer zweiten Natur lebt, war in weiter Ferne. Erst die 1880er Jahre waren eine Schwellenzeit der Menschheit. Ab da wurde die Entwicklung immer rasanter! Nehmt nur zwei Beispiele: die Glühbirne und das Telefon.

Dass der Mensch mit Elektrizität Licht erzeugen kann, hat der Franzose Louis Jacques Thénard gezeigt, als ich 20 Jahre alt war, nämlich 1801. Doch erst der Amerikaner Thomas Alva Edison hat daraus eine Glühlampe gemacht, die man tatsächlich leicht herstellen und billig überall einsetzen kann. Das war 1880! Die Geschichte des Telefons begann 1837 mit der Erfindung des Morse-Telegraphen, erfunden von dem Amerikaner Samuel F.B. Morse. Es folgten weitere Erfindungen zur Übertragung von Sprache, unter anderem von unserem trefflichen Philipp Reis - er gab seinem Gerät 1861 den Namen "Telephon". Doch wieder war es ein Amerikaner, der aus solcherlei Anfängen einen praktischen Apparat entwickelte: Graham Bell. Er baute und verkaufte seit 1877 Telefone; und 1885 lieferte seine "American Telephone and Telegraph Company" die Fernverbindungen quer durch den amerikanischen Kontinent!

Darauf kommt es eben an: auf die Anwendung! 1883 hat Gerhard Siempelkamp in Krefeld sein Unternehmen gegründet und Heizplatten und Pressen für die Textilindustrie gebaut. So ging es fort und fort: 1900 kam eine eigene Gießerei dazu und immer mehr Pressen für immer mehr Materialien, sogar für Gummi. Im neuen Jahrhundert traten alsbald 1919 die Söhne Eugen und Ewald ins Geschäft ein. Immer weiter, hieß die Devise. Das ging auch deshalb gut, weil der Vater, obzwar im 19. Jahrhundert geboren, recht eigentlich ein Kind des 20. Jahrhunderts war. Euer 20. Jahrhundert der Technik begann in Wahrheit doch Schlag Mitternacht zum Jahre 1880! Plötzlich wuchs immer neue Technik in unsere Welt und veränderte sie für immer - mehr als einer Million Geschichte Jahre zuvor.

1881 wurde die erste elektrische Straßenbahn, 1886 das Automobil erfunden. 1907 hat ein gewisser Ottomar Heinsius von Mayenburg etwas sehr Wichtiges erfunden: die Zahnpasta. Lachet nicht, Zahnschmerz war ein Elend, Zahnpflege die Ausnahme, so wie es die Regel war, im Alter alle Zähne verloren zu haben - so wie Goethe, auch wenn sein Leibarzt behauptete, der Olympier habe in der Todesstunde alle Zähne beisammen gehabt. Hatte er bei weitem nicht! Fauler Zahn hieß: Extraktion - es war ein Graus. Zwar ist 1876 der Zahnbohrer erfunden worden, doch funktionierte er erst seit der Wende zum 20. Jahrhundert. So preiset euch glücklich ob solchen technischen Fortschritts!

Es grüßt euch, wackere Bürgerschar, demütigst

euer Cornelius de Greiff

Quelle: RP
 
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