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Heimat in Remscheid
Die "kleine grüne Hölle" im Bergischen Land

Heimat in Remscheid: Die "kleine grüne Hölle" im Bergischen Land
1967 Rückführung nach einem absolvierten Rennen: Neuhaus, Schmidt & Bisterfeld im Mercedes Benz 250 SL. FOTO: Archiv (4)
Remscheid. Viele Geschichten ranken sich um den Klingenring im Tal der Wupper. Der ist nicht nur eine landschaftlich eindrucksvolle Strecke für ambitionierte Radfahrer, sondern hat auch eine bewegte Motorsport-Vergangenheit. Von Alexander Riedel

Wer an der Wupperbrücke am Odentaler Weg für eine Pause von seinem Fahrrad steigt, erlebt das Bergische Land von seiner idyllischsten Seite: Eingerahmt von Laubbäumen bahnt sich die Wupper ihren Weg durch das Tal und schleust gelegentlich ein paar Kanuten flussabwärts. Wenige Meter vom Wasser entfernt fällt der Blick des Touristen auf das Alte Zollhaus, auf dessen Fachwerkgiebel der Schriftzug "Wupperhof" zu lesen ist.

Kaum zu glauben, dass es Zeiten gab, in denen es an diesem Ort ganz und gar nicht ruhig zuging, und zumindest für ein Wochenende pro Jahr neben den Gesprächen von Biergartengästen, Vogelgezwitscher und dem Rascheln des Laubes weitaus durchdringendere Geräusche zu vernehmen waren. Schließlich ist der Klingenring, der durch die hügelige Landschaft führt, seit jeher eine Rennstrecke - und das Teilstück zwischen Wupperhof und Witzhelden-Orth war 18 Jahre lang eine kleine Pilgerstätte für Motorsportfreunde: Beim jährlich stattfindenden Klingenring-Bergpreis sausten insgesamt über 1300 blitzende Kisten in atemberaubendem Tempo den Berg hinauf und überwanden dabei runde 150 Höhenmeter - einer der Fahrer brachte die 2,2 Kilometer lange Strecke sogar in weniger als einer Minute hinter sich.

"Ich selbst bin dort als Jugendlicher mit dem Kleinkraftrand hingefahren und später mit meinem ersten Auto", erinnert sich Andreas Seidel. Mit seinem Buch "Klingenring-Bergpreis 1966 - 1984... in Bildern...!" lässt der Motorsportfan bereits zum zweiten Mal dieses besondere Kapitel der Solinger Stadtgeschichte wiederaufleben - mit diversen Fotografien und kleinen Geschichten.

Sein erstes Werk aus dem vergangenen Jahr zeichnet chronologisch die Rennen nach, die regelmäßig große Scharen an den Streckenrand lockten. Ohne Motor ging es jedoch auch schon vor dem von den Benzinfüchsen Solingen ausgerichteten Wettstreit hoch her am Klingenring. Denn die ursprünglich 15 Kilometer lange Strecke mit Start und Ziel in Hästen diente im Jahr 1954 dazu, der Elite auf zwei Rädern das Leben so schwer wie möglich zu machen: Bei der Straßen-Radweltmeisterschaft quälte sich das Fahrerfeld im Dauerregen über diverse Anhöhen rund um Solingen. Über die Eichenstraße ging es auf dem Odentaler Weg hinab ins Tal der Wupper und schließlich steil hinauf nach Witzhelden. Dort gehörten die Solinger und Glüderstraße zum Rundkurs. Über letztere gelangten die Fahrer auf ihren 16 Runden wieder von Leichlingen in die Klingenstadt, überquerten unweit des Wasserwerks die Wupper und machten sich schließlich wieder an den Aufstieg nach Hästen. Die Reize der Landschaft dürften auf dem anspruchsvollen Kurs eher am Teilnehmerfeld vorbeigegangen sein: Nur 22 der ursprünglich 71 Fahrer erreichten das Ziel - als Erster der Franzose Louison Borbet, der in jener Zeit dreimal in Folge die Tour de France gewann.

Gut ein Jahrzehnt nach dem Rad-Spektakel kam Willibald Graul vom Motorsportclub Benzinfüchse auf die Idee, ein Teilstück des Klingenrings für die Rennen mit hochtourigen Gefährten zu nutzen: "Wie es der Zufall wollte, hatten sie ihre Vereinsgaststätte am Wupperhof", erzählt Oldtimer-Fan Andreas Seidel. 1966 gingen rund 100 Fahrer beim ersten Klingenring-Bergpreis auf die Strecke - das war auch damals schon mit allerlei organisatorischen Schwierigkeiten verbunden.

Die Starts mussten etwa an die Pläne der Buslinie in Richtung Köln angepasst werden, die auch an den Rennwochenenden fuhr - offenbar sehr zur Freude einiger Busfahrer, die für eine zügige Fahrweise auch schon einmal den anerkennenden Applaus der Zuschauer am Streckenrand einheimsten. "Manche Besucher stoppten die Zeit, die die Busse brauchten, um den Berg hoch zu brettern", berichtet Chronist Seidel, der in seinen Büchern auch charmante Anekdoten aus dem Fahrerlager untergebracht hat.

"Manch ein Familienvater fuhr mit, um der Ehefrau und den Kumpels zu zeigen, wie man Auto fährt", sagt Seidel schmunzelnd, "und manch einer musste dann am Montag mit dem Bus zur Arbeit fahren."

Einmal - im Jahr 1972 - setzte das Auto-Spektakel aus, nachdem es im Vorjahr einen tödlichen Unfall gegeben hatte - der Einzige im Übrigen während der Rennen auf dem Klingenring. Und 1984 war es mit der rasanten Fahrt durch die "kleine grüne Hölle im Bergischen Land", wie Seidel die Gegend scherzhaft nennt, vorbei: Verschärfte Auflagen des Landes und das deutlich nachlassende Zuschauerinteresse setzten den Schlussstrich unter den "Klingenring-Bergpreis".

Eine Neuauflage wird es nicht geben. Aber dafür können die Radfahrer auf dem Klingenring das besondere Idyll des Bergischen Landes genießen.

Quelle: RP
 
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