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Krefeld
Heimat ist wieder ein Ort der Literatur

Krefeld: Heimat ist wieder ein Ort der Literatur
"Sprache ist die ureigene Heimat der Schreibenden", sagt Henning Heske. Er hat mit Marcel Reich-Ranicki an dessen Frankfurter Anthologie gearbeitet und als Vorsitzender der Bezirksgruppe Niederrhein im Verband deutscher Schriftsteller die Verleihung des Niederrheinischen Literaturpreises der Stadt Krefeld 1992 mit aus der Taufe gehoben. FOTO: Thomas Lammertz
Krefeld. Der Autor Henning Heske ist der Vater des Niederrheinischen Literaturpreises. Der ist eine wichtige Förderung zeitgenössischer "Heimatliteratur". Denn regionale Literatur ist keine Frage des Dialekts, findet er. Von Petra Diederichs

Mit den Krimis hat es begonnen. Ausgerechnet mit Mord und Totschlag und anderen Verbrechen. Sie haben Wurzeln geschlagen in der Eifel, in den Alpen, an Nordseestränden - und am Niederrhein. Regionalkrimis boomen. Immer noch. Inzwischen werden auch philosophische und gesellschaftliche Themen vor der überschaubaren Kulisse dörflicher oder kleinstädtischer Gemeinschaften abgehandelt. Heimat ist wieder ein Ort der Literatur.

Vielleicht haben die Regiokrimis die Renaissance der Heimatliteratur eingeläutet, die im 19. Jahrhundert den Gegenpol zur Großstadtliteratur bilden sollte. Denn auch die Nach-Wende-Literatur spielt meist im fernen Berlin. "Sprache ist die ureigene Heimat der Schreibenden", sagt Henning Heske.

Der 58-Jährige (sein Geburtstag ist der 20. März) ist selber Autor. Er hat mit Marcel Reich-Ranicki an dessen Frankfurter Anthologie gearbeitet und als Vorsitzender der Bezirksgruppe Niederrhein im Verband deutscher Schriftsteller die Verleihung des Niederrheinischen Literaturpreises der Stadt Krefeld 1992 mit aus der Taufe gehoben. Der Preis kürt die Literatur von Autoren, die aus der Region Niederrhein stammen, hier leben oder darüber schreiben. Also Literatur, die die Sprache der Region wachhält. "Das bedeutet nicht unbedingt den Dialekt", sagt Heske. In Begriffen, aber auch in Begebenheiten, Ritualen und Traditionen finden sich regionale Färbungen.

Ein Paradebeispiel ist Hermann Josef Schüren, der 2016 mit dem jüngsten Niederrheinischen Literaturpreis ausgezeichnet wurde für seinen Roman "Junge Stiere". Die Erinnerungen an eine Jugend in einem Bauerndorf in den 1960er Jahren waren ein immenser Erfolg - auch durch den Preis befördert. "Aber es zeigt auch, dass das Buch einen Nerv vieler Leser getroffen hat, dass viele etwas darin wiedergefunden haben. Zu den Qualitäten guter Literatur gehört, dass sie fast Vergessenes bewahren und helfen kann, das Leben besser zu verstehen", sagt Heske. Die Freiheit der Kinder in Lederhosen, die auf dem Bauernhof tägliche Abenteuer erleben, aber auch die Existenznöte der Bauern, die Zwänge von Kirche, Tradition und kleiner Dorfgemeinschaft.

Der mit 10.000 Euro dotierte Literaturpreis wird alle zwei Jahre vergeben. "Diese Kontinuität ist wichtig, um die Literatur der Region zu pflegen", sagt Heske. Darüber hinaus sei der Preis auch ein bisschen Heimat für die Autoren. Denn die Bindungen zu Krefeld werden über Jahre gehalten - durch Lesungen, Veranstaltungen, Korrespondenzen, Reihen wie "Was macht eigentlich....?". Dass berühmte Leute wie Frank und Elke Schmitter, Ulrich Peltzer und Hans Neuenfels aus Krefeld kommen, habe für die, die in Krefeld aufwachsen, Signalwirkung, "Das ist wichtig. Wenn wir heute von Heimat reden, was meinen wir dann? Die Linde auf dem Marktplatz gibt es nicht mehr. Heimat ist ein Gefühl", glaubt Heske. So hat er einen wesentlichen Satz Reich-Ranickis verstanden. Der Mann, der aus seiner Heimat abgeschoben wurde, im Warschauer Ghetto und im Untergrund gelebt hatte, hat gesagt: "Meine Heimat habe ich in der deutschen Literatur gefunden." Nicht der schlechteste Ort.

So sieht es auch Heske. Der gebürtige Düsseldorfer hat zunächst Mathematik und Geografie, später auch Germanistik studiert und einen naturwissenschaftlichen Lehrberuf ausgeübt. Aber nebenbei hat er immer geschrieben: Gedichte, Essays, Kinder- und Jugendbücher. 1988 kam er als Referendar erstmals nach Krefeld, bezog eine kleine Wohnung am Westwall. "Ich habe mich sofort wohlgefühlt. Krefeld ist nicht so groß wie Düsseldorf, aber sehr tolerant, schon durch die Geschichte der Mennoniten." Beruflich bedingt hat Heske 15 Jahre lang in Dinslaken gelebt. "Dort bin ich aber nie angekommen." Als er gemeinsam mit seiner Frau auf Besuch in Krefeld war, hat er gespürt, dass er bleiben muss. "Ich habe mich um meine Versetzung gekümmert. Zwar musste ich einige Jahre noch pendeln. Aber meine Kinder sind hier geboren und wachsen hier auf. Ich finde es schön zu sehen, dass sie hier Wurzeln haben. Ich habe nach 15 Jahren sofort wieder Anschluss gefunden." Natürlich in der Literaturszene rund um Klaus Düsselberg und den Sassafras Verlag. "Krefeld ist meine Heimatstadt", sagt Heske aus Überzeugung. Aber er zitiert auch den Philosophen Ernst Bloch, der im "Prinzip Hoffnung" Heimat als etwas betzeichnet, "das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war".

Quelle: RP
 
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