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Leverkusen
"Ich wohne quasi in der Leichtathletikhalle"

Leverkusen: "Ich wohne quasi in der Leichtathletikhalle"
Tempomacher auf der Laufbahn: Johannes Flors - der Leverkusener hat ein großes ziel vor Augen: olympisches Gold in der Einzeldisziplin. FOTO: Imago
Leverkusen. Johannes Floors gehört zu den Aushängeschildern des deutschen Behindertensports. Der Wahl-Leverkusener hat als Weltmeister und Paralympics-Sieger schon fast alles erreicht, hat aber trotzdem noch ein ganz großes Ziel. Deshalb wurde ihm ein Jubelverbot auferlegt. Von Thomas Rademacher

Es klingt unglaublich, doch Johannes Floors ist sicher: "Es war die beste Entscheidung meines Lebens, mich amputieren zu lassen." Mit 16 Jahren ließ sich der Leichtathlet des TSV Bayer 04 Leverkusen beide Unterschenkel entfernen, um nicht weiter an Schmerzen leiden zu müssen.

"Daraus ist so viel Positives entstanden, dass ich es zu keinem Zeitpunkt bereut habe." Sieben Jahre später hat der 23-Jährige fast alles erreicht und ist in Leverkusen heimisch geworden.

Floors kam mit dem Fibula-Gendefekt zur Welt. Das Fehlen der Wadenbeine führt zu einer extrem schmerzhaften Behinderung, bei der das Gehen nur mühsam möglich ist. "In erster Linie wollte ich durch die Amputation die Schmerzen loswerden, aber es hat auch meinem Selbstbewusstsein sehr geholfen", blickt der Sprinter zurück. "Kinder wissen es nicht besser, aber die Hänseleien im jungen Alter haben damals sehr getroffen." Durch den Wechsel auf Prothesen ist Floors von 1,60 Meter auf 1,80 Meter gewachsen. "Und im Alltag sieht man mir überhaupt nicht an, dass ich überhaupt Prothesen trage."

Mit der gewonnenen Lebensqualität fand Floors auch den Weg zurück zum Sport. Vor seiner Amputation war er als Schwimmer aktiv, danach lag der Fokus auf dem Sportabitur, das er in Braunschweig ablegen wollte. Dafür musste er unter anderem einen Triathlon absolviere, und Jörg Frischmann wurde durch ein Video auf ihn aufmerksam. Der Geschäftsführer der Behindertensportabteilung des TSV Bayer kannte Floors bereits, da beide aus Steyerberg stammen. Frischmann erkannte das Talent, vermittelte bei der Anfertigung von Sportprothesen, half beim Finden einer Lehrstelle als Orthopädietechnik-Mechaniker und holte Floors im Anschluss ans Abitur nach Leverkusen.

"In erster Linie bin ich 2014 aufgrund der Perspektive hierher gekommen", berichtet Floors. "Aber inzwischen ist Leverkusen meine zweite Heimat geworden. Ich wohne quasi in der Leichtathletikhalle." Bei der Weltmeisterschaft in Doha 2015 hatte der Sprinter seinen ersten großen Auftritt. Mit der Staffel gewann er über 4 x 100 Meter und wiederholte das Kunststück bei den paralympischen Spielen 2016 in Rio und der WM in London 2017.

Der ganz große Traum vom paralympischen Gold im Einzelrennen blieb ihm allerdings verwehrt. Nach dem überraschenden Erfolg, den er gemeinsam mit seinen Vereinskameraden Markus Rehm, David Behre und Felix Streng erreicht hatte, zog sich Floors beim Jubeln einen Meniskusschaden im Knie zu. "Mittlerweile kann ich auch ein bisschen darüber lachen", sagt der 23-Jährige. "Aber das war eine emotionale Situation." Im Einzelrennen über 400 Meter konnte Floors nicht mehr antreten. Eine Episode mit Folgen, denn seither wurde ihm vom Bundestrainer ein Jubelverbot auferlegt. Sogar als er 2017 bei der WM im Einzel Gold holte, ging er nicht so sehr aus sich heraus, wie das nach dem größten Erfolg der Karriere zu erwarten gewesen wäre.

Inzwischen hat der Weltmeister mit dem Maschinenbaustudium in Köln begonnen. Derzeit trainiert er nicht zehn bis zwölf Mal in der Woche. "Aber das wird sich vor den nächsten Großereignissen wieder ändern."

Einzel-Gold in Tokio 2020 ist sein großes Ziel. "Ich halte es für realistisch, dass er das auch schafft", sagt Jörg Frischmann, der vom Ehrgeiz des Sportlers begeistert ist. "Er kann auch mit dem Druck sehr gut umgehen." Privat sind der Geschäftsführer und der Sportler inzwischen zu Freunden geworden. "Jörg ist ganz sicher ein Grund, in Leverkusen zu bleiben", sagt Floors, der hinzufügt: "Der Rückhalt von meinen Freunden und der Familie ist enorm. Ohne sie würde es kaum funktionieren."

Quelle: RP
 
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