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Seit 35 Jahren bei der Feuerwehr in Viersen
Retter auf Abruf

Seit 35 Jahren bei der Feuerwehr in Viersen: Retter auf Abruf
1983 ist Walter Schriefers in die Löschgruppe Hoser eingetreten, heute ist er 58 Jahre alt. Bis er 67 ist, möchte der Viersener im Dienst bleiben. FOTO: Knappe
Viersen. Seit 35 Jahren ist Walter Schriefers bei der freiwilligen Feuerwehr. Ein Einsatz ist ihm besonders im Gedächtnis geblieben Von Nadine Fischer

Er ist der erste Feuerwehrmann, der in das brennende Seniorenheim stapft. Im dichten Rauch kann Walter Schriefers kaum etwas sehen. Schemenhaft erkennt er durch seine Atemschutzmaske Hausbewohner, die verängstigt umherirren. Sie sind 80, 90 Jahre alt. Und sie rufen nach ihrer Mama. "Wenn ich daran denke, kriege ich immer noch Gänsehaut", sagt Schriefers heute, rund 28 Jahre später. Am 22. März 1990 wurde seine Einheit - die Löschgruppe Hoser - zu dem Einsatz an die Schützenstraße im Bockert gerufen. Um kurz nach 20 Uhr war im Zimmer einer Seniorin ein Fernseher implodiert, das Feuer breitete sich schnell aus. "Einige Bewohner haben damals unter den Betten gelegen vor Angst", erzählt Schriefers. "Ein paar liefen uns in die Arme, wir haben ihnen Fluchthauben aufgesetzt und sie raus gebracht."

Seit 1983 ist Schriefers bei der freiwilligen Feuerwehr. Jener Brand 1990 fällt ihm sofort ein, wenn er nach den aufregendsten Einsätzen seiner Laufbahn gefragt wird. An wie vielen Einsätzen er insgesamt bisher beteiligt war, hat der 58-Jährige nicht gezählt. Aber: "Er hat eine sehr hohe Dienstbeteiligung", bescheinigt ihm Viersens Feuerwehr-Chef Frank Kersbaum. Schriefers ist seit 35 Jahren beinahe rund um die Uhr in Bereitschaft, hat schon mal an Weihnachten die Bescherung mit der Familie verpasst oder die Silvesterfeier abgebrochen, um Menschen zu retten, Feuer zu löschen, nach Unfällen Straßen zu reinigen: Eigentlich könnte er jetzt mit fast 60 Jahren ruhigen Gewissens den Dienst quittieren. Möchte er aber nicht. "Ich fühle mich noch so fit, und es macht auch so viel Spaß, mit den jüngeren Kollegen zusammenzuarbeiten", sagt der Viersener. "Wenn ich gesund bleibe, möchte ich weitermachen, bis ich 67 bin."

Als Schriefers gerade seinen Grundwehrdienst bei der Bundeswehr beendet hatte, beschloss er, der freiwilligen Feuerwehr beizutreten. Damals war er 23 Jahre alt. "Ich wollte mich in meiner Freizeit sinnvoll beschäftigen. Außerdem gefiel mir dieser Vereinscharakter, die Kameradschaft." Sechs Monate lang sei er mit der Löschgruppe Hoser "erstmal mitgelaufen", um zu schauen, ob er wirklich Feuerwehrmann werden möchte. Erst danach bekam er seine eigene Ausrüstung mit Funkmelde-Empfänger. "Das macht man heute noch so", sagt Schriefers. Er absolvierte eine Grundausbildung, machte unter anderem eine Atemschutz- und eine Kettensägenausbildung, schloss einen Funkerlehrgang und einen zum Strahlenschutz ab, ließ sich zum Feuerwehrtaucher schulen. Hinzu kamen einige Führungslehrgänge - ab 1995 war Schriefers noch Löschgruppenführer der Einheit Hoser. Vergangenen Monat hat er das Amt abgegeben. Es sei an der Zeit, dass die jüngeren Kollegen die Leitung übernehmen, sagt er.

Von seiner Haustür bis zum Feuerwehrgerätehaus an der Berliner Höhe braucht Schriefers zwei bis vier Minuten mit dem Auto. Nachts liegt der Funkmelde-Empfänger auf dem Nachttisch, mittlerweile kann er sich bei Notfällen auch über eine App auf dem Smartphone alarmieren lassen. Schriefers wird jedoch nicht nur benachrichtigt, wenn seine Einheit gefragt ist: "Ich habe alle Viersener Löschgruppen auf dem Pieper", sagt er. "Man ist froh, wenn man mal eine Nacht durchschlafen kann", räumt er ein. "Aber so schlimm ist das auch nicht." Er habe sich daran gewöhnt, das sei alles Routine - und seine Verlobte Nadine Dietzl sei zum Glück sehr verständnisvoll.

September 1990: Walter Schriefers (l.) und ein Kamerad helfen einer Frau aus dem brennenden Seniorenheim an der Schützenstraße. FOTO: Strucken

Morgens nimmt Schriefers seinen Funkmelde-Empfänger mit zur Arbeit. Der 58-Jährige ist bei der Verkehrsaufsicht des Versorgers NEW in Viersen angestellt. Er ist zum Beispiel für die Fahrzeugwartung zuständig, schreibt Dienstpläne, fährt Bus. Nur einmal sei er bisher wegen eines Feuerwehreinsatzes zehn Minuten zu spät zu einer wichtigen Sitzung bei der Arbeit gekommen, betont Schriefers, dem das immer noch etwas unangenehm ist. "Das ist eigentlich nicht meine Art." Im brennenden Seniorenheim an der Schützenstraße war er 1990 hingegen überpünktlich - dank eines Zufalls. Die Mitglieder der Löschgruppe Hoser hatten sich für eine Notfallübung gegen 20 Uhr am Gerätehaus, damals noch am Lützenberg, versammelt. Um 20.13 Uhr erfuhren sie über Funk von dem Brand. Nur zwei Minuten später waren sie am Einsatzort, und Schriefers ging als erster ins Gebäude.

Die Feuerwehrleute konnten viele Bewohner retten, aber nicht alle: "Drei Senioren sind ums Leben gekommen", sagt Schriefers. "Das war für uns alle heftig. Man hat das mit sich nach Hause genommen und alleine verarbeitet." Doch Erlebnisse wie dieses sorgten nicht etwa dafür, dass Schriefers resignierte und daran dachte, seine Laufbahn als Feuerwehrmann zu beenden. Im Gegenteil: "Ich fühle mich dadurch noch bestärkt weiterzumachen."

Quelle: RP
 
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