| 21.02 Uhr

RP-Serie "Wir sind Heimat"
Zu Hause in der Fremde

Was wir mit Heimat verbinden
Was wir mit Heimat verbinden FOTO: Fischer, Armin (arfi)
Düsseldorf. Drei Wochen lang stellt unsere Redaktion vor, was Menschen mit Heimat verbinden. Zum Auftakt der Serie erzählen junge Leute ihre Heimatgeschichte. Von Jörg Isringhaus

Ohne Heimat sein, heißt leiden, befand der russische Großdichter Fjodor Dostojewski. Wie wahr diese Erkenntnis ist, zeigt das Elend der Flüchtlinge, die ihr Zuhause verlassen und in eine ungewisse Zukunft marschieren. Ihre Heimat kann ihnen weder Geborgenheit noch Zuflucht bieten. So werden die Flüchtlinge vorübergehend zu Heimatlosen, Entwurzelten. Vorübergehend, weil auch die Fremde irgendwann zu einer Heimat werden kann. Es kommt nur auf das Verhältnis an, das man dazu aufzubauen in der Lage ist.

Was zu der Frage führt, was Heimat heute überhaupt ist. Für jeden etwas anderes, muss die Antwort wohl lauten: ein Gefühl, ein Geruch, ein Geschmack, für manche Menschen sicher auch ein unverwechselbarer Ort, eine charakteristische Landschaft oder nur ein vertrautes Zimmer. Oft ist es Sprache, an der sich heimische Empfindungen festmachen, noch häufiger sicherlich die Menschen, mit denen man sich umgibt, Familie, Freunde, Partner, Kollegen.

Wissenschaftlich belegt ist, dass Heimat sich in die Synapsen des Gehirns einbrennt, unwiederbringliche physiologische Spuren hinterlässt, sogenannte Engramme. Sie sind sozusagen die Brandzeichen, die den Menschen auf ewig mit seinen Wurzeln verbinden. Dabei gilt: Je mehr positive Erfahrungen der Mensch emotional verknüpfen kann, desto eher wird er sich heimisch fühlen. Heimat ist also nichts anderes als eine positive Prägung - was sich wiederum nicht auf einen Ort beschränken muss. In Zeiten einer globalisierten Welt mag der Einzelne also verschiedene Heimaten nebeneinander haben.

Insofern besteht eine gute Chance, auch in der Fremde heimisch zu werden. Selbst wenn der Mensch in der Ferne zunächst der Heimat oft besonders nah ist, weil er in der Abgrenzung den Verlust deutlich spürt. Aber es liegt an uns, diese Grenzen durch positive Erfahrungen abzubauen, sozusagen neue Spuren in die Gehirne einzubrennen, der Ferne das Fremde zu nehmen. Das muss man sich vergegenwärtigen, wenn man die Situation der Flüchtlinge betrachtet - wir haben die Chance, unsere Heimat auch zu der ihrigen zu machen. Das Schöne daran: Unsere Heimat geht dabei nicht verloren, sondern wird um neue Vorstellungen, Ideen, Visionen bereichert. Wohl nie war Heimat offener und vielfältiger als heute. 

Quelle: RP
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