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Halver/Wipperfürth
In Anschlag prallen zwei Welten aufeinander

Halver/Wipperfürth. Zwischen dem bergischen Wipperfürth und dem sauerländischen Halver verläuft die Grenze, die Nordrhein-Westfalen trennt und eint. Von Thorsten Breitkopf

Rheinland und Westfalen sind die beiden Landesteile der Gebietskörperschaft NRW. Zwei Kleinstädte leben so nebeneinander her, seit 70 Jahren. An vielen Orten in NRW ist man weit, weit voneinander entfernt. Dort, wo beide Hälften dieses westdeutschen Yin und Yang aufeinanderstoßen, wird es kurios.

Eine dieser Stellen ist Anschlag, ein Ort genau auf der Grenze zwischen dem bergischen (und damit rheinischen) Wipperfürth und dem sauerländischen (und damit westfälischen) Halver. Dort leben keine 100 Menschen, und eine Bushaltestelle mit dem Namen "Schlagbaum" verrät, wo man ist. Denn durch Anschlag verlief schon im Frühmittelalter ein Handels-, Pilger- und Heerweg. An der Grenze gab es in der frühen Neuzeit eine Zollstelle mit einem echten Schlagbaum. Dieser Tatsache verdankt der Ort den Namen. Auf alten Karten erscheint er als "Tollen Anschlag" (was so viel heißt wie Zoll veranschlagen oder Zollstelle mit Schlagbaum). Doch schon viel länger als in der EU gibt es zwischen Rheinland und Westfalen das, was man heute Binnenmarkt nennen würde. Deshalb ist der Schlagbaum schon länger Geschichte, als jeder lebende Anschlager sich erinnern könnte.

Normalerweise sind Grenzregionen Räume mit ausgeprägten Rivalitäten. Doch fragt man die Wipperfürther danach, was sie von ihren Nachbarn halten, dann schimpfen sie wie die Spatzen über die ebenfalls rheinischen Hückeswagener nebenan. Zu den Halveraner Westfalen befragt, sieht man nur Achselzucken. Anonyme, harmlose, unbekannte Nachbarn, die irgendwo irgendwie hinter Anschlag wohnen. Was sie auszeichnet? Keinen Schimmer. Nur wenn Hückeswagener oder Wipperfürther, also Rand-Rheinländer, für Sauerländer gehalten werden, etwa in weit entlegenen Städten wie Düsseldorf, dann korrigieren sie das energisch und wortreich. Dann gilt: Nichts ist stärker als das Band landsmannschaftlicher Verbundenheit. Westfale will man dann doch lieber nicht sein.

Ein gutes Beispiel dafür ist Bauer Offermann, dessen Hof genau auf der Grenze der beiden Landesteile steht. "Meine Kühe fressen im Rheinland und scheißen in Westfalen", sagt der Mann, der Rheinländer ist und sich so wortkarg gibt wie ein Westfale. Damit ist alles gesagt.

Reste der einstigen Grenze zu finden ist schwer. An der Bundesstraße B 237 in dem kleinen Örtchen Rönsahl, das zur westfälischen Klein-stadt Kierspe gehört, steht bis heute ein Stein mit der Aufschrift "Grenze". Auf dessen westlicher Seite steht "Köln", östlich "Arnsberg". Doch seit mehr als 40 Jahren markiert dieses Baudenkmal nicht mal mehr die Grenze der Regierungsbezirke. Im Rahmen der kommunalen Gebietsreform im Jahr 1975 wurde ein kleiner Streifen Land der einstigen rheinischen Gemeinde Klüppelberg Kierspe zugeschlagen, so dass der Grenzstein heute eigentlich vollständig in Westfalen steht.

Am ehesten spürt man die Grenze bei einem echten Zusammentreffen von Rheinländern und Westfalen. Auf Gut Harbecke zwischen Wipperfürth und Kierspe etwa feiern beide Volksstämme im Sommer regelmäßig gemeinsam auf Open-Air-Konzerten regional bekannter Coverbands. Während die rheinischen Wipperfürther durch lautes Mitsingen und Tanzen zum Ausdruck bringen, dass ihnen Musik und Stimmung gefallen, halten sich die Sauerländer an ihrem großen Bier fest und nicken wohlwollend in Richtung Bühne, womit sie auf ihre Art ausdrücken, dass ihnen Musik und Stimmung ebenso gut gefallen wie ihren rheinischen Landsleuten.

Zumindest teilweise ist die rheinisch-westfälische Grenze auch eine Trennlinie der Konfessionen. Die Wipperfürther sind erzkatholisch, feiern ausgelassen Karneval und bezeichnen sich, je weiter sie sich vom Heimatort entfernen, gerne als Fast-Kölner. Die Menschen in Kierspe oder Rönsahl sind dagegen mehrheitlich Protestanten, entweder in der Landeskirche oder in einer der zahlreichen Freikirchen organisiert.

Noch etwas trennt die Menschen: der Dialekt. Denn rheinseits der Grenze heißt es "Spocht" für Sport, "Mochd" für Mord und "Wuchst" für Wurst. Auf Westfalens Seite sagt man langgedehnt "Spoart", "Moard" und "Wuarst". Was beide eint: das Wort "Woll", das uneingeschränkte Zustimmung einfordert.

Quelle: RP
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