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Angemessenes Verhalten in der Kirche
Hände falten, Klappe halten

Düsseldorf. Viele Menschen wissen nicht mehr, wie sie sich im Gottesdienst verhalten sollen. Der Respekt vor der Kirche nimmt ab. Ein paar Regeln sollten aber beachtet werden. Von Tim Specks

Die gute Nachricht vorne weg: Viele Pfarrer werden sich am Wochenende über gut besuchte Gottesdienste freuen können - am Weißen Sonntag feiern Tausende Jugendliche in den Gotteshäusern ihre Erstkommunion. Die schlechte hinterher: Die Pfarrer werden in mehr oder weniger ratlose Gesichter blicken. Vielen Kirchenbesuchern ist das Wissen um Rituale und Etikette im Gottesdienst abhanden gekommen. Ulrich Clancett, Regionaldekan für die Region Mönchengladbach, bestätigt diesen Trend: "Immer mehr Menschen wirken im Gottesdienst verloren", sagt er.

Ein Grund für diese Entwicklung ist das schwindende Interesse an einem regelmäßigen Kirchenbesuch. "Früher war es Pflicht, sonntags in die Kirche zu gehen. Heute gehen die Menschen nur in den Gottesdienst, wenn sie einen bestimmten Bedarf haben", sagt Pfarrer Clancett. Er glaubt, dass sich heute viele Menschen schwer tun, eine Bindung zur Kirche aufzubauen. Deshalb sind die Gottesdienste an Feiertagen meist gut besucht, während die Kirchenbänke zu anderen Zeiten häufig verwaist bleiben. Als Folge der unregelmäßigen Auseinandersetzung mit den Gepflogenheiten vor und während des Gottesdienstes nimmt die Achtung vor den Sitten in der Kirche ab. "Viele haben den Respekt vor der Kirche als heiligem Raum verloren. Sie sitzen dort wie im Kino, spielen mit dem Handy, essen und trinken", sagt Clancett.

"Viele haben den Respekt vor der Kirche als heiligem Raum verloren"

Mit seiner Meinung steht er nicht allein. Auch Michael Dederichs, Pfarrer im linksrheinischen Düsseldorf, hat solche Tendenzen beobachtet. Eine der Unarten, die sich eingeschlichen haben, sei, sich laut in der Kirche zu unterhalten. Zudem komme es häufig vor, dass Kirchenbesucher mit Mänteln ihre Plätze in den Sitzbänken reservieren. Auch beobachte er immer öfter Kaugummi kauende Menschen während der Messe. Um die Etikette im Gotteshaus zu wahren, rät Dederichs Kirchenbesuchern, vor allem auf ihre Umgebung zu schauen: "Auf jeden Fall sollte man darauf achten, seine Mitmenschen nicht zu stören." Dazu gehöre auch, möglichst auf das Aufnehmen von Fotos zu verzichten: "Gerade für Kommunionfeiern haben viele Pfarren Fotografen bestellt, die diese Aufgabe übernehmen."

Schlechtes Benehmen in der Kirche ist vor allem ein Problem bei Erwachsenen, erklärt Ulrich Clancett. Kinder hätten den Vorteil, dass sie, beispielsweise durch die Kommunionvorbereitung, noch in der Übung sind. "Ihre Eltern aber sind oft entwöhnt", so der Pfarrer. Weil sie selbst nicht mehr wissen, wie sie sich im Gottesdienst verhalten sollen, können sie nicht als Vorbilder für ihre Kinder fungieren. Dieses Problem kennt auch Monsignore Robert Kleine, Kölner Stadtdechant: "Vor Jahrzehnten ist man in das richtige Verhalten sozusagen hineingewachsen. Das gibt es heute nicht mehr." Aus dieser Zeit stammt auch der Spruch "Hände falten, Klappe halten", mit dem Kindern Benimm in der Kirche beigebracht wurde.

"Gottesdienste brauchen hochwertige Inhalte"

Die Schuld für das Fernbleiben aus den Gottesdiensten und das damit verknüpfte Fehlen der Etikette sehen die Pfarrer aber nicht allein bei Kirchenbesuchern. Auch die Kirche selbst trage eine Verantwortung an der "Abstimmung mit den Füßen", wie Ulrich Clancett sie nennt. "Die Menschen suchen sich das, was ihnen passt. Sie kommen mit einem gewissen Anspruch und wollen nicht nur ihre Zeit absitzen. Da ist auch die Kirche gefragt, sich dem Zeitgeschehen anzupassen. Gottesdienste brauchen hochwertige Inhalte", sagt er. Auch Robert Kleine glaubt, dass die Kirche ihren Teil dazu beitragen muss, mehr Menschen für den Gottesdienst-Besuch zu begeistern. "Es liegt an uns, einladend zu sein. Wir müssen uns fragen: ,Was können wir tun, um zum Beispiel Familien entgegenzukommen?'" Denkbar seien angepasste Gottesdienst-Zeiten, um den regelmäßigen Besuch der Messe mit dem Alltag kompatibel zu machen.

Nur durch eine Anpassung der Kirche kann das Problem schlecht besuchter Messen und fehlender Etikette aber nicht behoben werden - auch die Besucher müssen ihren Teil beitragen. Zum Beispiel, indem sie sich der Kirche gegenüber offener verhalten, sagt Michael Dederichs. "Wer eine schlechte TV-Sendung sieht, schaltet den Fernseher trotzdem am nächsten Tag wieder ein. Ein Prediger bekommt aber häufig keine zweite Chance. Das muss sich ändern."

So schlecht es um den Besuch von und das Verhalten in der Kirche auch steht, immer wieder bieten sich auch Chancen, die Verhältnisse zu verbessern - zum Beispiel in der Kommunionvorbereitung. "Der Unterricht sollte auch die Eltern der Kommunionkinder einbeziehen, so dass sie auch etwas lernen", erklärt Pfarrer Kleine. Michael Dederichs sieht dies genau so. Für viele Väter und Mütter könne die Feier der Erstkommunion ihrer Kinder der Neubeginn eines Lebens in der Gemeinde sein. "Viele merken bei solchen Gelegenheiten, dass viele Vorurteile über den Gottesdienst gar nicht stimmen - und er sogar spannend sein kann."

Quelle: RP
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