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Oberhausen
Kleidchen für Sternenkinder

Oberhausen. Aus Brautkleidern schneidert eine Oberhausenerin Kleider und Hauben für Frühchen, die die Geburt nicht überlebt haben. Denn sie sind meist so klein, dass es für sie keine passende Bekleidung gibt. Von Emily Senf

In einer Ecke der Küche, direkt unter der Dachschräge, hat sich Nicole Plein eine Nähecke eingerichtet. Auf einem schmalen weißen Tischchen stehen ihre Nähmaschine und zwei Kleiderpuppen, die so klein sind, dass sie nur wenig Platz wegnehmen. Die 38-jährige Oberhausenerin schneidert dort Kleidchen in Größen, die es nicht im Handel zu kaufen gibt. Allerdings nicht etwa für Puppen, was die Maße vermuten ließen, sondern für Frühchen, die nicht überlebt haben.

Vor knapp drei Jahren holten Ärzte Pleins Sohn Frederick per Notkaiserschnitt auf die Welt. Es hatte Komplikationen gegeben, Plein war damals in der 34. Schwangerschaftswoche. Damit kam Frederick rund sechs Wochen vor dem errechneten Geburtstermin auf die Welt. "Er war natürlich ein Goliath unter den Frühchen", sagt seine Mutter. 42 Zentimeter war der Junge lang, wog 2210 Gramm und musste in einem Inkubator aufgepäppelt werden. "Er hat alles gut überstanden", sagt Plein. Doch im Krankenhaus hatte sie Frühchen gesehen, die nicht so viel Glück hatten. "Nicht alle haben es geschafft", sagt sie.

Sternenkinder - so bezeichnet man Kinder, die tot geboren wurden oder nur kurz überlebten - seien nach ihrem Tod in ein Moltontuch (Spucktuch) eingewickelt worden, weil sie für richtige Kleidung zu klein waren, berichtet Plein. "Das ging mir durch Mark und Bein." Sie durchforstete das Internet und stieß auf eine Gruppe in den USA, die "Angel Gowns" (Engelkleider) schneidert: winzige Kleider aus dem Stoff alter Braut- und Abendkleider.

Schnittmuster hatte Plein, die als Sekretärin am Universitätsklinikum Essen (UKE) arbeitet, nicht - genauso wenig wie überhaupt eine Ahnung vom Nähen. Trotzdem legte sie los. Sie kaufte sich eine Maschine, zerschnitt eines ihrer Abendkleider und fertigte einen Entwurf. Weil ihr eigener Stoffvorrat damit schon aufgebraucht war, veröffentlichte sie bei Facebook einen Aufruf, in dem sie um Kleiderspenden bat. "Als ich am nächsten Tag mein Postfach öffnete, hatte ich mehr als 2500 Nachrichten bekommen", berichtet Plein. Noch immer ist sie erstaunt über die Resonanz, dabei war sie in Deutschland nicht die Erste mit der Idee. Nach dem gleichen Konzept arbeitet etwa die Initiative "Himmelskleider" aus Worms.

Mehr als 200 Brautkleider kamen inzwischen in Pleins Küche an. Manche mit, andere ohne Absender, in weiß, pink, blau, rot und schwarz, darunter hochwertige Kleider aus reiner Naturseide. 85 davon haben die Oberhausenerin und ihr 20-köpfiges Team, für das sich via Internet Ehrenamtliche aus Deutschland und Österreich zusammengefunden haben, verarbeitet. "An weiteren fünf sind wir gerade dran", sagt sie. "Und 500 Kleider stehen noch auf der Warteliste."

Wer will, kann erfahren, was aus seiner Kleiderspende geworden ist. Sofern der Name und ein Kontakt genannt wurden, erhalten die Frauen von Plein Fotos der Dinge, die aus ihren Brautkleidern hergestellt wurden. Einer weltweiten Statistik zufolge werden in Deutschland 9,2 Prozent aller Kinder zu früh geboren. Damit liegt die Bundesrepublik international auf Rang 79, die Zahlen sind schlechter als in vielen Nachbarstaaten. Zahlen, wie viele der Frühchen in Deutschland überleben, gibt es nicht.

Jedes Kleid bietet je nach Größe und Schnitt Stoff für drei bis acht Sets - das sind ein Kleidchen, eine Haube und ein Beutel, in dem die Eltern Erinnerungsstücke wie das Namensarmband aufbewahren können. Für die kleinsten Sternenkinder, die vor der 20. Schwangerschaftswoche auf die Welt kommen, fertigt das Team Schiffchen aus weichem Stoff, in welche die weniger als zehn Zentimeter großen Kinder in ein Tuch gewickelt gelegt werden.

Angela Köninger, Leitende Oberärztin in der Geburtshilfe am UKE, begrüßt Pleins Engagement. "Mit den Kleidern verleiht man den Kindern Würde", sagt sie. Es käme immer wieder vor, dass Eltern, die ein Frühchen verloren haben, dem Krankenhaus selbstgefertigte Kleider bringen. "Aber es ist schön, dass wir jetzt so viele auf einmal haben." 60 Stück hat Plein dem UKE gespendet. Die anderen gingen an weitere Krankenhäuser in Essen und Oberhausen.

Seit 2003 dürfen Eltern in NRW ihr Sternenkind auf einem Friedhof bestatten lassen. Zuvor sah das Landesgesetz über das Friedhofs- und Bestattungswesen ein Mindestgewicht von 500 Gramm vor. Sollten sie das jedoch nicht wollen, ist die Klinik oder der Träger verpflichtet, Tot- und Fehlgeburten "unter würdigen Bedingungen zu sammeln und zu bestatten", heißt es im Gesetz. "Sie übernehmen auch die Kosten", sagt Christian Jäger, Geschäftsführer des Bestatterverbands NRW.

Mit Plein selbst sind es im Team vier Frauen, die die Kleidchen nähen. Die anderen kümmern sich um die Organisation. Es gab weitere Interessentinnen, die bei der Fertigung helfen wollten, aber die gaben nach kurzer Zeit wieder auf. "Verständlich", sagt Plein, die versucht, nicht über jedes der Sternenkinder-Schicksale nachzudenken. Zum Nähen gehöre viel Kraft. "Man darf nicht vergessen: Wir nähen Totenkleider."

Quelle: RP
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