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Krefeld
Löste Trennung vom Mann die Tragödie aus?

Staatsanwalt: erste Erkenntnisse zu Drama in Krefeld
Krefeld. Familiendrama in Krefeld-Hüls: Eine Mutter soll ihre Kinder aus dem zweiten Stock geworfen haben. Ein Radfahrer fand das Mädchen und die zwei Jungen auf dem Bürgersteig. Von Joachim Niessen und Christian Schwerdtfeger

Es ist 4.45 Uhr, als ein Fahrradfahrer gestern Morgen vor einem Wohnhaus in Krefeld-Hüls eine schreckliche Entdeckung macht: Drei Kinder, ein Mädchen und zwei Jungen, liegen mit lebensgefährlichen Verletzungen vor dem Gebäude auf dem Gehweg. Der Mann verständigt sofort Polizei und Rettungskräfte. Es stellt sich heraus, dass die 33-jährige Mutter sie wohl aus dem zweiten Stock des Hauses geworfen hat. Die Beamten nehmen die Frau, die ebenfalls schwer verletzt ist, in ihrer Wohnung fest. Die Ermittler gehen davon aus, dass sie versucht hat, sich das Leben zu nehmen. Die Kinder im Alter von drei, fünf und sechs Jahren werden ins Krankenhaus gebracht.

Zum Tathergang hat die Beschuldigte bei ihrer Vernehmung bislang keine Angaben gemacht. Sie stehe, erklärt ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Krefeld, aber unter dringendem Tatverdacht, ihre Kinder aus dem Fenster geworfen zu haben. Was in der Wohnung genau geschehen ist, wollen die Ermittler noch nicht sagen. Ebenfalls unklar ist, wie die Frau versucht hat, sich selbst zu töten. Eine Beteiligung Dritter schließen die Ermittler bisher aber aus.

Fest steht bislang, dass die Frau alleine in der Dachgeschosswohnung gewesen ist, als die Polizisten sie gestern Morgen festgenommen haben. Sie hat dort nach der Trennung von ihrem Mann offenbar alleine mit den drei Kindern gewohnt. Anwohner berichten, dass sie erst vor drei Jahren mit ihrem Mann in die Wohnung, die sich oberhalb einer ehemaligen Gaststätte befindet, gezogen ist. Es ist eine gepflegte Wohngegend mit vielen Einfamilien- und Doppelhäusern. Wieso sich das Paar getrennt hat, ist bislang nicht bekannt - wohl aber, dass der Vater der Kinder sich anschließend nur 100 Meter entfernt von seiner Familie eine eigene Wohnung genommen hat.

In der Nachbarschaft sitzt der Schock tief. Eine Anwohnerin ist um 4.30 Uhr durch "ungewöhnliche Geräusche", wie sie es nennt, wach geworden. Auch ein 16-Jähriger sagt, er hätte dreimal einen Aufprall gehört und sei davon aus dem Schlaf gerissen worden. "Ich wusste im ersten Moment nicht, was das war." Auch Nachbarin Hildegard S. hört etwas. "Ich dachte, es wäre das Wimmern von jungen Katzen." Dann blickt sie aus dem Fenster. "Da war der Radfahrer bei den Kindern, die auf dem Boden lagen. Dann kam auch schon ein Großaufgebot von Polizei- und Rettungswagen."

Anwohner berichten, dass die Frau nach dem Auszug ihres Mannes immer verschlossener geworden sei. In der Folge kündigt die 33-Jährige, die bis dahin als beliebt und gesellig gegolten hat, mehreren Bekannten offiziell die Freundschaft und zieht sich immer weiter aus dem öffentlichen Leben zurück. Ihre Freunde wissen nicht, wieso sie das tut. Einen Grund für ihren Rückzug nennt sie offenbar nicht.

Für Gerd Reimann vom Bundesverband deutscher Psychologen ist dieses Verhalten typisch für Menschen, die mit dem Gedanken spielen, sich das Leben zu nehmen. "Es ist ein eindeutiges Alarmsignal, wenn eine Person plötzlich jeglichen Kontakt zu ihrem Umfeld abbricht", sagt der Diplom-Psychologe. "Sie wollen mit niemanden mehr etwa zu tun haben und entwickeln eine Egal-Haltung", erklärt Reimann. Weitere Warnsignale seien, dass die Kinder vor so einer Tat aus der Schule genommen werden. Manchmal gebe es aber auch Ankündigungen des Täters, er werde die Familie mit in den Tod reißen.

Bei einer Tat wie in Krefeld sprechen die Experten von einem erweiterten Suizid. "Die betroffene Person will nicht nur sich selbst das Leben nehmen, sondern auch noch den eigenen Kindern, weil sie denkt, dass nach dem eigenen Ableben niemand mehr da sein wird, der sich um sie kümmern kann", so Reimann. Eine solche Tat sei auch keine Kurzschlusshandlung, sondern lange geplant. Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) bestätigt, dass oft Trennungsdramen der Auslöser für erweiterte Suizide in Deutschland sind.

Für Psychologen gibt es drei Ursachen, die ein solches Verbrechen an der eigenen Familie auslösen. Erstens: Depressionen beziehungsweise schwere Psychosen, die etwa durch Zukunftsängste und eingeredete Perspektivlosigkeit verursacht werden. Zweitens: religiöse Motive. Drittens: lebensbezogene Ereignisse wie die Trennung vom Partner - und das könnte in Krefeld der Fall gewesen sein.

Nachbarin Martina Schulze will vor der Tragödie noch einen Streit in der Wohnung gehört haben. "Vielleicht hätte ich anders reagieren und aufstehen müssen. Vielleicht hätte ich noch was verhindern können", sagt die 50-Jährige und weint.

Quelle: RP
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