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Düsseldorf
Chinas Kunst des kreativen Abkupferns

Düsseldorf. Neun Museen an Rhein und Ruhr stellen Gegenwartskunst aus China vor. Der Eindruck: Noch gehen von dort zu wenig Impulse aus. Von Bertram Müller

Zwei grobschlächtige Figuren aus Stahl hocken vor dem Duisburger Lehmbruck-Museum. Eine hält sich die Hände vors Gesicht, die andere fasst sich lachend an die Stirn. Der Chinese Yue Minjun nimmt mit seinen wuchtigen plastischen Selbstporträts die westliche Vorstellung von seinen dauerlächelnden Landsleuten auf die Schippe und drückt im Lachen zugleich seine eigene hysterische Verzweiflung aus. Angeblich erfährt Yue Minjun mit solch plakativer Kunst weltweit Anerkennung.

Das Rheinland und vor allem das Ruhrgebiet sind derzeit fast überschwemmt von chinesischer Kunst der Gegenwart. In acht Städten bitten neun Museen zum Blick gen Fernost. Wer der Einladung folgt, schaut oft in einen Spiegel der westlichen Kunst - mit dem Unterschied, dass Konzept-Kunst und Pop-Art sich chinesischer Themen bemächtigen.

Gerade wenn chinesische Kunst der Moderne in die Nähe der europäischen Avantgarde tritt wie im Lehmbruck-Museum, fällt auf, wie sehr sie noch immer westlichen Vorbildern nacheifert. Unter normalen Umständen hätte ein Yue Minjun vermutlich nicht Eingang in dieses Museum gefunden, weil er wie die meisten anderen chinesischen Künstler der Gegenwart den internationalen Maßstäben des Hauses nicht genügt. Beim Projekt "China 8" allerdings sind diese Maßstäbe offenkundig außer Kraft gesetzt.

Der Grund: Die Bonner Stiftung für Kunst und Kultur hat den Museen im Verbund mit dem Unternehmen Evonik und der Brost-Stiftung die Ausstellungen unentgeltlich angeboten. Und die haben zugegriffen. Dass ein Museum eine Schule des Sehens sein sollte und nicht nur ein Ort der Information, darüber haben sie sich hinweggesetzt. Sicherlich nicht zufällig hat sich in Düsseldorf weder die Kunstsammlung NRW noch das Museum Kunstpalast an dem Zyklus beteiligt, sondern lediglich das NRW-Forum Kultur und Wirtschaft, ein Ort, der sich dem Design, der Mode und vielen anderen Themen verschrieben hat, nicht aber den Königsdisziplinen der bildenden Kunst.

Auch vor dem NRW-Forum hat sich eine Plastik Yue Minjuns breitgemacht. Das Innere des Ausstellungshauses bietet Kostproben dessen, was in den übrigen "China 8"-Museen zu sehen ist: Malerei, Plastik, Installation, Fotografie und Video-Kunst.

Noch am überzeugendsten wirkt der Beitrag des Museums Folkwang in Essen. Er befasst sich einem angesehenen Schwerpunkt des Hauses entsprechend mit Fotografie und legt anhand dieses Genres zumindest dar, dass China das Stadium von Propaganda-Kunst hinter sich gelassen hat. Zahlreiche Arbeiten befassen sich mit den nachteiligen Folgen einer überstürzten Verstädterung Chinas. Ebenso hat der Drang nach Freiheit Ventile geöffnet. Unverblümt äußert er sich in Zitaten weltberühmter westlicher Kunst, etwa in Delacroix' Gemälde "Die Freiheit führt das Volk" oder - ins Negative gewendet - in Gericaults Bild "Das Floß der Medusa". Selbst Pornografie scheint kein Tabu mehr zu sein. In einer Video-Arbeit kopulieren Paare auf einer Leinwand im Großformat.

China zeigt sich an Rhein und Ruhr in künstlerischer Hinsicht von einer liberalen Seite, doch ästhetisch richtungweisende Ansätze sucht man weitgehend vergeblich. Die lebensgroßen Fiberglasfiguren der Künstlerin Xiang Jing im Lehmbruck-Museum wirken wie Kunsthandwerk, allein Xu Bing sticht durch originelle Bildfindungen hervor. Der in Peking und New York lebende Künstler hat aus einer halben Million Zigaretten einen 15 Meter langen, fünf Meter breiten Teppich zusammengesetzt, der an das Fell eines Tigers denken lässt. Die Fleckung weiß - hellbraun kommt dadurch zustande, dass ein Teil der aufgerichteten Zigaretten mit dem Filter nach oben zeigt, der andere mit dem Papier. Im Kunstmuseum Gelsenkirchen beweist Xu Bing zudem, dass er fähig ist, aus der chinesischen Tradition ins 21. Jahrhundert aufzubrechen - indem er einen der berühmtesten Berge Chinas durch einen Leuchtkasten eine neue Gestalt annehmen lässt.

Nicht in allen Sparten der chinesischen Kunst sind solche Rückgriffe möglich. Das Duisburger Museum Küppersmühle breitet Malerei aus. Und das ist ein Genre, das Missionare erst im 19. Jahrhundert nach China brachten. Viel ungegenständliche Kunst ist dort zu sehen. Bei näherer Betrachtung erweist sie sich allerdings meist als lediglich ornamental. Von Verdichtung, Vergeistigung ist wenig zu spüren.

Zudem füllen dekorative Tierpanoramen von Yan Pei-Ming ganze Wände: Elefanten, Affen, Löwen und Büffel. Viele reißen ihre Mäuler auf und demonstrieren ihren Willen zum Überleben. Sexuelle Motive dagegen spielen in dieser Ausstellung anders als in der West-Kunst kaum eine Rolle.

Die chinesische Kunst der Gegenwart - dieser Eindruck drängt sich bei "China 8" auf - arbeitet heftig daran, gegenüber dem Westen aufzuholen. Jetzt käme es darauf an, hier und da auch einmal auf die Überholspur zu wechseln. Damit aber tut sich diese Kunst schwer - es sei denn, das Auswahlgremium aus westlichen und fernöstlichen Experten hätte uns etwas vorenthalten. Das zu beurteilen, entzieht sich dem Blick aus weiter, weiter Ferne.

Quelle: RP
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