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Serie: Architektur im Rheinland
Die Baukultur der Zeche Zollverein

Serie: Architektur im Rheinland: Die Baukultur der Zeche Zollverein
Die Zeche Zollverein in Essen. FOTO: Reinicke, standOut.de
Essen . Unsere Serie beginnt mit einem bedeutenden Industriedenkmal: dem Weltkulturerbe Zollverein in Essen. Von Bertram Müller

Der Umbau war umstritten. Als die Essener Zeche Zollverein 1986 nach 55 Betriebsjahren stillgelegt und zehn Jahre danach in ein kulturelles Zentrum der Ruhr-Region verwandelt wurde, gab es Protest. Nicht etwa weil die früheren Mitarbeiter mit der neuen Verwendung nicht einverstanden gewesen wären, sondern weil Vertreter des Denkmalschutzes Bedenken vortrugen. Selbst als Zeche und Kokerei Zollverein bereits in die Liste des Unesco-Kulturerbes aufgenommen waren, hatte der damalige NRW-Kulturminister Michael Vesper seine liebe Mühe, den Umbau zu verteidigen. Zeitweise drohte sogar die Aberkennung des ehrenvollen Titels.

Vor allem der aufwändige Umbau der einstigen Kohlenwäsche nach Entwürfen des niederländischen Architekturbüros OMA durch Floris Alkemade und Böll Architekten rief Kritik hervor. Denn die neue Nutzung des Industriegebäudes als Heimstatt des Ruhr-Museums hatte ihre Tücken. Die technischen Einbauten gerieten in den Hintergrund und wurden teilweise verdeckt, so dass sich der Ablauf der Kohlenwäsche, in der das "schwarze Gold" von störendem Gestein getrennt wurde, nicht mehr unmittelbar dem Augenschein erschloss. Anstoß erregte zudem die Errichtung einer 55 Meter langen Gangway vor dem Museum, die sich stilistisch an die bestehenden Förderband-Brücken anlehnt, aber doch einen Fremdkörper bildet. Die steile Rolltreppe führt die Gäste auf 24 Meter Höhe ins Besucherzentrum und von dort ins Ruhr-Museum. Dessen Schaustücke erzählen auf mehreren Etagen die Geschichte des Ruhrgebiets von der Entstehung der Kohle über das christliche Mittelalter bis in die Gegenwart.

Die kritischen Stimmen sind längst verstummt. "Zeche Zollverein" zählt heute zu den touristischen Attraktionen Nordrhein-Westfalens. Vor allem der fotogene Förderturm von Schacht XII mit dem Fraktur-Schriftzug "Zollverein" hat den Ruhm des Industriedenkmals weit über das Ruhrgebiet hinaus getragen.

Welterbe in Deutschland FOTO: dpa, jg fdt mjh

Daneben gibt es eine Anzahl weiterer Bauten, die aus dem Zeitalter der Maloche in dasjenige der Freizeitkultur überführt worden sind. Norman Foster, der britische Architekt, dem die Bundesrepublik die gläserne Kuppel des Reichstags verdankt, hat das ehemalige Kesselhaus der Zeche in ein Design-Museum verwandelt. Auch in diesem Fall kann man sich kaum noch vorstellen, welche Funktion das Gebäude vor seinem Umbau hatte. Die Objekte jedenfalls, die das "red dot design museum" zur Schau stellt - preisgekrönte technische Geräte wie Toaster und Waschmaschinen, aber auch Essgeschirr und Fahrräder -, kommen inmitten von Rohren und altertümlichen Schaltern glänzend zur Geltung.

Victoria an der Zeche Zollverein in Essen FOTO: dpa, Rolf Vennenbernd

Knapp jenseits des einstigen Zechengeländes erhebt sich seit 2006 ein markanter Kubus, den man heute ebenfalls zur Zeche Zollverein rechnet. Für ein Grundstück neben dem Haupteingang hat das Tokioter Architekturbüro Sanaa einen hellen Kubus entworfen, der zunächst als Domizil der Privathochschule "Zollverein School of Management and Design" diente, dann aber nach deren finanziellem Scheitern auf die Folkwang-Universität der Künste überging.

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Der 35 mal 35 mal 34 Meter messende Würfel zeichnet sich vor allem durch seine Transparenz aus. An einigen Stellen kann man von außen durch das Gebäude hindurch auf die dahinterliegenden Bauten blicken. Eine weitere Besonderheit ist die Wärmedämmung des Sanaa-Kubus. In die lediglich 25 Zentimeter dicken Wände ist ein 3000 Meter langes Schlauchsystem einbetoniert. Durch dieses System fließt etwa 28 Grad warmes Wasser, das auf dem Zechengelände ohnehin täglich hochgepumpt werden muss, da der gesamte Bereich sonst überflutet wäre.

Im Übrigen fällt der Bau vor allem durch seine wie zufällig über die Fassaden verteilten, nach außen rahmenlosen Fenster auf. Dahinter steckt ein System: eine Tageslichtsimulation, die unter anderem die Ausrichtung, die Geschosshöhe und die möglichen Ausblicke berücksichtigt. So befinden sich die meisten Fenster an der Ecke, von der man auf das Gelände der Zeche schaut. Quadratische Innenhöfe erfreuen diejenigen, die dort arbeiten dürfen.

Als sonderlich alltagstauglich hat sich der Kubus allerdings nicht erwiesen. Die Betriebskosten liegen auf dem üblichen Niveau, für den Lehrbetrieb lassen sich die Geschossflächen nur bedingt nutzen. Die Lokalpresse urteilte seinerzeit, "dass der Würfel zwar sehr schön ist, aber eigentlich zu nichts nutze".

Auf dem ehemaligen Industriegelände hinter dem Ruhr-Museum, der einstigen Kokerei, warten seit Jahren noch zahlreiche Immobilien aus der Bergbau-Zeit auf eine neue Nutzung. In einem "Tatort"-geeigneten Ambiente aus stillgelegten Schloten und rostenden Rohren sollen dereinst Bürogebäude entstehen. Doch ganz leicht scheint die Vermarktung nicht zu sein, obwohl der Name "Zeche Zollverein" längst zum Markenzeichen geworden ist - spätestens seit dort der damalige Bundespräsident Horst Köhler das Programm des Kulturhauptstadt-Jahrs 2010 mit einem Fest eröffnete und Herbert Grönemeyer erstmals seine Kohlenpott-Hymne "Komm zur Ruhr" zum Besten gab.

Quelle: RP
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