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Museums Morsbroich in Leverkusen
Die Kunst der Selbstinszenierung

Leverkusen. Interieur als Porträt - darum geht es von Sonntag an in einer aufwändigen Ausstellung des Museums Morsbroich in Leverkusen. Ihre Quintessenz: Mehr Menschen denn je legen heute Wert auf Selbstvergewisserung. Von Bertram Müller

Was ist da los: Der Sozialstaat bietet den Leuten hierzulande ein bislang kaum gekanntes Maß an Sicherheit, doch viele zeigen sich verunsichert. Vor den Themen Völkerwanderung, Klimawandel, Krieg im Nahen Osten und Globalisierung ziehen sie sich ängstlich in die eigenen vier Wände zurück. So etwas gab es schon immer. Eines aber hat sich geändert: Die Wohnung gilt nicht mehr nur als Rückzugsort, sondern zugleich als Ausgangspunkt einer Selbstvergewisserung: Mit der Gestaltung meiner Wohnung will ich mir und den anderen meine Einzigartigkeit beweisen. Da fehlt nur noch ein Selfie für die Außenwelt.

Im Leverkusener Museum Morsbroich hat sich Kurator Fritz Emslander zusammen mit Künstlern als Inneneinrichter betätigt. Bildnisse von Menschen sucht man in den Gemächern des Barockschlösschens fast vergebens. Doch das Mobiliar spricht Bände - teils aus Fotografien von Wohngelegenheiten, teils auch unmittelbar. Denn die Künstler hatten offenkundig Freude am Möbelrücken.

Der aufwändigste, zugleich fantasievollste Raum ist derjenige des Kölners Claus Richter. Im Stil des Art déco hat er ein Interieur der 20er Jahre entworfen, in dem ein unsichtbarer Vogelnarr zu Hause zu sein scheint. Auf durchweg schwarzem Grund tummeln sich auf Wandteppichen und an schlank aufragendem Kunstgewerbe weiß umrissene, stilisierte Vögel. So könnte es hier ausgesehen haben, als Morsbroich noch bewohnt war. Mit diesem Ambiente aus dem Baumarkt lässt Richter die Figur des Zeichners und Illustrators Alastair (1887-1969) wiederaufleben, der ein Leben als Selbstdarsteller führte. Damit erweist er sich als Vorfahre all derer, die heute ihre Wohnung zur Selbstvergewisserung nutzen: Seht her, wie interessant ich bin!

Das sicherlich teuerste Stück der Ausstellung stammt vom Pop-Künstler Roy Lichtenstein: ein großformatiges Gemälde mit dem Titel "Rote Lampen". Lichtenstein hat bei diesem Motiv eines stämmigen Sofas mit Beistelltisch, den beiden Leuchten und einem Gemälde im Hintergrund vermutlich wie auch sonst auf eine Werbezeichnung aus den "Gelben Seiten" zurückgegriffen. Das amerikanische Ideal ist schlicht: Je dicker das Sofa, je mehr Lampen und je eindrucksvoller die Verschönerung des Zimmers durch ein Kunstwerk, desto höher das Ansehen des Bewohners.

Es geht auch bescheidener. Der Fotograf Ralph Schulz hat in seiner Fotoserie "Bornstraße" den Versuch unternommen, Interieurs aus Sperrmüllmöbeln zu rekonstruieren. So will er den einstigen Bewohnern menschlich auf die Spur kommen.

In weiterem Sinne leistet Robert Haiss detektivische Arbeit. Ihm geht es nicht darum, einzelne Personen abzubilden, sondern ihn interessiert, wie die Menschen ehedem im Schloss Morsbroich lebten. Seine Fantasie entzündet sich an einer Tapetentür, deren einstige Funktion im Dunkeln liegt. In Malereien bildet er den Ort ab, an dem diese Bilder nun hängen - ein raffiniertes Spiel mit der Wirklichkeit.

So tritt man von einem Überraschungsraum in den nächsten. Zu großer Form läuft die Suche nach dem Ich noch einmal in einer Installation des Düsseldorfer Akademie-Professors Andreas Schulze auf. Auch er orientiert sich an der unmittelbaren Umgebung, spiegelt in einem inselhaften Tisch einen Teich vor dem Museum und lässt aus Keramiktöpfen mit menschlichem Antlitz Blumen sprießen. Auf Gemälden an den Wänden ringsum spiegelt sich eine Landschaft, die im Qualm industrieller Großanlagen zu ersticken droht. Der verängstigte Mensch, der aus den Köpfen spricht, ist selbstverständlich der Künstler selbst.

Eine Ausstellung wie "Aufschlussreiche Räume" nähme sich zu ernst, führte sie nicht auch ein Satyrspiel auf. Es gilt einer Sonderform menschlicher Behausung, der Garage. Simone Demandt zeigt in ihren Fotografien, wie sich solch ein Bauwerk einrichten lässt. Ihre Ansichten reichen von der Familiengarage mit allerlei ausgedientem Hausrat über die Tüftlergarage mit Motor- und Fahrrädern bis zur Garage des Pedanten, der Winterreifen und Dachgepäckträger akkurat an die Wände gehängt hat, damit sein heilig's Blechle jederzeit den Platz findet, der ihm gebührt.

Sage mir, wie du wohnst, und ich sage dir, wer du bist - über diese Weisheit geht die Ausstellung wenig hinaus. Doch eindringlich zeigt sie, wie die Wohnung und selbst die Garage zu Ankern in einer Welt geworden sind, in der mancher den Halt, den er braucht, nicht mehr findet.

Quelle: RP
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