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Serie Architektur im Rheinland
Gehrys schunkelnde Neubauten am Rhein

Düsseldorf Medienhafen: Gehrys schunkelnde Neubauten
Links: mit Kalkstein verkleidet. Mitte: mit Edelstahl verkleidet. Rechts: mit roten Klinkern verkleidet. FOTO: Horst Ossinger
Düsseldorf. Der aus drei Hochhäusern bestehende Neue Zollhof im Medien-Hafen zählt zu den Wahrzeichen der Stadt Düsseldorf. Von Bertram Müller

Wo sich heute die Gehry-Bauten grazil gen Himmel recken, duckte sich noch in den 80er Jahren der Alte Zollhof. Das war eine Lagerhalle, die nicht mehr benötigt wurde - jedenfalls nicht zur Lagerung von Gütern. Ein junger Düsseldorfer Kunst-Agent aber entdeckte, dass sich die Halle als Ausstellungsort eignete, und trat den Beweis mit einer vorzüglichen Schau mit Zeichnungen, Skulpturen und Objekten von Joseph Beuys an. Selbst für einen Katalog reichte der Etat. Der Kunst-Agent wollte solchermaßen die Stadt Düsseldorf davon abbringen, den Alten Zollhof zugunsten einer neuen Architektur abzureißen. Vergebens.

An der Stelle, an der der Alte Zollhof stand, ragen heute die drei Türme des Neuen Zollhofs als eines der beliebtesten Düsseldorfer Fotomotive auf. Der aufstrebende Kunst-Agent von einst dagegen liegt am Boden. Er heißt Helge Achenbach.

Ursprünglich waren keine Gehry-Bauten geplant, sondern eine Architektur der aus Bagdad stammenden Zaha Hadid. Sie hatte im Wettbewerb den Zuschlag bekommen, hatte ihren dekonstruktiven Entwurf bereits bis zur Baureife ausgearbeitet, den Bebauungsplan vorangetrieben - doch dann scheiterte das Projekt daran, dass sich die Immobilie vermutlich schlecht vermarkten ließ.

Hier verändert sich der Hafen FOTO: Johannes Bornewasser

Der Düsseldorfer Werbezar Thomas Rempen brachte 1994 den kanadisch-amerikanischen Architekten Frank O. Gehry ins Spiel. Der entwickelte jene drei schrägen Türme, welche "Die Zeit" damals treffend als "schunkelnde Neubauten" titulierte. Damit ist Wirklichkeit geworden, wovon die russischen Avantgardisten vom Beginn des vorigen Jahrhunderts nur träumen konnten: eine dynamische, revolutionäre, über den jahrhundertelang gepflegten rechten Winkel sich hinwegsetzende Architektur, die kühne Form mit Funktionalität verbindet.

Unverkennbar hat Gehry da weitergemacht, wo Russlands Künstler und Architekten abbrechen mussten, als Stalin alle Experimente unterband. Die Postmoderne des Westens baut allerdings nicht auf den ideologischen Gehalt der Avantgarde, sondern sie plündert deren Formenschatz ebenso wie denjenigen des Expressionismus. Ausbruch aus gewohnten Bahnen - so lautet zwar auch hier das Programm, doch es gründet sich nicht auf Gesellschaftskritik. Die Postmoderne ist überwiegend unpolitisch.

Düsseldorf von oben FOTO: © colourFIELD

Gehrys Türme wirken schon allein deshalb wie ein Befreiungsschlag, weil sie der überwiegend langweiligen neueren Architektur in Deutschland - einem Produkt auch zahlloser einschnürender Bauvorschriften - einen heiteren Augenschmaus entgegensetzten. Wo hätte man das schon gesehen: einen architektonischen Organismus, dessen gewundene Außenhaut aus gefalztem Edelstahl besteht; Fenster, die schräg aus der Fassade ragen; Räume mit gerundeten Wänden, die sich angenehm von den hinlänglich bekannten konfektionierten Büros unterscheiden.

Nicht jedes Zimmer lässt die Dynamik der Fassade ahnen; auch ein Gehry kann auf den rechten Winkel nicht durchweg verzichten, schließlich sollen sich die Räume vermieten lassen. Stilistisch wird man Gehrys wehende Wände als einen Fall von Dekonstruktivismus begreifen können. Die Bezeichnung umreißt Tendenzen der Architektur in den 80er und 90er Jahren, das Bestreben, die Widersprüche, Brüche und Beschädigungen der Epoche der Jahrtausendwende darzustellen. Das geschieht allerdings keineswegs durch Nachlässigkeit, sondern - im Gegenteil - durch mathematische Genauigkeit. Die scheinbar zufällige Verteilung der Fenster ist das Ergebnis von Berechnung, den Baukörpern liegt ein 3D-Modell zugrunde, und Zerstörung zeigt sich, wenn überhaupt, von ihrer anmutigsten Seite.

2004: Neuer Zollhof im Düsseldorfer Hafen. FOTO: Stadt Düsseldorf

Haus A ist mit roten Klinkern verkleidet, Haus B mit Edelstahl und das weiße Haus C mit dickem Kalkstein. Bewusst hat Gehry das Edelstahl-Gebäude in die Mitte gesetzt, damit sich die beiden Nachbarn in der Fassade spiegeln. Bei den Passanten mit Handy- und anderen Kameras kommt das Tag für Tag glänzend an. Die Gehry-Bauten machen einfach gute Laune. Von den Bau-Utopien der russischen Avantgarde unterscheiden sie sich vor allem dadurch, dass sie real und alltagstauglich sind. Verpflichtet sind sie keiner Revolution, sondern der Schönheit und dem Business - ganz nach Düsseldorfer Art.

Quelle: RP
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