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Römisch-Germanisches Museum
Köln feiert die antike Ärzteschaft

Römisch-Germanisches Museum: Köln feiert die antike Ärzteschaft
FOTO: dpa
Köln. Was sehen? Was lesen? Was hören? Immer zum Wochenbeginn gibt die Kulturredaktion Empfehlungen auf einer ganzen Seite.  Von Bertram Müller

Eines haben die Kölner den Düsseldorfern voraus: Wer dem Hauptbahnhof den Rücken gekehrt hat, findet sich sofort im Zentrum wieder - im Einkaufs- und kulturellen Mittelpunkt der Stadt. Und weil es dort, zwischen Dom, Museum Ludwig und den romanischen Kirchen, so viel zu erleben gibt, sollte man sich den obligatorischen Stau auf dem Kölner Autobahnring ersparen und gleich per Bahn anreisen. Das hat den Vorteil, dass man auch die Kneipen-Kultur der Altstadt unbefangen testen kann. Zunächst aber ist die Hochkultur an der Reihe - zum Beispiel mit einer großartig unterhaltsamen Ausstellung im Römisch-Germanischen Museum am Dom, die erst seit wenigen Tagen geöffnet ist.

"Medicus - Der Arzt im römischen Köln" Wie Ärzte im römischen Köln zu Werke gingen, davon hinterlässt ein mannshohes steinernes Relief einen Eindruck. Auf dieser Seitenfläche eines monumentalen Grabmals spreizt ein Arzt mit der linken Hand die Wunde eines im Kampf verletzten Kriegers, um sie mit der rechten behandeln zu können (unsere Abbildung). Ein paar Schritte weiter erfährt man, dass chirurgische Eingriffe damals ohne Betäubung vonstatten gingen. Arzneien aus dem Schwarzen Bilsenkraut oder der Mohnpflanze sorgten jedoch für Linderung. Mehrere Gottheiten zieren als Statuen die Schau. Auch von ihnen versprachen sich die Patienten Hilfe. Asklepios, auf römisch Aeskulap, der Patron der Heiler, war fürs Militär zuständig. Als römische Kopie einer griechischen Statue hält er in seiner Linken ein Bündel lindernden Lorbeers, das ihm allerdings erst die Neuzeit in die Hand drückte. Eine in Spiritus eingelegte Äskulapnatter erinnert daran, dass er im Jahr 293 v. Chr. in Schlangengestalt von Epidauros nach Rom gelangt sein soll. Zu dieser Zeit hatte der griechische Arzt Hippokrates längst seine in der Ausstellung zitierte ärztliche Ethik formuliert.

Ob der Eid allerdings wirklich auf ihn zurückgeht, daran zweifelt die Wissenschaft. Mehr als auf Hippokrates und Asklepios schworen die Römer am Rhein ohnehin auf heimische Quell- und Heilgötter wie zum Beispiel Sirona, deren Statue im Hunsrück gefunden wurde. Der Beistand der Götter war damals nötig, weil die Medizin noch ein Abenteuer war. Ein chirurgisch geöffneter Schädel aus einem Kölner Gräberfeld mit einem Loch über der Schläfe kündet davon, dass vieles schiefging. Scharfe, nicht verheilte Wundränder deuten darauf hin, dass der wegen eines Tumors oder starker Kopfschmerzen behandelte Patient den Eingriff nicht überlebte. In mehreren Vitrinen liegt das Besteck aus, mit dem die Ärzte hantierten: antike Knochenheber, Wundhaken, Skalpelle und Löffelsonden. All das sind Grabfunde.

400 Jahre römischer Geschichte in Köln müssen viele Hundert Mediziner hervorgebracht haben. Griechische Namen deuten auf ihre Herkunft. Auch ein Pharmazeutengrab hat seine Schätze offenbart: einen einzigartigen Satz von Glasgefäßen, teilweise mit Inhalten, die selbst das Schimmelstadium schon weit hinter sich gelassen haben. So taucht man ein in eine Welt, die im Übrigen großen Wert auf Hygiene und Schönheitspflege legte und dafür die nötigen Mittelchen bereithielt. Auch davon erzählt die Ausstellung höchst plastisch (bis zum 1. November; täglich, außer montags, von 10 bis 17 Uhr; Eintritt: neun Euro, ermäßigt fünf Euro).

"Monika Bartholomé: Museum für Zeichnung" Sobald man das ebenfalls in der Innenstadt gelegene Kolumba-Museum an der gleichnamigen Straße betritt, bricht der Straßenlärm ab, und es wird still. Das ist das richtige Ambiente, um die 50 Zeichnungen im Original zu erleben, welche die aus Neukirchen-Vluyn stammende Kölner Künstlerin Monika Bartholomé für das neue "Gotteslob" anfertigte, das Gesangbuch der katholischen Kirche. Mit Bleistift und schwarzer Tusche hat sie sparsame Zeichen aufs Papier geworfen, die der Fantasie einen weiten Raum eröffnen. Das eine Zeichen mag Geborgenheit, das andere Offenheit bedeuten - nur das traditionelle Kreuz fehlt, und das hat der Zeichnerin manche Kritik eingetragen. Im musealen Umfeld aber entfalten diese Zeichen ihre ganze Kraft - und sind eingebettet in ein "Museum für Zeichnung", in dem Bartholomé ein visuelles Archiv eingerichtet hat. Es umfasst Kinderbücher, Fundstücke, Zeitungsartikel, Fotografien und Postkarten und lädt an schlichten weißen Tischen auf ebensolche Stühle zum Schauen und Denken ein (bis 24. August; täglich, außer dienstags, von 12 bis 17 Uhr; Eintritt: fünf Euro, bis 18 Jahre frei).

"Alibis: Sigmar Polke. Retrospektive" Auf dem Weg zurück zum Hauptbahnhof oder zum Rheinufer mit seinen zahllosen Restaurants kann man noch im Museum Ludwig einkehren. Doch Vorsicht: Wer die Retrospektive zum Werk des Kölner Künstlers Sigmar Polke (1941-2010) betritt, hat sich einiges vorgenommen. Die Schau ist riesig und führt von seinen berühmten ironischen Rasterbildern bis zu seinen sich auch heute noch chemisch verändernden Malereien. Zu den Ikonen der Schau zählt das Gemälde "Freundinnen" von 1965/66, ein Rasterbild, das links die Schauspielerin Elke Sommer, rechts daneben vermutlich ihre verstorbene Kollegin Sylva Koscina in einer Filmszene zeigt - als "sexy Mörderinnen", wie die Werbung es formulierte. Immer wieder griff Polke auf Fotografien aus Zeitungen zurück. Wie Gerhard Richter hatte er früh die medial vermittelte Welt als Thema für sich entdeckt (bis 30. August; Di.-So. 10-18 Uhr; Eintritt: 14 Euro, ermäßigt neun Euro).

Essen und Trinken Apropos Gerhard Richter: Der Wahlkölner verriet uns einmal, in welchen Restaurants er zuweilen tafelt. Dazu zählt eines ganz in der Nähe des Hauptbahnhofs: das Luciano (Marzellenstraße 68-70). Wenn Richter dort verkehrt, darf man getrost Qualität erwarten. Besonders beliebt ist das Café Reichard mit seiner Terrasse, die einen Blick auf den Dom bietet. 1966 erwarb der Westdeutsche Rundfunk das Gebäude und ließ es nach den Plänen des Architekten Friedrich Wilhelm Kraemer nahezu originalgetreu im neugotischen Stil wiederherstellen. 1986 kam ein Glaspavillon hinzu. Das Café preist sich selbst als eines der schönsten Caféhäuser Europas. Wer Prominenz und Halbprominenz aus dem benachbarten WDR erleben will - dort ist er bestens aufgehoben.

Quelle: RP
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