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Köln
Kolping – ein Priester der Arbeiter

Köln: Kolping – ein Priester der Arbeiter
Adolph Kolping (1813-1865) - Priester und Sozialreformer FOTO: dpa, -
Köln. Vor 200 Jahren wurde in Kerpen jener Mann geboren, der mit ersten Gesellenvereinen den Grundstein legte zum weltweit tätigen Kolpingwerk. Von den Christen forderte er nichts Geringeres als eine Verantwortung für die Welt. Von Lothar Schröder

Wer nur den Lebensweg von seiner Wiege bis zur Bahre bemisst, wird das Werk dieses Menschen nicht begreifen können. Denn die wenigen Kilometer zwischen Kerpen – dem Geburtsort von Adolph Kolping vor 200 Jahren – und seinem Todes- und Begräbnisort Köln lassen nicht einmal ansatzweise erkennen, dass der von ihm geförderte Verein heute in 61 Ländern vertreten ist und 400 000 Mitglieder hat.

Das nach ihm benannte Kolpingwerk ist in der katholischen Kirche bis heute einzigartig. Es ist das sozialethische Kind seiner Zeit und hat diese doch trotzig überdauert. Denn ohne die im 19. Jahrhundert machtvoll einsetzende Industrialisierung war die Gründung von Kolpings Gesellenvereinen kaum denkbar. Sie waren eine Antwort auf die Frage, die die Welt moderner Arbeitsprozesse weitgehend unbeantwortet ließ: die soziale Frage, die das Leben jener Menschen begreift, die unsanft ins Räderwerk der Industrie geraten waren und deren Existenz zum Kapital und deren Arbeit nach Mehrwert bemessen wurde.

Der junge Kaplan Adolph Kolping erlebte das Schicksal der Menschen in Wuppertal, einer der damaligen Industriemetropolen: "Der Mensch ist wie die Maschine", schreibt er. "Stockt die Arbeit, stehen beide still, sind beide abgenutzt, setzt man beide zur Seite oder wirft sie in die Rumpelkammer."

Kolping ging es ums Elend der Handwerksgesellen; er wusste, wovon er sprach. Der Sohn eines Lohnschäfers war selbst als Schustergeselle durchs Land gezogen. Es wurde ein Stigma. Als er dem Pfarrer seiner Heimatgemeinde in Kerpen von den Plänen eines Theologiestudiums erzählte, soll dieser selbstgefällig entgegnet haben: "Schuster, bleib bei deinen Leisten."

Adolph Kolping war aber nicht der Gründer dieser Einrichtung. Diese Ehre gebührt dem Lehrer Johann Gregor Breuer, der 1846 in Elberfeld den ersten Gesellenverein aus der Taufe hob. Kolping aber war es, der weitere Vereine ins Leben rief, der den Verband gründete und damit über den Ort hinaus zu denken begann. Mit der ersten Generalversammlung 1850 in Düsseldorf zeichnete sich dieser Weg ab.

Zum Vorteil seines Wirkens wurde, dass Kolping glänzend vernetzt war; er sprach auf den damals noch jungen Katholikentagen, und er wurde ein wirkmächtiger Publizist: unter anderem als Journalist für das "Rheinische Kirchenblatt", als Herausgeber des "Katholischen Volkskalenders" und als Gründer der "Rheinischen Volksblätter".

Kolping war ein Rastloser; nur 16 Jahre blieben ihm bis zu seinem Tod 1865, sein Werk voranzutreiben. So ging der frühere Handwerksgeselle erneut auf Wanderschaft; diesmal aber wurde er Nutznießer einer neuen Mobilität. 1857 notierte er: "Es ist wahr, man könnte aussteigen, zu Fuß in das Land hineingehen und nach Herzenslust sich umschauen. Aber man tut's eben nicht, weil man mit der Eisenbahn reist, die ihre Passagiere so eilfertig macht, dass diese sich endlich noch über jede Minute ärgern, die sie über die vorgeschriebene, möglichst knappe Zeit an irgendeiner Station müssen verweilen." Zu Beginn der 1850er Jahre reiste er nach Breslau und Berlin, Wien und Prag, er war in Venedig und Paris, Budapest, Triest und in der Schweiz. Kolping liebte das Reisen mit durchaus touristischem Interesse. Und Höhepunkt war Rom, waren die Heilige Stadt und die Audienz bei Pius IX.

Für den rheinischen Priester war der Bischof von Rom der "hehre Statthalter Christi"; er träumte vom großen Kirchenstaat, vom Einklang weltlicher und geistlicher Macht. Auch darin spiegelt sich sein unbedingtes, radikal erscheinendes Glaubensverständnis. Das Evangelium war für ihn nicht allein ein Glaubens-, sondern auch ein Lebenssystem. Das Christentum als "göttliche Weltwahrheit"; denn: "Ohne ein kräftiges, lebendiges Christentum ist es mit dem Menschen nichts und wird es auch nichts." Und er forderte etwas Ungeheures: eine Art Weltverantwortung der Christen – zu einer Zeit, als das Verständnis der Welt kaum über Europa hinausreichte.

Auch an seinem 200. Geburtstag fällt es schwer zu sagen, was Adolph Kolping für Kirche und Gesellschaft war und ist: ein sozialethischer Reformer oder ein Arbeiterführer im Priestertalar. Zumindest mag es nicht überraschen, dass die Erzbischöfe von Köln und Wien zunächst wenig Gehör in Rom fanden, als sie in den 1930er Jahren die Seligsprechung Kolpings betrieben. Der Kurie fehlte es dafür bei diesem Mann des konkreten Wirkens an übersinnlichen Wundern. Einer, der im Vatikan Kolpings Verdienste besser zu würdigen wusste, was Johannes Paul II., der bereits 1980 Kolpings Grab in der Kölner Minoritenkirche besucht hatte und ihn 1991 auch seligsprach. Da brauchte es kein Wunder mehr, da reichten Taten als Botschaft, die für den Papst aus Polen eine "Alternative zur marxistischen Gesellschaftstheorie" war. Nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Regime zeigte die Kirche mit Kolping, dass es ihr ernst ist mit der Not der Menschen.

Quelle: RP
 
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