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Düsseldorf
Mephisto – ein düsteres deutsches Kapitel

Premiere in Düsseldorf: Mephisto – ein düsteres deutsches Kapitel
Expressiv: Moritz Führmann in der Rolle seines Lebens. Als Gustav Gründgens im Höfgen-Hemd besteht er im Düsseldorfer Schauspielhaus. FOTO: Sebastian Hoppe
Düsseldorf. Bewegende Premiere von Klaus Manns Roman im Düsseldorfer Schauspielhaus. Die Bravos galten dem Hauptdarsteller. Von Annette Bosetti

Deutschstunde im Düsseldorfer Schauspielhaus: Die dritte Premiere der jungen Spielzeit führt abermals zurück in die jüngste Vergangenheit, in ein besonders düsteres Kapitel Deutschlands. In die Zeit, als die Nationalsozialisten die Welt das Fürchten lehrten und Millionen Menschen ermordeten. Wieder lädt das Theater zur Zeitreise ein. Wieder bietet es einen dramatisierten Roman. Wie schon bei der Uraufführung von Hans Pleschinskis Stück "Königsallee" gilt auch hier: Je mehr man schon weiß, desto mehr versteht man.

Klaus Manns Roman "Mephisto" kennen belesene Menschen. Das Buch durfte in Deutschland erst 1981 gedruckt werden. Da war die Erstfassung 45 Jahre alt, und der Suizid des Sohnes von Thomas Mann lag 32 Jahre zurück. Der Rechtsstreit ist bis heute nicht beendet. Hatte Klaus Mann mit seiner Figur Hendrik Höfgen den großen Schauspieler, Regisseur und Intendanten Gustaf Gründgens in seinen Persönlichkeitsrechten verletzt? Klaus Mann setzte ein Statement ans Ende von knapp 400 Taschenbuchseiten: "Alle Personen dieses Buches stellen Typen dar, nicht Porträts." Und doch erkennt jeder sogleich, im Buch wie auch in dieser beeindruckenden Bühnenfassung von Thomas Schulte-Michels, dass der gebürtige Düsseldorfer Gustaf Gründgens die Form liefert, aus der Hendrik Höfgen gebacken wurde.

Gründgens (1899 - 1963) war die vielleicht zwielichtigste und zugleich schillerndste Theaterfigur einer ganzen Ära. Dieser deutsche Charakter wird nun an dem nach ihm benannten Platz neu durchleuchtet und bewertet. Er war zwei Mal verheiratet, mit Erika Mann und Marianne Hoppe, gleichzeitig lebte er heimlich seine homoerotische Neigung aus, was im Roman wie auf der Bühne stellvertretend durch die besessene Liebe zu einer farbigen Frau dargestellt wird.

Gründgens stieg im NS-Reich auf der Karriereleiter nach oben. Gleichzeitig versuchte er, Schauspielkollegen mit jüdischen Wurzeln zu beschützen. Ob er gut oder schlecht war, ein Wendehals oder kaltschnäuziger Karrierist, vermag abschließend niemand zu sagen. Eine seiner großen Rollen war die des "Mephisto", eine Rolle, die er unbedingt haben wollte auf seinem Weg zu einem der berühmtesten Mimen seiner Zeit. Schauspielkollegen urteilten damals über ihn: "Er ist von allen der verkommenste ... er ist der schwarze Satan."

Das Theater ist Hort der Kunst und ungeliebter Unruheherd für jede politische Ideologie. Im Bauch des Theaters wird "Mephisto" verhandelt wie auf einem Planquadrat. Die Bühne ist offen wie ein aufgerissenes Maul, vorne, hinten und seitwärts spielt das Leben. Alle für die Zeit relevanten Themen fallen im täglichen Miteinander hinter der Bühne, Abfälliges über Juden, auch Abfälliges über die Nationalsozialisten, Gagengier, Zukunftsperspektiven. Hendrik Höfgen ist noch unbedeutend, fällt aber bald auf. Seine Hochzeit mit der kühlen Barbara wird vollzogen, sein sexuelles Versagen als Mann öffentlich gemacht. Befriedigung holt er sich anderswo. Der junge Gründgens im Höfgen-Hemd ist komplexbeladen, unsicher, aber begabt und extrovertiert. Im Theater formieren sich immer neue, der Zeit angepasste Strukturen, "Life must go on".

Kollegen emigrieren, andere sterben. Der geschmeidige Höfgen wird berühmt. Und das Ensemble spiegelt die ganze Welt, Bürger, Individualisten, Stichwortgeber, Kommentatoren und Conférenciers. Leise werden Lieder der Zeit angestimmt, immer bleibt die Inszenierung beherrscht, fein dosiert, deutlich. Geschickt und eindringlich hat Regisseur Schulte-Michels die Schauspieler in verschiedene Rollen gesteckt. Jeder funkelt wie ein Edelstein im Mosaik einer unbarmherzigen Zeit: Dirk Ossig, Sven Walser, Andreas Weissert, Maya Alban-Zapata, Anna Beetz, Katharina Lütten, Louisa Stroux, Hanna Werth.

Moritz Führmann verleiht der Titelrolle Glaubwürdigkeit, steigert sich, wird größer, expressiv. Er buckelt und taumelt, kostet Auftritte aus — am Ende dreht sich die Welt um ihn. Dann aber wird abgeschminkt. Die eisige Zeit taut auf. Die Lichter gehen langsam aus mitten im leisen Lied. Der aufrichtige, lange Applaus galt allen Beteiligten, Führmann fing viele Bravos auf.

Quelle: RP
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