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Düsseldorf
Tanz durch düstere Schattenwelten

Düsseldorf. In der Deutschen Oper am Rhein feierte der Ballettabend "b.28" Premiere. Direktor Martin Schläpfer hatte drei Choreographen eingeladen, die in Düsseldorf kraftvolle Tänze auf die Bühne brachten. Von Regine Müller

Im 19. Jahrhundert ging es im Konzertsaal bunter zu als heute. Man servierte gerne scheibchenweise: den ersten Satz einer Haydn-Symphonie, dann den dritten Satz aus einem Beethoven-Klavierkonzert, zwischendurch drei Lieder aus Schumanns "Dichterliebe". Dergleichen ist heute unvorstellbar, schon aus Ehrfurcht vor dem Werk als Ganzem. Nur bei den Choreographen hat sich diese Unbekümmertheit gehalten. Sie bedienen sich nach wie vor gerne nach Bedarf. Martin Schläpfer muss man dabei ausklammern, denn er fleddert nie, sondern kämpft sich selbst durch eine lange Mahler-Symphonie ganz hindurch.

Nun hat er für den neuen Ballettabend "b.28" drei Choreographen eingeladen, die der tänzerischen Dramaturgie die Binnengesetze der Kompositionen unterordnen. Musikalisch funktioniert das nur in einem Fall richtig gut: Und zwar bei der Uraufführung von "Tenebre" des Choreographen Hubert Essakow. Er verschränkt das 2011 für das Kronos-Quartett entstandene "Tenebre" des amerikanischen Komponisten Bryce Dessner in einer Version für Streichorchester mit dem 2. Satz aus "Delphica" für Viola Solo aus Dessners Feder. Beide Werke harmonieren atmosphärisch perfekt und führen mit minimalistischen Anklängen in eine düstere Welt. Merle Hensel lässt auf der schwarz ausgeschlagenen Bühne Leinwände mit verlaufenden Schlieren herab und steckt die Compagnie in knappe Trikots in stumpfen Farbtönen. Die Frauen tragen dicke schwarze Lidschatten-Balken, die an Natalie Portman als böse Ballerina in dem Psychothriller "Black Swan" erinnern. Und tatsächlich trägt eine der Tänzerinnen im Schlussbild einen bizarren Kragen aus schwarzen Federn. Sounddesigner Gareth Mitchell hat den Bühnenboden dezent mikrofoniert, so dass sich zu Dessners hypnotischen Klängen auf unheimliche Weise das Plockern der Spitzenschuhe, Schleif- und Atemgeräusche mischen. Essakows intensive Arbeit, die fatale Beziehungskonstellationen bis zur Qual durchzudeklinieren, verharrt bis zum rätselhaft triumphalen Schluss in einer symbolistisch aufgeladenen Schattenwelt.

Zuvor hatte ein Klassiker den Abend heiter eröffnet: Paul Taylors "Esplanade" stammt von 1975 und verwendet Werke von Johann Sebastian Bach als Grundierung für eine stets vorwärts drängende Choreographie, die auf artifizielle Bewegungsformeln bewusst verzichtet und jeden Schritt, jeden Sprung und jede Geste aus Alltagsbewegungen herleitet. Ein Mädchen, das einem Bus hinterherrannte, soll die Inspiration gewesen sein und tatsächlich ist ausgelassenes Rennen der Generalbass dieser Choreographie. Zahllose Stürze verschärfen die Dynamik, die aber in warmem Licht niemals Hektik, sondern aufgeräumte Lebensfreude transportiert. Ihren Reiz bezieht die Arbeit aus der Spannung zwischen der formalen Strenge der Bach'schen Musik und den scheinbar improvisiert wirkenden Tableaus. Den Bach-Freund stört allerdings, dass zwar das E-Dur-Violinkonzert BWV 1042 vollständig zu hören ist, das Doppelkonzert in d-Moll aber ohne den einleitenden Satz seltsam in der Luft hängenbleibt.

Der dritte Teil ist wieder eine Uraufführung: "Different Dialogues" des Choreographen Nils Christe kreist um Musik von Philipp Glass. Die minimalistischen Partituren des Amerikaners mit ihren bohrenden Patterns sind nicht mit der zwingenden Logik der Bach'schen Rhetorik gesegnet und kommen damit der scheibchenweisen Herauslösung aus ihrem geplanten Zusammenhang entgegen. Aber selbst bei der starken Familienähnlichkeit der Sätze 2 bis 4 aus der Sinfonie Nr. 3 mit dem 2. Satz aus dem Violinkonzert sind Brüche spürbar. Thomas Rupert lässt vor einer mosaikartig gemusterten blauen Wand 36 Lampen herabfahren wie Kleiderhaken in einer Waschkaue. Die Tänzer tragen Blautöne und werden zu einem pulsierenden Kollektiv, finden aber auch zu schnell aufeinander folgenden Pas de deux' zusammen.

Alle drei Stücke eint ihr Hang zu soghafter Verdichtung und athletische Anforderungen an Schläpfers bestens aufgelegtes Ballett am Rhein, das sich selten so geschlossen präsentierte. Die Soli sind allesamt und ebenso zu preisen wie das Kollektiv. Aziz Shokhakimov steuert die Düsseldorfer Symphoniker souverän, setzt auf Transparenz und erhellende Akzente. Dragos Manza und Egor Grechishnikov spielen vorzügliche Violin-Soli bei Bach und Glass, Ralf Buchkremer ein unglaublich delikates Viola-Solo von Bryce Dessner. Ein furioser Abend.

Quelle: RP
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