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Wuppertal
Tony Cragg in voller Schönheit

Wuppertal: Tony Cragg in voller Schönheit
Der britische Bildhauer Tony Cragg (67) neben seiner Arbeit "New Figuration, 1985" in Wuppertal. FOTO: dpa
Wuppertal. Das Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum hat seine Bestände ins Depot verfrachtet, um Platz für das Lebenswerk des Bildhauers Tony Cragg zu schaffen. Die am 19. April beginnende Retrospektive umfasst mehr als 230 Werke. Von Bertram Müller

Man stelle sich vor: Auf einer senkrechten, nicht ganz starren Stange sind wie auf einem Schaschlikspieß unterschiedlich dicke Teile aneinandergereiht - in diesem Falle kein Fleisch und keine Zwiebeln, sondern Scheiben, die aus unterschiedlich dehnbaren Knetmassen bestehen. Nun lässt man die Stange rotieren, und durch die unterschiedliche Verformung der Massen entsteht eine bizarre Stele, halb Mensch, halb Nockenwelle. Wer Skulpturen von Tony Cragg beschreiben will, muss seine Fantasie bemühen und sich darüber hinwegsetzen, dass der Herstellungsprozess in Wirklichkeit anders verlief. Aus einem unglaublichen Vorstellungsvermögen schöpft Cragg Volumina, die er zu Skulpturen vereint.

Das Von-der-Heydt-Museum in Wuppertal, der Wahlheimat des Briten und vormaligen Rektors der Düsseldorfer Kunstakademie, hat nun seinen gesamten Bestand ausgeräumt, um Cragg mit einer Retrospektive zu würdigen und die Besucher das Staunen zu lehren. 26 Räume umfassen mehr als 230 Werke, die berühmten späten Skulpturen ebenso wie die noch weitgehend unbekannten der Anfangszeit.

Man tut gut daran, beim Rundgang den Verstand auf Sparflamme zu halten und sich dem Sog der Schaustücke zu ergeben. Der Katalog geht da voran: mit wenig Text und einer Fülle teilweise ganzseitiger Fotografien. Dann wird man nachempfinden, wie Cragg von seinen Wandreliefs aus buntem Plastikmüll zu jenen neuesten Kreationen gelangte, die eben erst die Gießerei oder die Glasbläserei verlassen haben.

Von Anfang an ließ sich Cragg von den Formen anregen, die der moderne Alltag mit sich bringt: von jenem Abflussrohr aus Plastik, das sich in seiner Installation "Georg und der Drache" von 1984 durch eine karg möblierte Wohnung windet, von den zerbrochenen Plastikteilen, die sich an einer Wand zur gleichfalls 1984 entstandenen "Menschenmenge" formen, und von den gläsernen Eisbechern, Blumenvasen und Flaschen, die er 1998 in einheitlichem Design kopieren und zu einer "Erodierten Landschaft" gerinnen ließ.

Bizarre Stücke sind Craggs Spezialität: "Wildlife" von 1995 zum Beispiel, ein antiquarischer Tisch, der auf und um sich überdimensionierte Gliedmaßen von Reptilien und anderem Getier versammelt. Zwei Objekte aus der Gruppe der "Frühen Formen" flankieren den Eingang des Museums: Bronzene Skulpturen von 1990 scheinen jeweils eine Endlosschleife zu bilden, in der Innen und Außen ineinandergreifen, ohne dass man dies so recht durchschaut.

Den "Early Forms" folgen im zweiten Obergeschoss die Stücke der 1995 geborenen Werkfamilie "Rational Beings". Diese Phase beginnt mit einer Dreiergruppe überdimensionierter, der Fantasie entsprungener Schachfiguren und zieht sich bis zu den drei viereinhalb Meter hohen blauen Holzskulpturen aus jüngerer Zeit, die an jenes imaginäre Schaschlikverfahren denken lassen.

Tony Cragg gebietet souverän über die unterschiedlichsten Materialien, stellt das eine in Edelstahl, das andere in Bronze und wiederum anderes in Holz her, wobei selbst die Maserung zur Aura der Stele beiträgt. Für jedes Material hat der Künstler einen passenden Fachmann zur Hand. Seine Arbeiten aus Glas entstehen auf der venezianischen Inselgruppe Murano in Zusammenarbeit mit der dortigen Glasbläsertradition.

Cragg sagt den Kunsthandwerkern, was er will; die sagen ihm, was geht. Dann fertigt er Zeichnungen an, die die Meister in die dritte Dimension überführen. Bis eine Arbeit abgekühlt ist, könnnen zwei bis drei Wochen vergehen. Am Anfang stehen immer Misserfolge für den Abfalleimer, auch bei den übrigen Materialien. Was aber gelingt, besticht durch eine eigenartig fremde Schönheit und entwirft neue Welten in ihrem Zusammenspiel aus Materie und Geist, Natur und Einbildungskraft.

Quelle: RP
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