| 13.56 Uhr
Duisburg
"Zauberflöte" als Multimedia-Wunder
Duisburg. Mit der britischen Animationstheater-Truppe "1927" inszenierte Barrie Kosky Mozarts Oper im Duisburger Haus der Rheinoper als fröhliches Volkstheater im digitalen Zeitalter. Vorzüglich auch die musikalische Seite des Abends. Von Wolfram Goertz

Zu den ortsansässigen Opernfreunden zählt ein feinsinniger Arzt, der leider bisweilen selbst zum Patienten wird – wenn er eine neue Inszenierung wieder als allzu modern empfindet. Dann bekommt er Nervenflattern, depressive Verstimmungen oder den bösen Blick. Er leidet dann unter der Entfernung vom Original und bemerkt in seiner Erkrankung nicht, dass manche Entfernung dem Stück näherkommt, als es den Anschein hat.

Was der Doktor jetzt sagen würde, nachdem ihm in der neuen "Zauberflöte" der Rheinoper alles weggenommen wurde, wonach sein Opernherz vermutlich begehrte – sogar die dritte Dimension? Alles begab sich auf einer riesigen Leinwand, in die sich die Menschen über ausgeschnittene Fenster oder Türen hineindrehen konnten wie Miniaturfiguren in Wetterhäuschen oder Kuckucksuhren. Oder sie flitzten vor ihr her, angetrieben von grellen Scheinwerfer-Spots oder gemalten Höllenhunden, getränkt aus den Rüsseln von Elefanten, genährt von Hähnchen, die in riesigen Automaten gegrillt und dann über ein Förderband geliefert wurden. Papageno trat stets mit springlebendiger schwarzer Katze auf – zwei Vogelfänger als Leidensgespann.

Mit dieser handgezeichneten, immerzu vibrierenden, bilderprasselnden Erlebniswelt kommunizierten Tamino, Pamina, Sarastro, Papageno und all die anderen unablässig, und es sah stellenweise so aus wie das legendäre Animationskino der britischen Komikertruppe Monty Python. Diese Optik einer "Zauberflöte" geht zurück auf die Original-Idee eines saftigen Maschinen- und Amüsiertheaters zu Zeiten der Uraufführung, und erfunden haben sie diesmal der australische Regisseur Barrie Kosky und die spritzigen Multimedia-Tapezierer der englischen Theatertruppe "1927" (Regie: Suzanne Andrade; Animation: Paul Barritt).

Vereint haben sie Mozarts Märchenoper in die Zeit des Stummfilms zurückgeschickt. Die gesprochenen Dialoge wurden mit drohenden Buchstaben auf die Bühne projiziert, dazu improvisierte eine Dame am Hammerklavier absichtsvoll aus Mozarts Fantasien c-moll und d-moll, und alle Figuren sahen aus wie die Helden von damals: Pamina wie Louise Brooks, Papageno wie Buster Keaton. Die Königin der Nacht hockte unter der Decke wie eine riesige Spinne, Pamina flatterte als Libelle über die Bühne. Die drei Knaben waren dagegen Harry-Potter-Klone.

Das alles war vergnüglich, aber es gab auch Momente, da die Bildwelt die Entenhausen-Komik verließ und ganz ernst wurde, etwa bei Paminas Arie "Ach ich fühl's, ich bin verloren". Überhaupt nahmen Tod und Vergänglichkeit, etwa im rumpelnden Jurassic Park der Skelette, lebhaft Gestalt an. Und das Zwischenmenschliche aus Liebe, Hass, Eifersucht? Es verflüchtigte sich mitnichten, sondern spreizte sich zum leinwandfüllenden Spektakel. Manche Kontaktaufnahme schien allerdings wahnsinnig beschleunigt. Die sittliche Reifung von Papageno und Papagena von fremdelnden Einsamen zu überfordert seufzenden Anführern eine Mega-Familie verlief wie im Zeitraffer; ein wenig fehlte die ironische Komponente der Fühlungnahme.

Mozarts Musik ist überwältigend, sie deckt auch diese durchgeknallte, überaus sinnenfrohe Digest-Fassung. Manche Langatmigkeit des Originals verdünnisierte sich auf glückliche Weise, obwohl kein einziger Takt gestrichen wurde. Die Sänger ließen sich auf dieses experimentelle Theater jedenfalls famos ein, denn sie mussten unablässig mit der digitalen Dekoration um sie herum in Kontakt treten oder wurden von ihr gescheucht. Die Stimmen belastete das nicht. Anke Krabbes Pamina leuchtete warmherzig, Jussi Myllys gab einen noblen Tamino, Heidi Elisabeth Meier eine artistische Königin, Richard veda einen quicken Papageno. Insgesamt: ein intaktes Ensemble. Und weil GMD Axel Kober und die prachtvollen Duisburger Philharmoniker ihren Mozart gewiss geschwind, aber durchaus original, also auch mit Nuancen und lyrischen Details, auskosteten, ergab sich am Ende ein überaus stimmiges Gesamtkunstwerk.

Kürzer und kurzweiliger ging eine "Zauberflöte" selten. Ob sich jener feinsinnige Doktor an dem einhelligen Jubel beteiligte, ist leider nicht bekannt.

Quelle: RP
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