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Auch der WDR bereitet Kunstverkauf vor

Auch der WDR bereitet Kunstverkauf vor
FOTO: WDR
Düsseldorf. Bis 2020 will der WDR drastische Sparvorgaben umsetzen. Dazu gehört der Abbau von 500 Stellen sowie der Verkauf der Bibliothek und einiger Kunstwerke. Intendant Tom Buhrow beziffert deren Wert auf rund drei Millionen Euro. Von L. Brook, J. Isringhaus, T. Reisener und L. Schröder

Für Walter Vitt war der Ankauf von Kunst für die Büros des Westdeutschen Rundfunks (WDR) nie dekorativer Selbstzweck, sondern getrieben von einem ernsten Anliegen. Die Bilder zeitgenössischer Künstler sollten das ästhetische Umfeld bilden für ein zeitgenössisches Programm, sagt der 78-Jährige, also befruchtend wirken auf die Mitarbeiter. Um so mehr wurmt es Vitt, von 1980 bis 1998 inoffizieller Kunstbeauftragter des WDR, dass der Sender einen Teil seiner knapp 600 Werke umfassenden Kunstsammlung verkaufen will - darunter Bilder von berühmten Malern wie Emil Nolde, Max Beckmann, Ernst Ludwig Kirchner und Oskar Kokoschka. "Mit dem Verkauf wäre die ursprüngliche Absicht konterkariert", sagt Vitt. "Gemessen an dem, was eingespart werden muss, wären die erzielten Erlöse nur ein Tropfen auf dem heißen Stein."

WDR-Intendant Tom Buhrow will, wie der Rundfunkrat jetzt gegenüber unserer Redaktion  berichtet, einzelne Kunstwerke bis 2020 verkaufen, um damit ein Haushaltsdefizit von rund 100 Millionen Euro pro Jahr zu schmälern. Buhrow hatte den Wert der Kunstsammlung im Oktober 2013 bei seiner 100-Tage-Bilanz auf etwa drei Millionen Euro beziffert. Damals hatte der WDR-Intendant erstmals angekündigt, Teile der Kunstsammlung sowie die Bibliothek des Senders aus Spargründen veräußern zu wollen. Der WDR bestätigte jetzt, dass er die Sammlung inzwischen bewerten ließ - ob sich der Schätzwert verändert hat, teilte der Sender nicht mit. Zum Vergleich: Ein Gemälde von Max Beckmann aus dem Jahr 1937, das Ende November bei einer Auktion in Berlin versteigert werden soll, wird mit einem Schätzwert von rund 1,2 Millionen Euro angeboten.

Ein Kirchner für 600 D-Mark

Eine exakte Aufstellung der Kunstschätze veröffentlicht der WDR nicht. Ein Werk des Expressionisten Kirchner wurde zum Beispiel im Jahr 1956 für 600 D-Mark erworben, sagt eine WDR-Sprecherin. Der heutige Schätzwert liege bei einer hohen fünfstelligen Summe. "Weitere Werke von namhaften Künstlern wurden ebenfalls in den Fünfzigern für kleine Beträge erworben und sind heute sogar sechsstellige Summen wert", so die Sprecherin. Die Kollegen hätten damals ein "gutes Händchen" beim Ankauf bewiesen, weil sie viele Werke für geringe Summen erworben hätten. Details könnten zu diesem Zeitpunkt aber nicht genannt werden.

Selbst Vitt weiß nicht genau, über welchen Kunst-Bestand der WDR verfügt. Nach dem Krieg wurden oft Werke von im Nationalsozialismus verfemten Künstlern gekauft. Vitt, der als Nachrichtenredakteur ehrenamtlich für die Kunstankäufe zuständig war, hatte während seiner Zeit rund 40 000 D-Mark im Jahr zur Verfügung. Dafür hat er zumeist Grafiken und Aquarelle, hauptsächlich von NRW-Künstler, erworben. "Etliche Werke wurden auch gezielt für bestimmte Gebäude in Auftrag gegeben, etwa für das Funkhaus am Düsseldorfer Hafen", sagt Vitt. Um Bilder zwischenzulagern, verfügt der WDR wie ein Museum über ein Depot, das laut Vitt früher im Kölner Vierscheibenhaus angesiedelt war.

Von Gebührengeldern bezahlt

Die Vorsitzende des WDR-Rundfunkrates, Ruth Hieronymi, betont: "Wir sind stolz auf unsere Kunstsammlung, am liebsten möchten wir jedes Bild behalten." Doch man müsse in Betracht ziehen, einzelne Bilder zu verkaufen, weil ohne strukturelle Sparmaßnahmen das erhebliche Defizit kaum in den Griff zu bekommen sei. Vitt bezweifelt allerdings, dass die Kunstverkäufe maßgeblich zur Verringerung des Defizits beitragen können. Dies habe er auch Tom Buhrow geschrieben. "Als Antwort habe ich erhalten, dass nur Kunstwerke verkauft werden sollen, deren geschätzter Wert über 6000 Euro liegt", sagt er. Das würde die Auswahl der zum Verkauf stehenden Gemälde stark einschränken.

Vitt bewegt aber noch eine andere Frage. Ihn beschäftigt, ob ein Verkauf der sendereigenen Kunstwerke juristisch heikel sein könnte. Möglicherweise seien Bilder aus bei der Werbung erzielten Überschüssen eingekauft worden. Diese zu veräußern, sei wohl unproblematisch. "Aber die mit den Rundfunkgebühren finanzierten Werke müssten eigentlich der Allgemeinheit gehören - und ins Programm einfließen", betont Vitt. Als ästhetische Ausstattung der Redaktionsräume sei das der Fall. Vor dem Verkauf müsste zumindest eine öffentliche Debatte darüber geführt werden.

Landesregierung sieht keinen Anlass, zu handeln

Dieser Punkt beschäftigt auch die Opposition im Landtag. Sie fordert geschlossen eine öffentliche Debatte. "Mit dem WDR plant nun schon wieder eine öffentlich-rechtliche Institution in NRW den Verkauf von Kunstwerken", sagt Thomas Sternberg, kultur- und medienpolitischer Sprecher der CDU im Landtag und Mitglied im WDR-Rundfunkrat. Nach der heftigen Kritik am Verkauf von Warhol-Gemälden durch Westspiel sollte klar sein, dass die Öffentlichkeit solche Eigenmächtigkeiten nicht dulde. Auch Ralf Witzel (FDP), der ebenfalls im WDR-Rundfunkrat sitzt, fordert: "Kein Verkauf von Kunstwerken aus öffentlich-rechtlichem Eigentum ohne vorherige Debatte im Landtag." Auch die Piraten verlangen, dass Buhrow seine Verkaufspläne erst einmal zur Diskussion stellt. Lukas Lamla (Piraten) sagt: "Diese Kunst wurde irgendwann mit Mitteln der Gebührenzahler gekauft. Also haben diese Gebührenzahler auch ein Mitspracherecht."

Das sieht die Landesregierung offensichtlich anders. Ein Regierungssprecher sagte: "Unternehmensentscheidungen trifft der WDR in alleiniger Verantwortung."

Wohl kein Sammelverkauf

Hieronymi ist sicher, dass es nicht zum Sammelverkauf kommt: "Wir wägen sehr genau ab, welche Bilder infrage kommen." Jede Entscheidung werde unter künstlerischen, wirtschaftlichen und rechtlichen Aspekten geprüft, sagt die Vorsitzende des WDR-Rundfunkrates. Dazu würde die Expertise von Kunstkennern eingeholt, die Marktentwicklung genau beobachtet. Auf welchem Wege die Werke verkauft werden, sei nicht bekannt. Der Verkauf des ersten Bildes sei ihrer Kenntnis nach noch unterminiert.

Hieronymi befürwortet die Sparvorschläge des WDR-Intendanten. Der Abbau des Defizits sei ein zentrales Thema in den jährlichen Haushaltsberatungen sowie in weiteren Sitzungen. "Wir sind bisher ohne betriebsbedingte Kündigungen ausgekommen", argumentiert die Vorsitzende des Rundfunkrats. "Wenn nichts unternommen wird, steht der WDR am Abgrund." 500 Stellen müssten bis 2020 abgebaut werden, "und das fängt nur die Hälfte des jährlichen Defizits auf". Wenn nicht auch auf anderem Wege gespart werde, müssten weitere Stellen gestrichen werden.

Quelle: RP
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