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Nordrhein-Westfalen
So setzt die CDU Big Data beim Haustür-Wahlkampf ein

Big Data im Wahlkampf: Eine App hilft der CDU beim Klinken putzen
Andreas Fluck und Annkatrin Zotter machen Tür-zu-Tür-Wahlkampf mit der App "Connect17". FOTO: heif
Düsseldorf. Die CDU hat als erste deutsche Partei eine App entwickelt, die Wahlkampfhelfer unterstützt. Mit "Connect17" können sie sehen, an welcher Haustür es sich zu klingeln lohnt - und wo nicht. Wir haben einen Helfer beim Haustür-Wahlkampf begleitet.  Von Franziska Hein

Mittwochabend, Zooviertel, vor einem Tennisclub steht das Wahlkampf-Mobil von Marco Schmitz. Der CDU-Landtagskandidat zückt als erstes sein Tablet und ruft eine Google-Karte auf. Auf der sind lauter blaue Pünktchen zu sehen. Jeder Punkt steht grob gesagt für ein Haus, in dem mutmaßlich CDU-affine Bürger wohnen. In den Straßen rund um den Zoopark in Düsseldorf sind viele blaue Punkte zu sehen, fast in jeder Straße gibt es gleich mehrere. In anderen Stadtteilen, die auch zu Schmitz' Wahlbezirk gehören, sieht das etwas anders aus – zum Beispiel in Eller. 

Diese App hat die CDU für den Wahlkampf entwickelt FOTO: Screenshot Connect17

Es ist der vierte Abend, an dem Schmitz und sein Team Tür-zu-Tür-Wahlkampf machen. Als Wahlkampfleiter teilt er Straßenzüge ein. Er schickt immer Zweier-Teams los. Unter ihnen sind auch Andreas Fluck und Annkatrin Zotter (beide 19). Sechs Wahlkampfhelfer gehen an diesem Abend von Tür zu Tür, sprechen Bürger an, verteilen Flyer und werben für ihren Kandidaten. Und neuerdings ist auch ein Smartphone unerlässlich. Denn Schmitz nutzt für seine Kampagne die App "Connect17". Längst nicht alle Landtagskandidaten nutzen das neue Tool. Auch in Schleswig-Holstein, wo eine Woche früher gewählt wird, kommt die App zum Einsatz.

"So eine App gab es noch nie"

Die App soll Wahlkampfhelfer unterstützen. Sie hat drei Funktionen: Wahlkämpfer können sehen, wo CDU-affines Publikum lebt; sie können Social-Media-Beiträge teilen und sie können – etwa bei Wahlveranstaltungen –Unterstützer werben. "Apps werden in der Politik seit Jahren genutzt. Neu ist der Ansatz, Big Data für den Tür-zu-Tür-Wahlkampf einzusetzen. So eine App gab es noch nie", sagt Politikberater und Blogger Martin Fuchs. Auf etwa 15.000 bis 20.000 Euro schätzt Fuchs die Kosten für die Entwicklung. Über genaue Zahlen reden die Parteien nicht gerne.

Eine Umfrage bei den NRW-Grünen und der NRW-SPD ergab, dass diese Parteien auch Datenkarten für Hausbesuche verwenden. Eine App für das Smartphone entwickeln etwa die Linken gerade für den Bundestagswahlkampf. Die SPD nutzt eine App mit einem Formular, das Haustür-Besuche protokolliert.

"Connect17" basiert auf alten Wahlergebnissen und zusätzlich angekauften Adressdaten von der Post-Tochter "Post direkt". Die Firma bietet Informationen zu Adressen an. Das ist nicht nur für die Werbeindustrie, sondern auch für Parteien interessant. Welche Daten genau, das ist ein gut gehütetes Geschäftsgeheimnis. Vermutlich spielen demografische Angaben über Alter und Geschlecht, Beruf, Vereinsmitgliedschaften und Konsumverhalten eine Rolle.

Angst vor dem gläsernen Wähler

Die App wurde im Dezember 2016 auf dem CDU-Bundesparteitag in Essen vorgestellt. Kurz zuvor war bekannt geworden, dass Donald Trump im Wahlkampf die Hilfe der Marketingfirma Cambridge Analytica und deren Auswertungen von Facebook-Daten in Anspruch genommen hatte. Schnell kursierten Ängste vor einem gläsernen Wähler, der gezielt manipuliert werden kann – auch in Europa, wo die Rechtspopulisten auf dem Vormarsch sind. "Vertreter aller Parteien sind 2016 in die USA gereist, um sich anzusehen, wie dort Wahlkampf gemacht wird", erklärt Politikberater Fuchs.

Doch mit Cambridge Analytica hat Connect17 fast nichts zu tun, außer dass in beiden Fällen große Datenmengen Rückschlüsse auf Affinitäten einer Bevölkerungsgruppe geben. Sie ist ein Tool, das die Wähleransprache erleichtert. Inhaltlich beeinflusst die App den Wahlkampf – wenn überhaupt – nur indirekt: über ein Feedback, das Wahlkampf-Helfer hinterlegen können und das direkt in die Kampagnen-Zentrale gemeldet wird. 

In Oberhausen war die App erfolgreich

Für den Landtagswahl-Kandidaten Schmitz ist sie Teil seiner Strategie. Er verweist auf einen Testlauf 2016 im Kommunalwahlkampf in Oberhausen. "In den Gebieten, in denen mit der App Wahlkampf gemacht wurde, waren die Wahlergebnisse im Schnitt um 2,5 Prozentpunkte besser als bei der Wahl davor", sagt er. "In Düsseldorf kann das entscheidend sein. Hier liegen Ergebnisse so eng aneinander, dass ein paar hundert Stimmen ausschlaggebend sein können." 5000 Hausbesuche haben er und sein Team sich bis zur Wahl am 14. Mai vorgenommen. 

Andreas Fluck und Annkatrin Zotter sind mittlerweile mit Flyern und Smartphone bewaffnet unterwegs. Fluck macht gerade Bundesfreiwilligendienst, Zotter ist Abiturientin und steckt mitten in der Prüfungsphase. Sie haben sich darauf geeinigt, dass Fluck klingelt und redet. Die Straße ist eine gediegene Wohngegend, es gibt große Einfamilienhäuser und Altbauten mit mehreren Parteien. Fluck klingelt an einem Haus mit sechs Klingelschildern, direkt beim ersten Klingeln öffnet jemand. Im Hausflur riecht es nach Spaghetti Bolognese. Fluck stellt den Kandidaten vor, dann geht es weiter zur nächsten Etage. Da wird zwar geöffnet, aber der Mann fängt sofort eine Grundsatzdiskussion über Merkels Flüchtlingspolitik an. Fluck reagiert souverän, sieht ein, dass er den Mann nicht überzeugen kann.

Keine App kann die Wahlentscheidung vorwegnehmen

Bis auf das Adressschild genau kann man wegen des Datenschutzes nicht sehen, in welchem Haushalt CDU-affine Bürger wohnen. Deswegen klingeln die Wahlkampfhelfer in ihrer Straße trotzdem an jeder Tür. Den Zugriff auf die komplette Karte hat aus Datenschutzgründen nur ihr Kandidat Marco Schmitz. Wer letztlich für die CDU stimmt, kann keine App voraussagen. 

Fluck und Zotter helfen aber dabei, die Karte zu verfeinern. Sie können eintragen, wo sie CDU-affine Bürger angetroffen haben. Während Fluck redet, trägt seine Begleiterin in die App ein, ob die Tür geöffnet wird und wie die Person reagiert hat: Positiv, neutral oder negativ. Dafür muss man nur auf einen entsprechenden Smiley drücken. Das kann der Wahlkampfleiter hinterher sehen. "Die App reagiert manchmal ein bisschen langsam und braucht Zeit zum Laden", sagt Fluck. "Daran merkt man, dass sie noch nicht ganz ausgereift ist." 

Spielerisch durch den Wahlkampf

Dem 19-Jährigen gefällt noch eine andere Funktion: Für jede Haustür bekommt Fluck 50 Punkte. Die App hat auch einen spielerischen Ansatz. "Damit hat Hillary Clinton im Wahlkampf gute Erfahrungen gemacht. Das setzt einen zusätzlichen Anreiz."

4450 Punkte erreicht Fluck an diesem Abend, damit steigt er in der App vom "Lehrling" zum "Wahlkämpfer" auf. Wer nach der Wahl unter den Top 10 der fleißigsten App-Nutzer ist, erhält einen Anruf von der Kanzlerin als Dankeschön. 

 
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