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Demografischer Wandel
Boom-Region Rheinland

10 Gründe, das Rheinland zu lieben
10 Gründe, das Rheinland zu lieben
Meinung | Düsseldorf. Die Städte am Rhein sind attraktiv, die Bevölkerung explodiert: Jetzt muss die Politik dafür sorgen, dass aus dem Zuzug keine qualvolle Enge wird – mit verstopften Straßen, höherer Kriminalität und explodierenden Grundstücks- und Mietpreisen.  Von Martin Kessler

Deutschland schafft sich ab, schrieb einst der umstrittene Autor Thilo Sarrazin angesichts rückläufiger Geburtenraten. Das Rheinland konnte er nicht gemeint haben. Dort explodiert förmlich die Bevölkerung. Um fast 20 Prozent soll die Domstadt Köln bis 2040 wachsen, in Düsseldorf kommen 13 Prozent dazu, in Bonn immerhin zwölf. Die Hausbesitzer können sich freuen. Mieten und Grundstückspreise dürften kräftig steigen in der Region. Denn auch auf Kreisebene wächst die Bevölkerung – der Rheinkreis Neuss um fast sechs Prozent, der Kreis Kleve um drei, der Rhein-Erft-Kreis gar um acht Prozent. Um die Metropolen Köln, Düsseldorf und Bonn entstehen Speckgürtel. Bis ins südliche Ruhrgebiet greift der Boom.

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Die Städte am Rhein sind attraktiv. Sie haben viele Arbeitsplätze, dort tummelt sich die Gründerszene, und die Universitäten von Köln, Bonn, Aachen und Düsseldorf ziehen die jungen Leute an. Zugleich bestechen diese Städte mit ihrem Freizeitwert, Köln und Düsseldorf, die beiden ewigen Rivalen, liegen beide im Trend. Wer nicht nach Berlin geht, geht nach Köln, der hippsten Stadt im Westen. Die Mischung aus guter schulischer und universitärer Ausbildung und den sich anschließenden Beschäftigungsmöglichkeiten macht die Attraktivität der rheinischen Städte aus. Hinzu kommt ein gewaltiges Kulturangebot. Nirgends in Deutschland ist die Theater- und Musikszene dichter als im Rheinland. Die vielen Restaurants, Discos und Einkaufsmeilen tun ein Übriges.

Interessant ist, dass die Städte vor allem aus sich heraus gewachsen sind. Es waren selten vorausschauende Kommunalpolitiker oder Initiativen der Landesregierung. Innovative Menschen haben andere angezogen. Stadtluft macht frei. Und jeder, der dazukommt, verbessert die Aussichten der anderen. Das ist ein Engelskreis, von dem die Städte profitieren. Jetzt muss aber auch die Kommunalpolitik reagieren. Sie muss die Voraussetzungen dafür schaffen, dass aus dem Zuzug keine qualvolle Enge wird – mit verstopften Straßen, höherer Kriminalität, explodierenden Grundstückspreisen und Mieten. Die Stadtverordneten müssen neue Bau- und Gewerbegebiete ausweisen, aber auch die Grünflächen der Städte bewahren. Vor allem brauchen die Bürger, neue wie alte, intelligente Verkehrssysteme, die Auto, öffentlichen Nahverkehr, Bahn und Flughafen gut miteinander verknüpfen. Eine Mammutaufgabe für talentierte und innovative Kommunalpolitiker.

Der Boom im Rheinland hat natürlich seine negative Entsprechung in anderen Teilen Nordrhein-Westfalens. Da das gesamte Land nur mäßig wächst (immerhin nicht schrumpft), müssen andere Gebiete abgeben. Denn NRW zieht zwar auch aus dem Ausland zusätzliche Bewohner, aber dafür schrumpft in gleicher Weise die einheimische Bevölkerung – jeweils in der Größenordnung um rund neun Prozent. Tatsächlich sieht es in anderen Landesteilen eher düster aus. Das Ruhrgebiet, vor allem die nördlichen Teile, schrumpft. Noch mehr gibt das flache Land an die Städte ab – der Hochsauerlandkreis verliert 16 Prozent seiner Bevölkerung bis 2040, der Märkische Kreis südöstlich von Dortmund sogar fast 20 Prozent. Die ländlichen Gebiete in NRW werden entvölkert. Vor allem die jungen Menschen ziehen weg, sodass die älteren Jahrgänge in diesen Teilen des Landes den Ton angeben. Wer also gleiche Lebensverhältnisse sucht, der wird in Nordrhein-Westfalen zusehends weniger fündig. Die Entwicklung des Landes verläuft höchst ungleichmäßig. Außer dem Rheinland wachsen noch die Universitäts- und Industriestädte Münster, Bielefeld, Gütersloh und Paderborn. Der Rest verliert zum Teil drastisch.

Wandel: Zahlen und Fakten zum alternden NRW FOTO: dpa, Oliver Berg

Die Landesregierung sollte der Versuchung widerstehen, das nivellieren zu wollen und viele Gelder in ländliche Gebiete zu stecken. Das Beispiel Ruhrgebiet zeigt, dass trotz gewaltiger Milliardensubventionen der Verfall nicht aufzuhalten war. Die Ausgleichssysteme der Kommunen sind gut genug, mehr Umverteilung wäre schädlich. Auch hier müssen sich die Kommunen selbst anstrengen. Sie könnten mit hoher Lebensqualität, niedrigen Mieten, dem Traum vom Eigenheim und guten Verkehrsverbindungen werben. Auch ihre Bürger müssen schnell in die attraktiven Gebiete gelangen können, wenn sie es vorziehen, in ihrer ländlichen Umgebung zu bleiben. Das würde bedeuten, das eine oder andere Straßenprojekt hier durchzuziehen. Die ländlichen Kommunen könnten für sich auch als Standort für solche Branchen werben, die in dicht besiedelten Gebieten zu viel Platz beanspruchen würden – etwas Logistikunternehmen oder Energieerzeuger. Phantasie ist hier gefragt. Dann hat auch der ländliche Raum – und selbst das Ruhrgebiet eine Chance.

Quelle: RP
 
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