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Bürgermeister-Wahlen in NRW
Fast nichts ist mehr so, wie es war

Gewinner und Verlierer der Stichwahlen in NRW
Gewinner und Verlierer der Stichwahlen in NRW FOTO: dpa, rwe fpt
Düsseldorf. Die CDU holt SPD-Hochburgen, die SPD schafft zum Beispiel in Kevelaer eine kleine Sensation – und in einigen Städten geht es in zwei Wochen in die Stichwahl. Wir werfen den Blick auf die Wahl in elf Kommunen.

Bonn: Riesenjubel bei der Bonner CDU. Nach 21 Jahren sozialdemokratischer Regentschaft hat die Union den Chefsessel in ihrer früheren Hochburg zurückerobert – und das schon im ersten Wahlgang. 50,06 Prozent erzielte der 50-jährige Ashok-Alexander Sridharan, der im Wahlkampf gern als "bönnscher Inder" bezeichnet wurde, schließlich hat der in Bonn aufgewachsene Politiker einen indischen Vater und eine Bonner Mutter. Sridharan lag weit vor den Kandidaten von SPD (23,7 Prozent) und Grünen (22,1). Bei den Vorwahlumfragen hatte es eher nach einer Entscheidung in der Stichwahl ausgesehen. Mit Sridharan wird erstmals ein CDU-Politiker mit Migrationshintergrund Oberbürgermeister einer deutschen Großstadt. Eine der wichtigsten Aufgaben sieht der bisherige Kämmerer der Nachbarstadt Königswinter darin, die hoch verschuldete Bundesstadt finanziell wieder auf Kurs zu bringen.

Essen: Als Thomas Kufen um 18.30 Uhr im Essener Rathaus zu seinen Anhängern stößt, hallt es immer wieder "Thomas, Thomas". "Es muss sich etwas ändern in der Stadt", sagt Kufen und erklärt sich zum vorläufigen Sieger (42,5 Prozent). Sein Erfolg ist tatsächlich der eines neuen Typus von CDU-Politiker. Zur Wahlparty hat der 42-jährige seinen Lebensgefährten mitgebracht – der ist auch hauptberuflicher Kommunalpolitiker in der Union, aber in einer anderen Stadt. "Für Sie. Für Dich. Für Essen", lautete Kufens lockerer Slogan – das kann man zwar als etwas anbiedernd verstehen, kam aber offensichtlich besser an als Familienfotos des amtierenden Oberbürgermeisters Reinhard Paß (SPD, 33,4) auf seinen Wahlplakaten. Die meisten Grünen-Funktionäre in Essen wollen nach Informationen unserer Redaktion bei der Stichwahl massiv für Kufen Stimmung machen – ob es eine öffentliche Wahlempfehlung gibt, wird am Mittwoch entschieden.

Wahlabend in Leverkusen: Uwe Richrath (SPD) feiert seinen Sieg FOTO: Miserius, Uwe

Geldern: In Geldern kommt es zur Stichwahl. Der amtierende Bürgermeister Ulrich Janssen liegt mit 35,74 Prozent der Stimmen vorne. Dicht auf den Fersen ist ihm CDU-Kandidat Sven Kaiser mit 32,67 Prozent. Die Stadt hat in den vergangenen Wochen einen sehr emotionalen Wahlkampf erlebt, der bis zuletzt mit allen Mitteln geführt wurde. Höhepunkt war eine Beschwerde gegen die Gestaltung der Wahlzettel. Bürgermeister Ulrich Janssen war einst ein CDU-Aushängeschild und hat eine starke Anhängerschaft – allerdings ebenso viele erbitterte Gegner.

Issum: Faustdicke Überraschung in Issum: Dort setzte sich der parteilose Clemens Brüx mit nicht für möglich gehaltenen 61 Prozent durch. In der Hochburg der Christdemokraten floppte CDU-Kandidat Stefan Vester mit 29,9 Prozent. Brüx gilt als "Bunter Hund", ist Vorsitzender des Issumer Fußballclubs und war schon Schützenkönig.

Kevelaer: Es ist ein historisches Ergebnis: Seit dem Krieg hatten nur CDU-Bürgermeister an der Spitze der Stadt gestanden. Jetzt wird erstmals ein SPD-Mann auf dem Chefsessel im Rathaus sitzen. Dominik Pichler schlug den Amtsinhaber Axel Stibi hauchdünn. Gerade einmal 80 Stimmen trennten die beiden Kandidaten. Pichler kam auf 50,38 Prozent der Stimmen, Stibi auf 49,62. Damit wird die Wallfahrtsstadt jetzt rot regiert.

Krefeld: In Krefeld hat der Wahlleiter des Wahllokals Nr. 262 in der Gesamtschule Kaiserplatz entschieden, die Vorhänge des Wahllokals zuzuziehen, weil durch das Fenster draußen auf der Straße ein Wahlplakat des SPD-Oberbürgermeisterkandidaten Frank Meyer zu erkennen war. Dies teilte ein Mitglied des Wahlleiterteams mit. Hintergrund: Im direkten Umfeld eines Wahllokals ist keine Wahlwerbung erlaubt. Die Unabhängigkeit der Wahl ist auch in zwei Wochen wieder gefragt: Dann gehen Frank Meyer (SPD) und Peter Vermeulen (CDU) in die Stichwahl.

Video: Chefredakteur Michael Bröcker kommentiert die Kommunalwahl

Leverkusen: Das Gesetz der Serie hält – und das bedeutet in Leverkusen traditionell nichts Gutes für den Amtsinhaber. Seit Einführung des hauptamtlichen Oberbürgermeisters hat in Leverkusen bisher noch kein Stadtchef seine Erfahrung in einen Wahlsieg ummünzen können. So erging es gestern Abend auch Reinhard Buchhorn (CDU), der – unterstützt von vier verschiedenen Parteien beziehungsweise Wählervereinigungen – sich dennoch seinem SPD-Herausforderer Uwe Richrath schon im ersten Wahlgang geschlagen geben musste. 29,8 Prozent der Stimmen wurden am Ende bei Buchhorn verzeichnet, 51,2 Prozent bei Richrath. Der neue Verwaltungschef in Leverkusen führte beruflich bisher übrigens Damenmode-Geschäfte.

Münster: Mit jedem weiteren Stimmbezirk, der ausgezählt wurde, arbeitete sich Amtsinhaber Markus Lewe (CDU) nach vorne: Erst musste er zittern, dann lag er schon mit 0,24 Prozent über der 50-Prozent-Marke. Am Ende gelang Lewe, der ohne das CDU-Logo auf seinen Plakaten geworben hatte und in seiner Stadt meist mit dem Fahrrad unterwegs ist, im ersten Wahlgang die Wiederwahl mit 50,59 Prozent. Die Wahlbeteiligung lag bei rund 45 Prozent.

Neuss: Politisches Erdbeben in Neuss. Die 155 000 Einwohner werden künftig erstmals von einem Sozialdemokraten regiert: Der Landtagsabgeordnete Reiner Breuer (46) setzte sich überraschend bereits im ersten Wahlgang mit 54,1 Prozent durch. Sein Gegenkandidat von der CDU, Schützenpräsident Thomas Nickel (68), musste sich mit 36,3 Prozent begnügen. In der CDU werden nun Stimmen laut, die den Rücktritt von Jörg Geerlings, dem Vorsitzenden der Neusser CDU, fordern – das wäre das zweite Mal, dass er an Reiner Breuer ein Amt abgeben könnte: 2012 verlor Geerlings sein Landtagsmandat an Breuer. Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörten alle Neusser Bürgermeister der CDU; zuletzt amtierte seit mehr als 17 Jahren Herbert Napp (68). Der bekennende Raucher ist als "Vesuv von Neuss" deutschlandweit bekannt geworden. Er hatte als dienstältester Rathaus-Chef einer deutschen Großstadt auf eine erneute Kandidatur verzichtet.

Video: Reiner Breuer (SPD) siegt in Neuss

Solingen: Als Sieger im ersten Wahlgang haben sich in Solingen drei der fünf Oberbürgermeister-Kandidaten gefühlt. Tim Kurzbach, der Kandidat der SPD und Grünen, weil das Ergebnis von 43,7 Prozent "etwas Besonderes für beide Parteien in der CDU-geprägten Klingenstadt ist". Frank Feller (CDU), weil in der bevorstehenden Stichwahl – trotz eines Rückstandes von knapp sieben Prozent – am 27. September alles offen sei. Und der in Solingen als Lebenskünstler bekannte Wolfgang "Coco" Teuber, der ohne politische Vorkenntnisse und Etat auf Anhieb 6,6 Prozent der Stimmen holte. Zusammen vereinten die drei Einzelbewerber knapp 20 Prozent auf sich.

Wuppertal: Nach elf Jahren im Amt des Wuppertaler Oberbürgermeisters muss sich Peter Jung (CDU) erneut einer Wahl stellen. Im ersten Anlauf gelang es ihm nicht, gegen SPD-Kandidat Andreas Mucke aufzutrumpfen. Mit 37,51 Prozent für Jung und 35,58 Prozent für Mucke liegen die beiden Kandidaten dicht beieinander und müssen daher in 14 Tagen in die Stichwahl. Auf Marc Schulz von den Grünen entfielen 12,40 Prozent der Wählerstimmen. Gestern wollten die Grünen noch keine Empfehlung für die Stichwahl abgeben. Sie wollen abwarten, wie sich Mucke und Jung bei der heutigen Mitgliederversammlung der Grünen auslassen. Ein Politikwechsel in der bergischen Metropole ist mit Unterstützung der grünen Wähler nicht ausgeschlossen. Die Wahlbeteiligung lag mit 36,7 Prozent deutlich unter der des Vorjahrs (44,6).

Die Ergebnisse der Wahlen in der Region im Überblick gibt es hier.

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