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Nach Wutrede im Landtag
Das war Christian Lindners Start-up

Christian Lindner und die Wutrede: Wie war das mit der Start-up-Pleite?
Christian Lindners Start-up musste Insolvenz anmelden. Als Makel empfindet er dies jedoch nicht. FOTO: dpa, fg cul
Düsseldorf. FDP-Chef Lindner hat als junger Mann ein Start-up gegründet, das schon nach kurzer Zeit Insolvenz anmelden musste und dabei Millionen verlor. Besonders heikel: Ein Großteil des Kapitals stammte aus öffentlichen Fördergeldern. Von Florian Rinke

Wenn Christian Lindner für eine Kultur des Scheiterns wirbt, dann geht es dabei auch um ihn selbst. Mit Anfang 20 hatte er mit Partnern ein Internetunternehmen gegründet, das wenig später pleite ging und dabei rund 1,4 Millionen Euro an öffentlichen Fördergeldern versenkte. Lindner war zwar zu diesem Zeitpunkt bereis aus der Geschäftsführung ausgeschieden, doch die Pleite holt ihn immer wieder ein. So wie zuletzt im Landtag. In einer Rede warb Lindner für mehr Gründungen, als ein Zwischenrufer von der SPD ihn mit den Worten "Da haben Sie ja Erfahrung..." unterbrach.

Was folgte, ist bekannt: Die Wutrede Lindners verbreitete sich rasend schnell im Internet. "Die riesige Resonanz auf das Video zeigt, dass es einen Nerv getroffen hat", sagt der FDP-Bundesvorsitzende heute.

Er bekomme viele Mails, in denen Leute berichten, wie schwer es ist, nach dem Scheitern des Unternehmens einen weiteren Kredit zu bekommen. Das liegt auch daran, dass eine Firmenpleite von vielen - anders als etwa in den USA - noch immer als Makel empfunden wird.

Ein Großteil des Geldes sind öffentliche Fördermittel

Lindners eigene Geschichte könnte ein Paradebeispiel dafür sein, dass Gründermut keine Schande, sondern eine Wohltat für Deutschland ist. Und natürlich sagt Christian Lindner auch, das Scheitern des Unternehmens empfinde er nicht als Makel.

"Ich habe sieben Jahre erfolgreich eine Werbeagentur aufgebaut und hatte zwischendurch ein siebenmonatiges Projekt, das nicht erfolgreich war." Und doch, wenn es um Detailfragen zu seiner Firma geht, wird er einsilbig. Manches möchte er nur schriftlich beantworten - es sei schon zu viel Unwahres geschrieben worden.

Dabei ist vieles inzwischen gut dokumentiert. Gemeinsam mit zwei Freunden hatte Lindner am 29. Mai 2000 die Moomax GmbH gegründet. Es ist die Zeit der Goldgräberstimmung in der Digitalwirtschaft. Auch Lindner schwärmt rückblickend: "Die Zeit des Neuen Marktes hatte ein enormes Tempo." Als vierter Partner stieg ein privater Investor ein, der rund zwei Millionen Euro Risikokapital für Mitarbeiter, Büroausstattung und Technik zur Verfügung stellte. Ein Großteil des Geldes stammte aus dem Technologie-Beteiligungsprogramm der staatlichen Förderbank KfW.

Lindner wollte ein Programm wie "Siri" entwickeln

Moomax will Online-Shopping kundenfreundlicher machen. Das Unternehmen will Avatare, also künstliche Wesen, entwickeln, die Kunden auf Webseiten von Unternehmen ansprechen sollten. Das System sollte ähnlich wie Siri, die Sprachsteuerung von Apple, funktionieren, sagt Christian Lindner: "Die Nutzer sollten mit natürlicher Sprache eine Webseite steuern können." Es ist eine kühne Vision, die die drei Gründer da Anfang des Jahrtausends hatten.

Doch damals war die Online-Begeisterung gerade auf dem Höhepunkt. Gelder von Investoren waren einfach aufzutreiben. Selbst Firmen mit fragwürdigem Geschäftsmodell kamen damals leicht an Kapital. Öffentliche Gelder wurden teilweise an Investoren vergeben mit dem Auftrag, Technologiefirmen in Form von Krediten zu fördern. Ging es gut, flossen Zinsen zurück. Ging es schief, blieb die Förderbank auf ihren Auslagen sitzen. Das Risiko, sagt ein Branchenkenner, sei damals zu Lasten der Förderbank gegangen: "Heute würde die KfW solche Geschäfte sicherlich nicht mehr machen."

Als die Blase platzte, gab es keine Chance mehr

Auch Lindners Firma profitierte von den guten Finanzierungsmöglichkeiten am Markt. Durch Kapitalerhöhungen verwässerte sich dabei auch Lindners Anteil an der Firma von anfänglich 26,66 Prozent  auf 8,25 Prozent. Doch dann, noch bevor das eigene Produkt Marktreife erlangte, platzte die Dotcom-Blase an der Börse - und damit auch die Träume vieler Unternehmer. Das stellte auch Christian Lindner fest: "Im Jahr 2000 kam man gut an Risikokapital - und nach Platzen der Internet-Blase gab es 2001 dann keine Chance mehr."

Schon nach 18 Monaten wurde im Januar 2002 das Insolvenzverfahren eröffnet. Moomax war pleite und zwei Millionen Euro futsch. Ein Großteil davon waren öffentliche Fördergelder, die der Investor in Moomax investiert hatte. Aus Lindners Sicht ist die Sache unangenehm. Kein Politiker lässt sich gerne vorwerfen, er habe öffentliche Mittel verschleudert. Doch richtig ist auch: Bei Risikokapital besteht immer die Möglichkeit, dass es verloren geht. So funktioniert die Internetwirtschaft.

Hinzu kommt: Lindner war zum Zeitpunkt der Pleite schon nicht mehr Mitglied der Geschäftsführung, sondern konzentrierte sich verstärkt auf seine politische Karriere. Parallel zu seinem Engagment bei Moomax war er als jüngstes Mitglied in der Geschichte des Landtags ins Parlament eingezogen. Dort will er heute für bessere Bedingungen für Start-ups in NRW sorgen - mehr Bildung, besseren Zugang zu Fördergeldern und weniger Bürokratie. Das Interesse an der digitalen Welt hat er nicht verloren. "Wäre ich nicht Politiker, würde ich jederzeit wieder ein Unternehmen gründen."

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