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Nach über 50 Jahren
Land NRW entschuldigt sich bei Contergan-Opfern

Contergan: Land NRW entschuldigt sich nach über 50 Jahren
Viele werdende Mütter nahmen Contergan als Mittel gegen Schwangerschaftsübelkeit ein. FOTO: dpa, leo mov
Düsseldorf. Tausende wurden in den 60er Jahren durch das Schlafmittel Contergan geschädigt, jeder Zweite von ihnen lebt noch. Vor wenigen Jahren erst bat der Hersteller Grünenthal um Entschuldigung. Jetzt hat das Land endlich nachgezogen.

Mehr als 50 Jahre nach dem Arzneimittelskandal hat sich das Land NRW erstmals bei den Contergan-Opfern für die umstrittene Rolle der Behörden entschuldigt. Das Land hätte mutiger, hartnäckiger und schneller handeln müssen, nachdem Anfang der 1960er das Ausmaß der Schäden durch das Medikament des Pharmakonzerns Grünenthal bekannt geworden sei, sagte NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) am Mittwoch bei einer Diskussionsrunde mit Contergan-Geschädigten in Düsseldorf. "Dass das Land das nicht getan hat, dafür möchte ich mich bei den Opfern, Eltern und den Betroffenen entschuldigen", fügte sie mit tränenerstickter Stimme an.

Vor vier Jahren hatte auch der frühere Contergan-Hersteller Grünenthal aus Stolberg bei Aachen erstmals bei den Opfern um Entschuldigung gebeten.

Schwangere nahmen Contergan gegen Übelkeit

Contergan steht für den größten Medikamenten-Skandal der deutschen Nachkriegsgeschichte. Grünenthal hatte das Schlafmittel 1957 auf den Markt gebracht. Viele werdende Mütter nahmen es ein - vor allem auch weil es gegen Schwangerschaftsübelkeit half.

Doch bald kamen weltweit etwa 10.000 Kinder mit schweren Missbildungen vor allem an Armen und Beinen zur Welt. In Deutschland allein waren es ungefähr 5000. 1961 zog Grünenthal das Medikament zurück. In Deutschland leben noch etwa 2400 von ihnen, davon rund 800 in NRW.

Eine Studie hatte zuletzt untersucht, warum der Wirkstoff Thalidomid nicht schneller vom Markt genommen worden war. Verantwortlich seien unter anderem eine "strukturelle Unterlegenheit" der zuständigen nordrhein-westfälischen Behörden gegenüber dem verantwortlichen Pharmakonzern und der Mangel an rechtlichen Vorschriften zum Verbot von Arzneimitteln, hatte ein Wissenschaftler aus Münster bilanziert. Dennoch hätten sich die Landesbehörden nicht rechtswidrig verhalten.

Umgang der Verwaltung sei "verheerend" gewesen

"Wie David gegen Goliath, so extrem unterschiedlich war das Potenzial agieren zu können, damals verteilt zwischen den Behörden", sagte Gesundheitsministerin Steffens. "Das Unternehmen war gegenüber der Verwaltung haushoch überlegen." Der Umgang der Verwaltung mit dem Contergan-Skandal sei aber "verheerend" gewesen. "Es berührt und beschämt mich, was in diesem Land mit den Opfern all die Jahre geschehen ist."

Vor der Diskussionsrunde zur Rolle des Landes im Contergan-Skandal hatten bereits mehrere Opfer eine Entschuldigung der Landesregierung gefordert. "Es geht uns um Entschuldigungen auf jeder Ebene, die möglich ist", sagte die Kölner Betroffene Sabine Börnemann-Pflanz.

Für den Interessenverband Contergan-Geschädigter in NRW hatte sein Vorsitzender, Udo Herterich, zuvor eine Entschuldigung bereits als "Wertschätzung gegenüber dem Leid dieser Menschen" bezeichnet.

(lnw/tak)
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