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Nordrhein-Westfalen
Eltern: Zu viele Flüchtlinge in Klassen

Flüchtlinge in NRW: Zu viele Flüchtlingskinder in Schulklassen
Der Philologenverband fordert eine Flüchtlingsquote für Schulklassen. FOTO: dpa
Düsseldorf/Berlin. Die NRW-Landesregierung rechnet 2015 und 2016 mit je 40.000 zusätzlichen Flüchtlingskindern. Elternverein und der Chef des Philologenverbands fordern Höchstquoten, die Ministerin lehnt ab. Von Detlev Hüwel, Birgit Marschall, Christian Schwerdtfeger und Frank Vollmer

Die Flüchtlingskrise lässt in NRW die Sorge wachsen, ob die Schulen mit den vielen Neuankömmlingen zurechtkommen. "Das wird zu viel. Es können nicht unbegrenzt Flüchtlingskinder in die Klassen gesteckt werden", sagt die Vorsitzende des Elternvereins, Regine Schwarzhoff, unserer Redaktion. Unzureichende Sprachkenntnisse lösten nur Frust auf allen Seiten aus. Schwarzhoff forderte mehr Anstrengungen des Landes: "Es müssen viele neue Lehrer eingestellt werden, die nur dafür da sind, den Flüchtlingskindern Deutsch beizubringen. Man könnte pensionierte Lehrer zurückholen." Auch Lehramtsstudenten seien dafür denkbar, sagte Schwarzhoff.

Der Philologenverband fordert eine Flüchtlingsquote für Schulklassen. "Wenn der Anteil von Kindern nicht-deutscher Muttersprache bei 30 Prozent liegt, setzt ein Leistungsabfall ein", erklärt der Bundesvorsitzende Heinz-Peter Meidinger der "Neuen Osnabrücker Zeitung": "Dieser wird ab 50 Prozent dramatisch." Peter Silbernagel, Chef des NRW-Philologenverbands, widerspricht: "Eine Gymnasialklasse mit 90 Prozent Migranten kann genauso leistungsstark sein wie eine mit 100 Prozent Muttersprachlern." Die Verteilung müsse nach Qualität statt nach Quantität erfolgen.

Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft lehnt eine Quote ab. "Das ist diskriminierend und pädagogisch unsinnig", sagt Landeschefin Dorothea Schäfer. Nicht die Zahl der Kinder mit fremder Muttersprache sei entscheidend, sondern ob sie Deutsch könnten. FDP-Schulexpertin Yvonne Gebauer hält dagegen: "Ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Flüchtlings- und anderen Kindern muss sichergestellt sein."

Hintergrund: So läuft das Asylverfahren ab FOTO: dpa, ua fpt

NRW rechnet für dieses und nächstes Jahr mit jeweils 40.000 zusätzlichen Flüchtlingskindern in der Schule. Eine Migranten-Quote für einzelne Klassen lehnt das Schulministerium ab: "Studien zeigen, dass für die Lernleistung nicht die Muttersprache der Schüler entscheidend ist, sondern das soziale Gefüge in der Klasse", sagte eine Sprecherin. Wer wenig Deutsch kann, lernt in NRW in "Vorbereitungsklassen" intensiv die Sprache. Nach Angaben des Ministeriums besuchen Flüchtlingskinder 14 bis 18 Stunden pro Woche für bis zu zwei Jahre diese Fördergruppen und nehmen ansonsten am normalen Unterricht einer Klasse teil. Wenn sie genügend Deutsch können, werden sie endgültig auf Schulformen und einzelne Regelklassen verteilt; die Entscheidung darüber falle vor Ort. Das Ministerium wies zudem darauf hin, NRW habe 300 Lehrerstellen für Sprachunterricht geschaffen.

Die CDU kritisierte, Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) lasse die Kommunen allein. Zwingend nötig sei ein Gesamtkonzept, forderte die schulpolitische Sprecherin Petra Vogt: "Die Städte wissen nicht, wer was wie unterrichten soll."

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Der Bundestag verabschiedete gestern mit den Stimmen von Union und SPD ein Maßnahmenpaket für schärfere Asylregeln. 475 Abgeordnete stimmten mit Ja. Mit Nein votierten 68 Abgeordnete, 56 enthielten sich. Die Enthaltungen kamen weit überwiegend von den Grünen, die Nein-Stimmen von der Linken. Die Neuregelungen sollen am 1. November in Kraft treten.

Das Paket sieht vor, Bargeldzahlungen an Asylsuchende in den Erstaufnahmeeinrichtungen weitgehend durch Sachleistungen zu ersetzen. Wer aus wirtschaftlichen Gründen, aber nicht wegen politischer Verfolgung oder Krieg einreist, muss sich bis zu sechs Monate lang in der Erstaufnahmeeinrichtung aufhalten und kann schneller abgeschoben werden. Für abgelehnte Personen, die einen Termin zur freiwilligen Ausreise verstreichen lassen, sind Leistungskürzungen geplant. Mit dem Gesetz werden die Westbalkanstaaten Albanien, Kosovo und Montenegro als sichere Herkunftsstaaten eingestuft, um die Asylverfahren zu beschleunigen. Heute muss noch der Bundesrat dem Gesetz zustimmen. Die Ländermehrheit gilt als sicher.

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(csh/fvo/hüw/mar)