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Nordrhein-Westfalen
G 8 – nächster Akt statt endlich Ruhe

Nordrhein-Westfalen: G 8 – nächster Akt statt endlich Ruhe
G 8 oder G 9 – die Diskussion schwelt nicht nur in NRW. FOTO: dpa
Düsseldorf. Am heutigen Mittwoch berät der Landtag noch einmal über die Reform des achtjährigen Gymnasiums. Die Unruhe unter Eltern beendet das nicht. Im Gegenteil: Gut möglich, dass das "Turbo-Abi" nur der Einstieg in eine viel brisantere Debatte war. Eine Analyse. Von Frank Vollmer

Leichtsinnige könnten meinen, jetzt werde doch noch alles gut – zumindest was das leidige Thema der Schulzeitverkürzung am Gymnasium angeht. Denn am heutigen Mittwoch beschäftigt sich der Schulausschuss des Landtags zum ersten Mal mit den Empfehlungen des runden Tischs, den Ministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) einberufen hatte und der im achtjährigen gymnasialen Bildungsgang (G 8) für Entlastung sorgen sollte. Die Beratungen im Schulausschuss schließen den öffentlichen Teil der Entschärfungsprozedur ab – der Rest ist zwischen Ministerium und Schulen respektive an den Schulen selbst zu klären.

Den Parlamentariern liegt ein größeres Werk vor, 28 Seiten – zunächst nur zur Beratung, nicht zur Zustimmung. Die Änderungen von Erlassen kann das Ministerium allein durchsetzen; um die Prüfungsordnungen geht es später im Ausschuss noch einmal. Dass der Landtag nach der Grundsatzdebatte im Dezember überhaupt erneut mit dem Thema befasst ist, geht auf eine Bitte der FDP zurück. Nun sollen vor allem die Empfehlungen des runden Tischs in Schulrecht umgesetzt werden. Zentrale Punkte sind die Begrenzung von Haus- und Klassenarbeiten und der Ausbau der individuellen Förderung. Reform also, aber keine Rückkehr zum Abitur nach neun Jahren (G 9) – das hatte Löhrmann auch stets als Präferenz durchblicken lassen.

"Die Schulministerin hat den Prozess sehr geschickt gemanagt. Das hat sicher zur Beruhigung beigetragen", sagt Roland Loos, Schulleiter am Kopernikus-Gymnasium in Ratingen. Er prophezeit: "Die Aufregung hat nachgelassen und wird weiter zurückgehen." Bei den Eltern vor Ort regiere inzwischen ohnehin meist der Pragmatismus – nach dem Motto: Jetzt haben wir das G 8, jetzt müssen wir das Beste draus machen.

Sylvia Löhrmann – die grüne Schulpolitikerin FOTO: dpa, Roland Weihrauch

Ideologischer Lieblingsstreit

Hier einen Punkt zu machen, wäre dennoch leichtsinnig. Denn in Wahrheit ist der Streit ums "Turbo-Abitur" längst das, was früher die Endlos-Debatte um die Schulstruktur war, die in NRW aber seit dem Schulfrieden 2011 auf Eis liegt: der ideologische Lieblingsstreit, mit geringer Aussicht auf Befriedung. Beharkten sich früher Konservative und Linke im Parlament, läuft der Riss jetzt zwischen oben und unten, zwischen "der" Politik (der Landtag will in seiner großen Mehrheit das G 8-Fass nicht wieder aufmachen) und "dem" Volk (Umfragen ergeben deutliche, teils überdeutliche Mehrheiten für eine Rückkehr zu G 9). Der Streit ist der schulpolitische Großkonflikt – mit deutlich schärferer Frontstellung als die Debatte um die Inklusion, in der es eher um den Weg zum gleichen Ziel geht.

Entsprechend heftig ist die Kampfansage der G 8-Gegner. "Die Ministerin maßt sich an, in Sachen G 8 eine Einheitsmeinung vorzugeben", sagt Marcus Hohenstein aus Siegen, Sprecher des Elternbündnisses "G 9 jetzt", das im Zuge einer Volksinitiative Zehntausende Unterschriften für die Rückkehr zum Abitur nach neun Jahren gesammelt hat – wenn es mehr als 66.000 sind, wovon Hohenstein schon jetzt ausgeht, muss sich der Landtag in irgendeiner Weise erneut mit dem "Turbo-Abi" befassen. Die Sammelfrist läuft Mitte April ab; der nächste Akt im Streit um G 8 ist also schon terminiert.

Das ist Hannelore Krafts Kabinett FOTO: dpa, Federico Gambarini

Und damit ist es für Hohenstein noch nicht getan. "Ich gehe fest von einem Umdenken aus, spätestens zur Landtagswahl 2017", sagt er. Und fügt hinzu: "Daran werden wir Bürgerinitiativen weiter arbeiten." Wir – das ist außer "G 9 jetzt" vor allem "Gib 8" aus Bonn. Für Hohenstein ist die Konsequenz klar: "Jeder, der im Landtag sitzt, muss die Interessen des Volkes vertreten und nicht die einer grünen Schulministerin, deren Partei weniger Mitglieder hat als unsere Volksinitiative Unterschriften."

In Niedersachsen wurde "Turbo-Abi" wieder abgeschafft

Die G 9-Befürworter verweisen auf prominente Unterstützer wie Düsseldorfs Oberbürgermeister Thomas Geisel (SPD), der bei "G 9 jetzt" unterschrieben hat, und CDU-Veteran Norbert Blüm. Die sind in ihren Parteien noch Einzelkämpfer. Aber die Ruhe ist trügerisch. Bei der Landeselternschaft der Gymnasien, die am runden Tisch zu Löhrmanns festen Unterstützern zählte, streitet man sich über das "Turbo-Abi"; und der Philologenverband NRW als G 8-Befürworter liegt über Kreuz mit dem Landesverband Niedersachsen. Dort wurde zum Sommer 2015 das "Turbo-Abi" mit Billigung der Philologen wieder abgeschafft.

Die Grund-Unruhe übers "Turbo-Abi" dürfte in NRW also erhalten bleiben; auch Löhrmann weiß das. Diese Aussicht lässt manchen Schulleiter – anders als seinen Ratinger Kollegen Loos – fürchten, dass ihn das Thema auch vor Ort noch beschäftigen wird. "Natürlich wäre es gut, wenn auf die Diskussion jetzt mal ein Deckel käme", sagt ein Gymnasialdirektor aus dem Kreis Wesel, "denn wir drehen uns bei den Argumenten seit Langem im Kreis." Die politische Entscheidung sei schließlich getroffen: "Jetzt geht es um die Feinsteuerung, und da sind wir sicher nicht auf dem falschen Weg."

Beratungsbedarf ganz anderer Art sieht Schulleiter Roland Loos aus Ratingen. Das "Minimalprogramm" des runden Tischs reiche nicht, sagt er: "Ohne eine weitere Reduzierung des derzeitigen gymnasialen Bildungsanspruchs werden wir das Ziel nicht erreichen, G 8 vor Ort mit allen Mitteln gängig zu machen. Dazu gehört auch, weitere Lerninhalte zu streichen." Loos befürchtet allerdings, dass das gemeinsam mit anderen Aufgaben wie Inklusion und Förderung von Seiteneinsteigern die Gymnasien den Gesamtschulen noch ähnlicher machen würde: "Das Gewicht wird sich dann weiter von der Förderung besonderer Begabungen hin zu einer integrativen Förderung verschieben."

Gut möglich also, dass der Streit ums "Turbo-Abi" nur der Einstieg in eine viel größere Debatte war: Was macht das Gymnasium zum Gymnasium? Wie viel von seinen Herausforderungen muten wir unseren Kindern zu? Und ist das für alle Kinder empfehlenswert?

Quelle: RP
 
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