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Zwischenbilanz
Islam-Unterricht in NRW? Mehr davon!

Islam-Unterricht in NRW? Mehr davon! Eine Analyse
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Düsseldorf. Die Zufriedenheit der Muslime mit dem islamischen Religionsunterricht in NRW ist groß. Der Wunsch, dass klare Glaubenssätze gelehrt werden, ebenso. Aber Normalität dürfte Allah im Klassenzimmer so schnell nicht werden. Von Frank Vollmer

"Salam" heißt auf Arabisch "Frieden". "Bismillah" heißt "Im Namen Gottes". "Ikra" heißt "Lies!". Alle drei sind Titel von Büchern, die im islamischen Religionsunterricht zum Einsatz kommen. Die Cover zeigen Arabesken wie in der Alhambra, Minarette und Halbmonde. Auch wenn in NRW erst 14.000 der rund 364.000 muslimischen Schüler in Religion unterrichtet werden, ist das Land doch ein Vorreiter: Als erstes führte es 2012 bekenntnisorientierten Islam-Unterricht ein.

Nun liegt auch eine Zwischenbilanz vor, wie dieser Unterricht aufgenommen wird. Der Duisburger Integrationsforscher Haci-Halil Uslucan hat Familien befragt; seine Erhebung hat Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) jetzt dem Landtag zugeleitet.

Große Mehrheit zufrieden

95 Prozent der Eltern zeigen sich zufrieden mit den Inhalten des Unterrichts. Von den Lehrern stimmten 86 Prozent der Aussage zu, durch den Religionsunterricht erlebten die Schüler den Islam "als eine Religion, die Teil der deutschen Gesellschaft ist". Insgesamt nahmen an der Umfrage 267 Schüler, 194 Eltern und sieben Lehrer teil.

Eine schmale Basis, aber immerhin. Die Ergebnisse dürfte man im Schulministerium gern lesen. Denn vom islamischen Religionsunterricht verspricht sich die Landesregierung eine bessere Aufklärung der Schüler. So soll auch verhindert werden, dass junge Leute radikalen Predigern nachlaufen. "Der Religionsunterricht ist ein Zeichen der Anerkennung und Wertschätzung für die Muslime", sagt denn auch Löhrmann, und: "Schüler erfahren es als Bereicherung, dass sie im Unterricht und in deutscher Sprache über ihre Religion sprechen können. Der islamische Religionsunterricht ist damit ein Stück gelebte Integration."

Die Ministerin weiß sich darin mit den Islam-Organisationen einig. "Der islamische Religionsunterricht soll Antworten auf Fragen bezüglich der eigenen religiösen Identität geben", sagt Samir Bouaissa, Landesvorsitzender des Zentralrats der Muslime, "und damit nach Möglichkeit verhindern, dass sie diese Antworten in undurchsichtigen Kreisen oder auf eigene Faust im Internet suchen." Grundsätzlich bestätigt die Umfrage diese Erwartung. Knapp die Hälfte der Eltern sagt, ihr Kind habe vor dem Unterricht wenig über den Islam gewusst - nur ein Viertel sagt das über die Zeit nach dem Unterricht. Und 71 Prozent der Kinder sagen, sie hätten im Islam-Unterricht auch etwas über andere Religionen gelernt. 84 Prozent sagen, sie hätten gelernt, "dass Juden und Christen auch an Gott glauben".

Unterschiede sollen nicht kleingeredet werden

Dass Unterschiede kleingeredet werden - das wollen Eltern und Lehrer auf keinen Fall. Mehrheiten jenseits der 90 Prozent erwarten, dass ihren Kindern vermittelt wird, "dass der Islam die einzig wahre Religion ist" und "dass Allah der einzige wahre Gott ist". Also Islamisierung im Klassenzimmer? Erziehung zur Intoleranz? Das wäre ein Fehlschluss. Die Muslime pochen lediglich auf die klassischen Inhalte von Religionsunterricht.

"Der katholische Religionsunterricht in der Grundschule ist gebunden an den Glauben der Kirche", heißt es im entsprechenden NRW-Lehrplan - Grundlage sei die "Überzeugung, dass Gott in der Geschichte der Menschen und zu ihrem Heil wirkt, das Evangelium diese Erfahrung in Person und Botschaft Jesu Christi unwiderruflich zum Ausdruck bringt". Entsprechend heißt es im Lehrplan, der Islam-Unterricht solle "auf der Grundlage islamischer Quellen zum eigenverantwortlichen Umgang mit dem Glauben befähigen".

Zur Vermittlung gehöre "selbstverständlich Verbindendes, aber auch Trennendes der monotheistischen Religionen", sagt Samir Bouaissa. Eine "Islamisierung durch die Hintertür" sei das nicht, meint auch Dalinc Dereköy, Vorsitzender des Kreises der Düsseldorfer Muslime: "Alle monotheistischen Religionen erheben diesen Wahrheitsanspruch. Dass ich diesem Anspruch folge, heißt ja nicht, dass ich eine pluralistische Gesellschaft ablehne oder nicht mit anderen Religionen umgehen kann." Glaube sei Privatsache, und der Umgang der Bürger untereinander sei vom Grundgesetz geregelt.

Bisher ist der islamische Religionsunterricht eine Veranstaltung für religiöse Familien: 98 Prozent der befragten Eltern schätzen sich als gläubig oder stark gläubig ein. Mehr als die Hälfte der befragten Eltern geht oft mit den Kindern in die Moschee. 61 Prozent der Schüler haben dort außerschulischen Islam-Unterricht. Die Schule könne und solle das nicht ersetzen, sagt Samir Bouaissa vom Zentralrat der Muslime: Während in der Klasse Grundlagen gelehrt würden, gehe es in der Moschee oft um weitergehende Inhalte, etwa Arabisch, um den Koran im Original lesen zu können.

Lehrermangel verhindert Angebote für mehr Kinder

Viele Muslime wünschen sich, dass Unterricht für mehr Kinder angeboten wird. Dem steht allerdings der Lehrermangel entgegen. Die Arbeit des Instituts der Uni Münster, an dem die Lehrer ausgebildet werden, war jahrelang durch einen Streit mit den Islamverbänden behindert. Islamischer Religionsunterricht bleibt in NRW nicht nur deshalb eine Baustelle. Noch sind zum Beispiel die Islamverbände nicht als Körperschaften des öffentlichen Rechts wie die Kirchen anerkannt, die als Partner des Staates den Unterricht gestalten können. Ein Beirat beim Ministerium soll bis 2019 die Lücke füllen - ob bis dahin die Verbände, die jeweils nur einen Bruchteil der Muslime vertreten, vorangekommen sind, ist fraglich. Und dann ist da noch die Demoskopie, die einer Normalisierung entgegensteht. Denn während die meisten Muslime Islam-Unterricht wünschen, lehnt ihn eine knappe Mehrheit aller Deutschen ab.

Flächendeckender Islam-Unterricht im Klassenzimmer, unter staatlicher Aufsicht - das ist in einem Staat mit etwa vier Millionen Muslimen und einer rechtspopulistischen AfD, die sich als Anti-Islam-Partei versteht, zweifellos eine gute Idee. Viel mehr als eine Idee ist es allerdings bisher nicht.

Quelle: RP
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