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Deutsch-Unterricht in Grundschulen
Kan man so schreibn lärn?

Deutsch-Unterricht in Grundschulen: Kan man so schreibn lärn?
Wie lernen Kinder am besten Schreiben? Über diese Frage gibt es derzeit Streit. FOTO: AP, AP
Düsseldorf. Lehrerverbände und Bildungsexperten wollen den Deutsch-Unterricht in der Grundschule reformieren. In der Kritik steht die Lernmethode "Lesen durch Schreiben", wonach Grundschüler durch Laute an die Rechtschreibung herangeführt werden. Die FDP will, dass dieses Modell ausgesetzt wird. Von Christian Schwerdtfeger

Der Verband Lehrer NRW fordert, dass die umstrittene Methode "Lesen durch Schreiben" an Grundschulen abgeschafft wird. "Es ist höchste Zeit, diese Sprach-Demolierung zu stoppen. Rechtschreibung ist ein Kulturgut", sagte die Verbandsvorsitzende Brigitte Balbach unserer Zeitung. Dieses Lernprinzip verursache bei Kindern gravierende Defizite in der Rechtschreibung, die später nicht mehr korrigiert werden könnten, betonte Balbach.

Im Düsseldorfer Landtag fand im Parlament Mittwoch eine Expertenanhörung zu dem Thema statt. Die Fraktion der FDP sieht ebenfalls einen Zusammenhang zwischen den mangelnden Lese- und Rechtschreibfähigkeiten bei Kindern und Jugendlichen und dem Lernmodell. Ingola Schmitz, FDP-Bildungsexpertin, forderte die Landesregierung auf, die Lernmethode an den Grundschulen auszusetzen. "Viele Eltern und Pädagogen an weiterführenden Schulen beklagen geringe Kenntnisse und geradezu willkürliche Orthografie bei den Kindern", erklärte Schmitz.

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Die meisten Grundschüler in NRW lernen die Rechtschreibung nach dem Muster "Schreib, wie du sprichst – der Rest kommt von allein". Die Methode, die auf den Schweizer Reformpädagogen Jürgen Reichen zurückgeht, wird in den Grundschulen seit den 1990er Jahren angewandt. Dabei dürfen die Kinder buchstäblich schreiben, wie sie sprechen. Die Schüler sollen sich die Schriftsprache selbst erarbeiten können. Die dabei begangenen Rechtschreibfehler sollen erst in den darauffolgenden Grundschuljahren korrigiert werden.

Diesem Ansatz liegt die Überlegung zugrunde, dass Schüler in der freien Entfaltung ihrer Kreativität möglichst nicht gehemmt werden sollen. "Fehler werden oft nicht als Fehler deklariert, sondern als Privatschreibung", kritisiert Balbach.

Über diesen Lernansatz wird in der Forschung seit Jahren heftig gestritten. Agi Schründer-Lenzen, Professorin an der Universität Potsdam, setzt sich für eine Änderung des Deutsch-Unterrichts an Grundschulen ein. "Wir können die Kinder nicht mehr so unterrichten wie noch vor 20 Jahren", sagte sie. Die Klassen seien heute viel zu heterogen, um nach der "Reichen-Methode" unterrichtet zu werden. "Jedes Kind hat andere Bedürfnisse beim Erlernen der Rechtschreibung. Sie können nicht alle über einen Kamm geschoren werden."

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Auch Peter Silbernagel, Vorsitzender des Philologenverbandes NRW, sieht das Prinzip "Lesen durch Schreiben" sehr kritisch. "Das hat sicherlich mit der Rechtschreibschwäche zu tun, die wir bei Jugendlichen sehen, wenn sie von der Grundschule auf die weiterführenden Schulen kommen." Die Landesregierung habe seit Jahren das Problem unterschätzt. "Dort hat man das Thema einfach nicht ernst genommen", meint Silbernagel. So sei es bereits ein schwerer Fehler gewesen, die Diktate in Grundschulen weitestgehend abzuschaffen. Das sei ein verheerendes Signal gewesen. "So bekamen viele das Gefühl, dass Rechtschreibung nicht so wichtig ist." Das Schulministerium wollte sich gestern mit Hinweis auf die parlamentarische Debatte nicht zu dem Thema äußern.

Laut FDP haben Klagen über mangelnde Rechtschreibfähigkeiten der Kinder in NRW sprunghaft zugenommen. Eine repräsentative empirische Studie, die das eindeutig bestätigt, gibt es allerdings nicht. Belegt ist jedoch, dass nordrhein-westfälische Schüler in bundesweiten Bildungsrankings im Vergleich zu ihren Altersgenossen in anderen Bundesländern stets schlecht abschneiden.

Schulexperte Wolfgang Steining von der Universität Siegen sieht eine Hauptursache dafür im Unterricht der Grundschulen. "Seit 30 Jahren werden die Anforderungen systematisch zurückgefahren, damit auch Kinder aus bildungsfernen Schichten dem Unterricht folgen können", sagte Steining. Das sei ein schwerer Fehler, der endlich korrigiert werden müsse. "Kinder wollen lernen, und sie wollen auch, dass man ihnen zeigt, wo sie Fehler machen."

Quelle: RP
 
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