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Streitpunkt Schulzeitlänge
Gymnasien zufrieden mit G 9-Versuch

NRW: Gymnasien zufrieden mit G 9-Versuch
In Dormagen am Leibnitz-Gymnasium: Lukas Langosch (l.), Fabian Langosch (r.) FOTO: Jazyk, Hans
Goch. Die befristete Schulzeitverlängerung wird von der Ruhr-Uni Bochum wissenschaftlich begleitet. Von Tanja Karrasch und Nicole Scharfetter

Noch eine zusätzliche Trainingseinheit vor dem Tennisturnier oder eine Einzelstunde in der hauseigenen Musikschule - die Schüler im Collegium Augustinianum Gaesdonck am Niederrhein können das Angebot wahrnehmen. Zum einen, weil es die Schule ihnen ermöglicht, zum anderen, weil die Schüler mehr Zeit haben als anderswo. Diese Zeit hatten sie aber nicht immer.

Als die Laufbahn am Gymnasium auf acht Jahre verkürzt wurde, brach die Teilnahme an außerschulischen Angeboten ein, Schüleraustauschprogramme waren plötzlich weniger gefragt. "Wir hatten den Eindruck, dass die Schüler sich nicht mehr getraut haben, länger ins Ausland zu gehen", sagt Direktor Peter Broeders. Das Internat am Niederrhein nutzte 2011 die Chance und bewarb sich für den G 9-Schulversuch. Das Schulleitungsteam ist damit sehr zufrieden: "G 9 passt in unser pädagogisches Konzept des ganzheitlichen Lernens." Deswegen hat die Schule auch die Verlängerung des Versuchs beantragt: "Wir bleiben eine G 9-Schule bis mindestens 2020. Wir hoffen aber, dass sich bis dahin die Rechtslage ändert - wir würden gerne weitermachen", sagt Broeders Kollegin, Gaesdonck-Schulleiterin Doris Mann.

Ministerien gegen "Rolle rückwärts"

Ob NRW beim Abitur nach acht Jahren Gymnasium bleiben oder zum neunjährigen Bildungsgang zurückkehren soll, ist einer der größten Streitpunkte der Landespolitik. Das Schulministerium und die meisten Verbände sind gegen eine Rolle rückwärts. Aber die G 9-Schulen haben nach eigenen Angaben vor allem gute Erfahrungen gemacht. Schulleiter Paul Behrensmeyer zum Beispiel vom Peter-Paul-Rubens Gymnasium in Siegen wollte mit der Umstellung auf G 9 seinen Schülern vor allem "etwas Gutes" tun. "Sie arbeiten entspannter, auch im allgemeinen Schulklima macht sich das bemerkbar", findet er.

Am Antoniuskolleg in Neunkirchen-Seelscheid lassen sich die Unterschiede zwischen G 8 und G 9 besonders gut beobachten. Dort werden beide Bildungsgänge parallel angeboten. "Bei G 8 sind mehr Schüler überfordert", sagt Schulleiter Gerhard Müller. Nach Auswertung der Grundschulzeugnisse rät er nur Eltern besonders begabter Schüler, ihre Kinder für G 8 anzumelden.

Ziel: Lernen entschleunigen

Das Geschwister-Scholl-Gymnasium in Münster entschied sich für den Versuch, um das Lernen zu entschleunigen: "Wir haben mehr Zeit für Projekte und Wettbewerbe, Zeit und Raum zur Förderung sozialer und kommunikativer Kompetenzen", sagt Schulleiter Ralf Cyrus. Zudem seien die Absolventen reifer. Der Vorteil bei G 9 sei die Zeit, die die Schüler gewinnen - fürs Lernen, aber auch für die Freizeit, sagt die Leiterin des Gymnasiums Borbeck in Essen, Heike Waldbrodt-Derichs. Aber nicht nur die Schüler profitieren: "Auch für die Kollegen sind neun Jahre Schulzeit entspannter. Sie haben mehr Zeit für Übungen, können auf Fehler eingehen und Projekte umsetzen."

Wissenschaftlich begleitet wird der Versuch von der Ruhr-Uni Bochum. Professorin Grit in Brahm erklärt: "Alle Akteure zeigen eine sehr hohe Zufriedenheit. Die Schüler kennen nur G 9, aber sie fühlen sich sehr wohl und spüren keine übermäßige Beanspruchung. Allerdings kann man nicht sagen, dass sie sich deutlich wohler fühlen, als die Vergleichsgruppe von G8-Schülern." Besonders gespannt erwartet die Forschergruppe die Untersuchungen des kommenden Jahres, wenn der G 9-Versuchsjahrgang in der zehnten Klasse ist. Es ist das Jahr, das sie mehr haben als G 8-Schüler.

Quelle: RP
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