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Prestigeprojekt von Hannelore Kraft
NRW lässt zu viele Kinder zurück

Prestigeprojekt von Hannelore Kraft: NRW lässt zu viele Kinder zurück
Positives Beispiel Moers: Chefarzt Peter Tönnies ist einer der Pioniere des Projekts KinderZukunft NRW. Mit Michael Wallot, Chefarzt der Kinderklinik Bethanien Moers, untersucht er einen Säugling. FOTO: dpa
Exklusiv | Düsseldorf. "Kein Kind zurücklassen!" - so heißt das Vorzeigeprojekt von Ministerpräsidentin Kraft. Das Programm zeigt bisher nur punktuell Erfolge. Einige der Modellkommunen sind mit Neugeborenen-Screenings oder Begrüßungsbesuchen aber auf dem richtigen Weg. Von Kirsten Bialdiga

Bevor NRW-Minsterpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) ihre Unterschrift unter den Koalitionsvertrag mit den Grünen setzte, lag ihr eine Sache ganz besonders am Herzen: die Zukunft benachteiligter Kinder. "Wir lassen kein Kind zurück", heißt ein zentraler Satz in der Präambel des Regierungsprogramms. Dahinter steht die Überzeugung, dass jedes Kind die gleichen Chancen auf ein gelingendes Aufwachsen haben soll, unabhängig von seiner sozialen Herkunft.

Das ist mehr als drei Jahre her - und heute legt Kraft die neuesten Ergebnisse ihres auf Vorbeugung ausgelegten Projekts "Kein Kind zurücklassen!" (Kekiz) vor. Flankiert von Wissenschaftlern der Bertelsmann-Stiftung wird sie ungeachtet der Schwächen des Projekts wohl vor allem die Erfolge herausstellen. Und tatsächlich gibt es in den 18 Modellkommunen auch vielversprechende Ansätze.

95 Prozent der Eltern zum Austausch bereit

Zum Beispiel in Moers. Dort ermitteln Fachkräfte in den beiden städtischen Geburtskliniken anhand eines Fragenkatalogs, ob Eltern von Neugeborenen psychisch oder sozial unterstützt werden müssen. Das Angebot ist freiwillig - und dem Bericht zufolge sehr erfolgreich: 95 Prozent der Eltern sind bereit, sich mit den Experten auszutauschen.

Oder in Gelsenkirchen. Angestellte der Stadt, in der die Kinderarmut und die soziale Not besonders groß sind, besuchen schon seit 2005 alle Eltern zur Geburt ihres ersten Kindes. Dabei steht das persönliche Gespräch im Vordergrund. Ziel ist es, die jungen Familien zu motivieren, an Bildungsangeboten teilzunehmen. Mit Erfolg: Die Nachfrage steigt, jährlich werden über 80 Prozent aller Eltern erreicht. In Düsseldorf werden alle Kinder, die neu in die Kita kommen, ärztlich untersucht. Eine Kinderkrankenschwester testet im Beisein der Eltern Seh- und Hörvermögen und kontrolliert, ob das Kind geimpft ist. Daneben werden Sprache, Grobmotorik und Auge-Hand-Koordination getestet. So soll zu einem frühen Zeitpunkt Förderbedarf ermittelt werden.

All diese Angebote folgen der Erkenntnis, dass soziale Hilfen nur erfolgreich sein können, wenn sie die Familien einbeziehen. So sieht es auch die Bertelsmann-Stiftung in ihrem Begleitbericht, der unserer Redaktion vorab vorliegt. Umso mehr, wenn es sich um arme Familien handelt. "Arme Kinder sind in allen schulrelevanten Entwicklungsmerkmalen auffälliger als nicht arme Kinder", schreiben die Wissenschaftler. Sie könnten sich schlechter konzentrieren, sprächen nicht so gut und könnten schlechter zählen als Kinder, die nicht von Hartz IV leben müssten.

"Armut ist mehr als zu wenig Geld"

Gleichzeitig würden sie durch vorbeugende Angebote schlechter erreicht. Das liege auch daran, dass die Angebote meist so ausgestaltet seien, dass sie eher die Mittelschicht ansprächen. Zusätzlich würden diese Kinder dadurch benachteiligt, dass in bestimmten Stadtteilen besonders viele Arme lebten. Die Studie kritisiert, dass die Aufhebung der Schulbezirksgrenzen dieses Problem noch verschärft habe. "Armut ist mehr als zu wenig Geld. Armut ist Mangel an ökonomischen, sozialen und kulturellen Ressourcen in einem gelingenden Leben", schreiben die Autoren.

Die Kosten für die Gesellschaft sind hoch. Die Bertelsmann-Studie zitiert aus einem Prognos-Gutachten, wonach 2009 in NRW Folgekosten von 23,6 Milliarden Euro entstanden. Ein Drittel davon entfällt auf die öffentliche Hand, etwa durch entgangene Steuern infolge von Arbeitslosigkeit oder sozialer Hilfen. Mehr als die Hälfte der Kosten, die auf Jugendliche entfielen, mussten die Kommunen schultern, indem sie Heimplätze anbieten oder Vollzeitpflege finanzieren.

Das Kekiz-Projekt geht davon aus, dass diese Kosten sinken, wenn nur rechtzeitig in vorbeugende Politik investiert wird. Doch ausgerechnet dieser Zusammenhang lässt sich der Studie zufolge bisher gar nicht nachweisen: Während Prävention eher konkret und kleinteilig sei, könnten die sozialen Folgekosten oft nicht auf einzelne Ursachen zurückgeführt werden: "Der Nachweis eines solchen Zusammenhangs ist ausgesprochen schwierig."

Um künftig zielgerichtet fördern zu können, müssen die Kommunen der Studie zufolge zudem die Lebensläufe benachteiligter Kinder noch viel besser begleiten als bisher. Kitas und Schulen müssten besser eingebunden werden. Für die meisten Städte ist das eine Herausforderung, wie die Forscher einräumen. Sie bräuchten mehr Unterstützung, auch durch die Politik, resümiert die Bertelsmann-Stiftung und hat auch einen Vorschlag parat: Wie in Kanada solle künftig ein zentrales, neutrales Forschungsinstitut für die Erhebung und Auswertung der Daten zuständig sein.

Quelle: RP
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