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Endspurt vor der Landtagswahl
Wie der letzte Wahlkampftag von Kraft und Laschet lief

NRW-Wahl 2017: Endspurt mit Hannelore Kraft und Armin Laschet
Armin Laschet (CDU) und Hannelore Kraft (SPD) am Tag vor der NRW-Landtagswahl. FOTO: rtr & dpa; MONTAGE: RPO
Aachen/Düsseldorf. Am Tag vor der Wahl wirken Hannelore Kraft und Armin Laschet abgekämpft. Seine Stimme versagt, ihre Augen sind rot und klein. Kurz bevor die Wahllokale öffnen, zeigen sich die Konkurrenten in NRW nochmal dem Volk. Das könnte unterschiedlicher kaum sein. Von Henning Rasche

Wenn mangelnde Aufmerksamkeit mit dem Blick aufs Handy gleichzusetzen ist, dann ist Peter Tauber sehr unaufmerksam. Dabei spricht, nur ein paar Meter von ihm entfernt, seine Chefin. Im frisch-grünen Blazer erklärt Angela Merkel, warum der Armin jetzt übernehmen muss und es in NRW bloß noch drunter und drüber geht. Peter Tauber kümmert das nicht, er hält sein Handy vor sich, macht Fotos, filmt, und grinst dabei wie der Autogrammjäger, der seine Sammlung komplettiert. Dem Generalsekretär der CDU gefällt das.

Samstagmorgen, 11 Uhr, Abteitor, Aachen-Burtscheid. Es ist der letzte Auftritt von Armin Laschet, bevor die Wahllokale am nächsten Morgen öffnen. So gerne würde er Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen werden. Er hat die CDU-Parteivorsitzende in sein Wohnzimmer eingeladen und ihr sogar das Taufbecken in seiner Heimatstadt gezeigt. Merkel, die Kanzlerin, soll ihm die letzten wichtigen Pluspunkte bringen. Es steht, sagen die Umfragen, Spitz auf Knopf.

Armin Laschet und Angela Merkel in Aachen. FOTO: rtr, MAT

Was Merkel zumindest gelingt: Sie lockt die Leute an. Wie ein Magnet wurden Hunderte angezogen, und stehen nun bereit, um die Regierungschefin einmal aus der Nähe zu sehen. Wer ein CDU-Parteibuch hat, darf sich Hoffnung auf einen Sitzplatz im abgesperrten Bereich machen. Wer keins hat, drängt sich in der Menge – und hat wahrscheinlich ein Pappschild mit der Aufschrift "Tihange abschalten" vor dem Gesicht. Der bloß ein paar Kilometer entfernte Atommeiler in Belgien bereitet den Menschen hier Sorgen.

Vier Stunden später, Frankenplatz, Düsseldorf-Derendorf. Die SPD hat zum Familienfest geladen. Die Farbe Rot dominiert: Luftballons, Stiefmütterchen, Blusen, Sonnenschirme. Hier soll Politik nach Bratwurst schmecken, 2,40 Euro das Stück. Auf der Bühne machen vier Männer, die sich Fischgesichter nennen, ein paar doofe Witze und Musik. "Sympathy for the devil" und "Dänen lügen nicht", ein paar Leute klatschen, Kinder spielen.

Sie haben keine Kraftreserven

Düsseldorf ist kein klassisches SPD-Land, falls es so etwas noch gibt. Aber 2012, bei der vorherigen Landtagswahl, da war Hannelore Kraft am Tag vor ihrem Triumph auch auf diesem Familienfest, logisch, dass sie heute wiederkommt. Wo in Aachen Zäune die Distanz zur Politprominenz herstellen, stehen in Düsseldorf Biertischgarnituren. Ein Mann mit Fortuna-Shirt wankt vor der Bühne umher und grölt zu Udo Lindenberg. Vor dem Abteitor hätten ihn Beamte des Bundeskriminalamts unsanft davon abgehalten.

Die Zeit kurz vor der Wahl wird immer wichtiger, weil sich so viele Bürger erst im letzten Moment entscheiden, wen und ob sie überhaupt wählen. Herausforderer und Ministerpräsidentin haben sich aber keine Kraftreserven geschaffen, sie wirken erschöpft und abgekämpft. Wahlkampf ist Existenzkampf. Armin Laschets Stimme überschlägt sich, er muss sich räuspern, immer wieder. Hannelore Kraft wirkt zwar fideler, aber ihre Augen sind klein und rot. Viel geschlafen hat sie nicht.

Hannelore Kraft im Gespräch mit Bürgern in Düsseldorf. FOTO: rtr, TS/DAM

Wenn es stimmt, dass die Leute wieder politischer werden, dann sieht man das auch daran, wie viele zu den beiden Veranstaltungen kommen. Vor dem Bratwurststand der SPD ist eine knapp 30 Meter lange Schlange, bei der CDU kommt man nicht einmal mehr unfallfrei zum Presseeingang. Und die Menschen nehmen mit, was sie können. Fotos und Unterschriften mit und von Kraft und Merkel (und nicht etwa Armin Laschet), einen Blick auf die Promis oder einen Kugelschreiber. Die Junge Union verteilt kleine Chipstüten mit der Aufschrift "Lecker Wahlmampf". Die gesunde Ernährung überlassen sie offenbar den Grünen.

"Halt viel Populismus dabei"

Der Auftritt von Laschet ist kurz und bündig. Sein graues Haar, so wirkt es, ist dichter geworden. Er spricht noch einmal seine Themen an, keine Überraschungen: Bildung und Sicherheit. Laschet sagt: "Ich will, dass die Menschen hier genauso sicher leben können wie in Hessen oder Bayern." Den Platz vor dem Abteitor in Burtscheid bewachen Kohorten der Polizei. Studenten hatten vor seinem Auftritt ein Plakat enthüllt: "Herr Laschet, wo ist meine Klausur?", stand darauf. Eine kleine Erinnerung daran, dass er als Dozent Noten für Klausuren vergab, die er verloren hatte, auch an Studenten, die gar nicht mitgeschrieben hatten.

Hannelore Kraft lässt ein halbes Stündchen auf sich warten, bevor sie unter Jubel auf die Bühne geht, auf der das letzte Fischgesicht noch das Mikrofon abräumt. Sie erzählt, dass sie am ganzen Arm Schrammen hat, weil sie so viele Rosen verteilt hat. Sie bittet um Vertrauen, um "Ihre Stimme", und sie klingt dabei fast demütig. "Wir sind alle Menschen, wir machen nicht immer alles richtig, aber die Richtung stimmt", sagt Kraft. Sie verspreche nicht allen alles, sagt sie, aber sie verspreche realistische Politik.

Während Krafts Auftritt alleiniger Höhepunkt des Frankenplatz-Festes ist, hat sich Armin Laschet mit der Kanzlerin ein wenig ins Abseits manövriert. Merkel indes wirkt bisweilen fahrig, unkonzentriert. Sie spricht von der "Grenzenregion", sagt: "Wir haben es in der Tat, äh, in der Hand" und: "Die Menschen hier sind ja genauso klug wie in Nordrhein-Westfalen, äh, Hessen." Kleinigkeiten, gewiss, aber es fällt auf.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Wer der Kanzlerin zuhört, könnte den Eindruck gewinnen, es sei gefährlich, in NRW zu leben. Sie klingt ein wenig, als würde den Menschen hier das Auto unterm Sitz weggeklaut. Wenn die SPD Deutschland schlecht redet, dann redet die CDU Nordrhein-Westfalen schlecht. "Es ist jetzt halt viel Populismus dabei", sagt ein älterer Mann hinter dem Zaun. Wahlkampf ist Existenzkampf.

Was Sie über die Wahl in NRW wissen müssen

Auf dem Frankenplatz droht die eine Mutter der anderen mit einem "Schlag in die Fresse". Keiner weiß warum, die Fischgesichter singen weiter. Anders als in Aachen sieht man hier weniger Krawatten, weniger graues Haar, weniger Polizeibeamte. Man sieht: Freizeithemden, Jeans, Fähnchen, Altbier. Die Stimmung ist gut, trotz der engen Umfragen. Ein SPD-Fan aus Mülheim sagt: "Gucken Sie in die USA, da hat Hillary Clinton auch vorne gelegen." Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Ein letztes Mal Abteitor, ein letztes Mal Peter Tauber. Kein Wort sagt der CDU-Generalsekretär an diesem Samstagvormittag. Sein Auftritt wirkt dennoch ein wenig bizarr; er wirkt, als gehörte er gar nicht dazu. Als zum Abschluss das Deutschlandlied erklingt, hält er Abstand zu Wolfgang Bosbach. Die anderen stehen dicht zusammen. Als einziger hält sich Tauber die Hand aufs Herz. Er hat jetzt sein Handy weggelegt, aber er grinst immer noch. Und singt.

 
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